Prolog
**Der erste Schrei wurde von den Wölfen verschluckt, bevor er ihren Mund ganz verlassen konnte.**
Sie rannte so, wie Menschen rennen, wenn ihnen nichts anderes mehr bleibt – nicht schnell, nicht elegant, einfach nur vorwärts. Äste streiften ihre Wange, verfingen sich in ihrem Kragen und ritzten die empfindliche Innenseite ihres Handgelenks auf. Der Waldboden bewegte sich unter ihren Stiefeln, als wäre er lebendig – absichtlich, verschwörerisch. Jedes Mal, wenn sie festen Halt fand, gab der Boden erneut nach: Wurzel, Schlamm, Stein, Wurzel.
Das Foto blieb gegen ihre Brust gepresst. Sie dachte nicht bewusst daran, es festzuhalten. Ihre Hand war schlicht nicht bereit, es loszulassen.
*Noch nicht*, dachte sie. Oder sagte sie es vielleicht laut? Sie konnte es nicht mehr unterscheiden. Ihr Atem kam nur noch stoßweise, und jeder einzelne Atemzug kostete sie etwas. Blut aus der Wunde über ihrer Augenbraue lief ihr ins linke Auge, färbte ihre Sicht rot und machte sie halb blind.
*Noch nicht. Bitte.*
Ein Heulen zerriss die Nacht irgendwo hinter ihr.
Automatisch schätzte sie die Entfernung ein, so wie man die Distanz eines Donners berechnet. Nicht nah. Aber auch nicht weit genug, um etwas zu bedeuten.
Ihr Stiefel blieb an etwas Vergrabenem hängen. Sie stolperte seitwärts und fing sich mit beiden Händen an einem Baumstamm ab. Die Rinde war kalt und nass und biss sich in ihre Haut. Schmerz breitete sich wie eine Flut durch ihre Rippen aus. Als sie eine Hand gegen ihre Seite presste, spürte sie die Wärme dort und dachte mit einer Klarheit, die sie nicht wollte:
*Zu viel.*
Trotzdem lief sie weiter.
Das Mondlicht legte alles bloß – silberne Äste, feuchte Erde, offene Lichtungen dort, wo Schatten hätten sein sollen. Es verschluckte Dunkelheit nur, um sie an unerwarteten Orten wieder entstehen zu lassen. Sie beobachtete die Zwischenräume der Bäume wie jemand eine Tür beobachtet, von der er weiß, dass sie sich bald öffnen wird.
Als das zweite Heulen erklang, war es näher.
Die Bäume zwischen ihr und dem Geräusch wirkten plötzlich dünner.
Ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen.
*Sie sind zu schnell. So schnell dürften sie nicht sein.*
Etwas verfing sich im Ärmel ihres Mantels. Ohne hinzusehen riss sie daran, hörte den Stoff reißen und rannte weiter. Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht – Schweiß, Regen, was spielte das noch für eine Rolle? Sie machte keine Anstalten, es beiseitezuschieben.
Wozu besser sehen, wenn es ohnehin nichts Besseres zu sehen gab?
Dann verstummte der Wald.
Nicht still wie eine Nacht.
Still wie etwas, das den Atem anhält.
Sie blieb stehen.
Die Stille hatte ihr eigenes Geräusch. Und sie hatte vor Jahren gelernt, genau zu verstehen, was sie bedeutete. Die Insekten hatten bereits begriffen, was kommen würde.
Langsam drehte sie sich um.
Zuerst erschienen die Augen.
Zwei blasse Flammen im Dunkel.
Dann weitere.
Links.
Tiefer.
Dort.
Dort.
Dort.
Sieben insgesamt, als sie schließlich aus dem Wald traten und lautlos durch das Unterholz glitten, als existierten die Blätter unter ihren Pfoten überhaupt nicht.
Wölfe.
Doch dieses Wort trug nicht das richtige Gewicht für das, was sie waren.
Sie umkreisten sie wie Wasser einen Stein umkreist. Ohne Eile. Ohne Zögern. Als wäre das Ergebnis längst beschlossen worden und dies lediglich die Zeremonie seiner Vollstreckung.
Sie wich zurück, bis sie die gewaltigen, uralten Wurzeln eines Baumes gegen ihre Beine spürte.
Ihr Atem verlangsamte sich, ohne dass sie es befohlen hätte.
Der größte Wolf trat vor.
Schwarz.
Viel größer, als er hätte sein dürfen.
Er bewegte sich mit der ruhigen Sparsamkeit eines Wesens, das nie gelernt hatte, sich zu beeilen. Seine Augen waren silbern.
Und sie betrachteten sie so, als hätten sie lange über sie nachgedacht.
Sie kannte diese Augen.
Die Erkenntnis traf sie hart genug, um einen Schritt zurückzuweichen.
*Du.*
Sie sagte nichts. Ihr Mund öffnete sich, doch keine Worte kamen heraus. Das Foto zerknitterte leicht gegen ihre Rippen.
„Also stimmt es“, sagte sie schließlich.
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Einer der Wölfe hinter ihr ließ ein tiefes Geräusch hören.
Nicht aggressiv.
Etwas Unangenehmeres.
Fast wie eine Entschuldigung.
*Sie haben dich zu schnell gefunden.*
Sie wandte den Blick vom schwarzen Wolf ab. Als sie ihn wieder ansah, hatte sich etwas in ihrem Gesicht verändert. Nicht Entschlossenheit. Etwas anderes.
Etwas verriet, wie erschöpft sie unter all dem wirklich war.
Ihre Knie fanden den Boden, bevor sie bewusst entschieden hatte zu knien.
Der Schlamm sog sich sofort in ihre Jeans – kalt, fest, real auf eine Weise, die sie brauchte.
Ihre Finger tasteten automatisch durch die nasse Erde am Fuß des gewaltigen Baumes und folgten der Form einer Erinnerung.
Als sie die Höhlung zwischen den Wurzeln fand, entwich ihr ein leiser, gebrochener Laut.
„Immer noch da.“
Rasch zog sie einen Ordner aus ihrem Mantel. Ihre blutverschmierten Finger hinterließen dunkle Flecken auf dem Einband.
Sie sah nicht hinein.
Zu oft hatte sie bereits hineingesehen.
Namen.
Fotografien.
Dinge, für die sie jahrelang gesorgt hatte, dass niemand sonst davon erfuhr.
Sie schob den Ordner in die Höhlung und bedeckte ihn mit Erde. Mit den Handflächen drückte sie den Boden fest.
Etwas an dieser Bewegung wirkte wie ein Begräbnis.
Als sie fertig war, legte sie beide Hände flach auf die Erde und hielt sie dort.
Der Regen setzte ein.
Sanft.
Fast lautlos.
So, wie Regen fällt, wenn er sich den ganzen Abend gesammelt hat und schließlich keine Gründe mehr findet zu warten.
Langsam erhob sie sich.
Zentimeter für Zentimeter.
Jeder Muskel ihres Körpers registrierte die Anstrengung.
Dann wandte sie sich dem schwarzen Wolf zu.
Er war inzwischen so nah gekommen, dass sie die Struktur seines Fells erkennen konnte. Und die Intelligenz in seinen Augen.
Die beunruhigende Intelligenz eines Wesens, das mehr verstand, als es sagen konnte.
„Sie zwingen dich auch dazu“, sagte sie.
Es war nicht ganz eine Frage.
Er bewegte sich nicht.
Lange sah sie ihn an.
Dann wandte sie den Blick ab.
Denn die Wahrheit direkt anzusehen gelingt den meisten Menschen nur für kurze Zeit.
„Wenn sie von ihr erfahren ...“
Sie brach ab.
Begann erneut.
„Sie ist ein Kind. Sie weiß nichts davon. Ihr ganzes Leben liegt noch vor ihr.“
Ihre Stimme brach beim letzten Satz.
Sie schwieg und presste die Lippen zusammen.
Die Wölfe begannen, den Kreis enger zu ziehen.
Langsam.
Bedacht.
Nicht wie Jäger, die Beute einkreisen.
Sondern wie Begleiter, die jemanden dorthin führen, wo er nicht hingehen will.
Sie verstand, was das bedeutete, noch bevor sie es vollständig begriff.
Alles Blut wich aus ihrem Gesicht.
„Nein.“
Das Wort war zu klein für das, was sie meinte.
„Nein ... ihr könnt nicht ...“
Einer der Wölfe schnappte dicht vor ihren Füßen nach der Luft.
Einmal.
Und er sah nicht im Geringsten bedauernd aus.
Sie erstarrte.
Lange Zeit war nichts zu hören außer dem Regen in den Bäumen, ihrem unregelmäßigen Atem und dem leisen Rascheln der Wölfe, die ihre Positionen veränderten.
Sie sah jedem einzelnen ins Gesicht.
Als könnte einer von ihnen ihr etwas anderes anbieten.
Keiner tat es.
Langsam hob sie das Foto an.
Das kleine Mädchen darauf lächelte ihr entgegen.
Dunkle Locken.
Leuchtende Augen.
Die Arme um einen Stoffwolf geschlungen, der fast größer war als sie selbst.
Dieser Ausdruck von vollkommen unkompliziertem Glück.
Die Art von Glück, die nur existiert, bevor man lernt, wie die Welt wirklich funktioniert.
Bevor etwas den Glauben an Sicherheit zerstört.
Das Gesicht der Frau zerbrach.
Nicht langsam.
Auf einmal.
Der Regen war kalt.
Sie konnte ihn nicht aufhalten und versuchte es nicht.
Etwas, das bislang von Wut, Verzweiflung und purem Willen zusammengehalten worden war, brach dort auf der Lichtung auseinander, während die Wölfe warteten.
„Talia.“
Der Name klang wie ein Gebet.
Wie eine Entschuldigung.
Wie ein Abschied.
Behutsam senkte sie das Foto.
Als würde sie etwas weglegen, das sie nie wieder berühren würde.
Als sie den Kopf hob und zum Mond blickte, waren ihre Augen trocken.
Sie wirkte wie jemand, dem die Tränen schon lange vor dieser Nacht ausgegangen waren.
Was blieb, war lediglich das Ende von etwas.
Der genaue Moment, in dem sich eine Tür schließt und das Geräusch kaum hörbar ist.
Ihre Lippen öffneten sich.
„Die Prophezeiung hat bereits begonnen.“
Dann – Stille.
Die Art von Stille, die nur nach etwas Unumkehrbarem existiert.