Der Tag, an dem sich alles veränderte
Arias Perspektive
Vor zehn Jahren
„Elena.“ Ich rief nach meiner kichernden Schwester.
„Geh nicht zu nah ans Wasser,“ warnte ich sie, während ich mit ein paar Enten spielte.
„Ich kann schwimmen, ich bin schon groß,“ widersprach die Siebenjährige trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Sei einfach vorsichtig. Wir haben nur noch ein paar Minuten, bevor Vater Wachen schickt, um uns zu suchen,“ erinnerte ich sie, bevor ich meinen Blick wieder den Enten zuwandte.
Ich hörte, wie Wasser spritzte, und Elenas helles Lachen – dann ein Quietschen. Ich drehte mich um und suchte panisch nach ihr im aufgewühlten Wasser.
„Elena?“ Ich erhob mich langsam und ging zum Ufer, doch ich konnte sie zwischen den Wellen nicht erkennen.
„Aria, hier! Ich schwimme!“ rief Elena vergnügt, und ich atmete erleichtert auf.
„Geh nicht zu weit hinaus, Elena! Sei vorsichtig!“ rief ich ihr nach, aber sie ignorierte mich und schwamm tiefer ins Wasser. Ich suchte mit den Augen nach ihrem blonden Haar, doch die Wellen verdeckten ihre Gestalt.
Der Wind frischte auf, und ich strich mir mein dunkelbraunes Haar aus dem Gesicht, während Sorge in mir aufstieg.
„Elena? Komm ans Ufer zurück, die Wellen werden stärker!“ rief ich, aber keine Antwort kam zurück.
„Elena?“ Ich schrie diesmal, während meine Füße mich langsam ins Wasser trugen. Die Strömung zog mich hinein, und ich leistete keinen Widerstand, meine Augen suchten fieberhaft nach meiner Schwester.
„Aria!“ Elenas schwacher Schrei erreichte mich, und ich drehte mich sofort um. Ich sah sie – wie sie gegen die Wellen kämpfte, strampelnd, verzweifelt.
„Hilf mir!“ schrie sie, ihre Worte gingen fast im Wasser unter.
Ich schwamm so schnell ich konnte, kämpfte gegen die Kälte, gegen die Wellen – alles, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
„Elena!“ rief ich, als ihr Kopf untertauchte und sie verschwand.
Ich ignorierte die eisige Kälte, die meine Glieder lähmte, und schwamm weiter, bis ich ein Aufblitzen sah – Elenas rosa Kleid.
Endlich erreichte ich sie, packte ihre Hand und zog sie an mich, während ich versuchte, zurück ans Ufer zu schwimmen.
„Elena!“ rief ich, doch plötzlich zog sie an mir – zurück, tiefer ins Wasser.
„Aria, ich kann meine Zehen nicht mehr fühlen,“ hauchte sie kaum hörbar über das Donnern der Wellen.
„Nur noch ein Stück, bitte halte durch!“ flehte ich und legte meinen Arm fester um ihre Taille. Ich kämpfte gegen die Wellen, spürte, wie sie schwerer und kälter wurde.
Dann glitt sie mir aus den Händen, und Panik überkam mich.
„Elena? Aria!“ ferne Stimmen riefen nach uns.
„Hier! Hier drüben!“ schrie ich, das Salzwasser brannte in meinem Hals.
„Hilfe! Bitte, helft uns!“ Ich schluchzte, während uns die Wellen hin- und herschleuderten.
Elena war noch bei mir, aber meine Kräfte schwanden. Meine Glieder wurden taub, meine Augenlider schwer. Ich war zu müde, um uns beide über Wasser zu halten... zu schwach, um weiterzukämpfen.
War das das Ende? War das, wie wir sterben würden – meine Schwester und ich?
Bilder schossen mir durch den Kopf. Ich wollte mich bewegen, weiterschwimmen, irgendetwas tun – doch mein Körper war taub.
„Elena! Aria!“ Wieder Stimmen, diesmal näher. Ich wollte schreien, aber meine Stimme versagte. Wir sanken... immer tiefer.
Dann – plötzlich – spürte ich eine starke Hand um meine Taille, die mich nach oben zog. Ich schnappte gierig nach Luft und begann zu husten.
„Elena... Elena!“ wollte ich sagen, dass sie noch unten war, doch mir fehlte die Kraft, ganze Sätze zu formen.
„Wir haben sie. Beruhig dich, du bist in Sicherheit,“ sagte ein Mann sanft und hüllte mich in ein Tuch.
„Lauf voraus und informiere Alpha Marcus, dass wir sie gefunden haben,“ befahl er einem anderen, bevor er mich in Richtung Rudelhaus trug.
Ich war zu erschöpft. In dem Glauben, Elena sei in Sicherheit, schloss ich die Augen – und ließ die Dunkelheit mich umfangen.
Als ich wieder zu mir kam, war das Erste, was ich hörte, ein Schrei.
„Nein, das kann nicht sein!“ schrie meine Mutter, und ich fuhr erschrocken aus dem Bett hoch.
Was war passiert?
Ich taumelte aus meinem Zimmer, ignorierte den Schmerz, der durch meinen Körper brannte, und die Schwindelwelle, die mich erfasste.
Die Stimmen kamen aus Elenas Zimmer. War sie verletzt?
Vorsichtig öffnete ich die Tür. Elena lag auf dem Bett – blass, reglos, fast durchsichtig. Mutter und Vater standen über ihr. Mein Herz krampfte sich zusammen.
„Geht es ihr gut?“ fragte ich leise.
Meine Mutter wandte sich um – ihre Augen voller Zorn.
„Du. Du hast das getan.“ Ihr Blick brannte sich in mich, voller Hass.
„Beruhige dich,“ sagte mein Vater, hielt sie fest, doch sie riss sich los.
„Du hattest nur eine Aufgabe! Du solltest auf deine Schwester aufpassen! War das zu viel verlangt, Aria?“ spie sie mir entgegen, und ich wich zurück.
„Du stehst da und tust unschuldig, fragst nach deiner Schwester, als wärst du nicht der Grund, warum sie jetzt tot ist!“ schrie sie, und alles in mir erstarrte.
„Was?“ hauchte ich, mein Blick auf Elenas leblosen Körper gerichtet.
„Du hast deine Schwester getötet, Aria. Du hast sie nicht beschützt,“ schluchzte meine Mutter, bevor sie in Tränen ausbrach.