GRACE
„Hä?“ Samantha verbarg ihre Überraschung nicht.
Okay, ich riskiere gerade echt, mir selbst zu schaden. Ich muss um sieben Uhr morgens wieder anfangen und bin noch nicht mal im Bett, obwohl es kurz vor Mitternacht ist.
Ich unterhalte mich gerade mit Samantha und David, vor uns auf dem Tisch liegen leere Pizzakartons.
Die beiden standen überraschenderweise ein paar Minuten vor acht vor meiner Tür. Obwohl sie ein paar Minuten brauchten, um sich aneinander zu gewöhnen, unterhielten sie sich bald angeregt über Smalltalk und Pizza. Und mein Wunsch, einzuschlafen, vergaß ich im Nu.
Mitten in all dem, was geschah, erzählte ich ihnen von meinem Chef. Auf diese Information reagierte Samantha.
„Der Dominic Powers persönlich?“ Samantha wäre beinahe vom Sofa gesprungen.
„Dom, Dom, was gibt’s denn jetzt schon wieder?“ Ich klang desinteressiert, aber innerlich lechzte ich nach Informationen. Anscheinend wusste Samantha etwas Wichtiges über meinen neuen Chef. Doch Sam missfiel mein Tonfall, und sie schlug mir blitzschnell auf den Arm. „Autsch.“
„Das kommt davon, wenn man den Namen eines sexy aussehenden Mannes in den Dreck zieht.“
„Na, das bestätigt es ja. Ich bin nicht so sexy.“ Wir wandten unsere Blicke David zu, der gerade das letzte Stück Pizza aß. „Ich meine“, fuhr er zwischen den Bissen fort, „seit ich hier bin, hat mich niemand sexy oder auch nur süß genannt. Ich habe mein Aussehen und meinen Charme verloren.“ Er begann dramatisch zu weinen. „Aber es ist okay.“
Sam und ich wechselten einen Blick und schauten dann zurück zu David, der jetzt einen treuherzigen Hundeblick aufsetzte.
Samantha schnaubte über sein Drama und tippte mich an, damit ich fortfuhr, was sie gesagt hatte.
„Ich habe letzte Woche im Internet über Dominic Powers gelesen. Mit seinen 28 Jahren ist er bereits auf dem besten Weg, der König der Börse zu werden. Er ist jung, attraktiv und Sie können sich glücklich schätzen, mit ihm zusammenzuarbeiten.“
„Ich passe auf seine Tochter auf, ich arbeite nicht mit ihm zusammen. Aber er ist zweifellos sexy.“
„Und Sie arbeiten in seinem Haus! Stellen Sie sich nur vor, wie schön es wäre, jeden verdammten Tag so einen fantastischen Anblick zu haben!“
„Du bist viel zu aufgeregt.“ Ich wies ihre Worte schnell zurück, bevor ihre Begeisterung meine Fantasie beflügeln konnte. „Ich muss schlafen. Ich kann es mir nicht leisten, am ersten Tag zu spät zur Arbeit zu kommen.“
„Ich bin wirklich müde“, sagte Samantha und gähnte laut.
Nachdem ich in meine Hausschuhe geschlüpft war, stand ich auf und machte mich bereit für ein Date mit meinem Bett.
Mein Blick fiel auf David, der mit seinem Laptop beschäftigt war, und ich fragte: „David, bist du sicher, dass es für dich in Ordnung ist, auf der Couch zu schlafen? Du kannst gerne zu uns ins Zimmer kommen, wenn du möchtest.“
„Ja, mir geht’s gut.“ Er blickte von seinem Bildschirm auf. „Außerdem wäre es für meinen kleinen Freund nichts, mit zwei umwerfend schönen Damen im selben Bett zu schlafen.“
Nachdem ich sichergestellt hatte, dass eine Decke neben ihm lag, nahm ich Samanthas Hand und wir gingen in mein Zimmer.
„Ich bin stolz auf dich, weißt du?“, sagte Sam und legte ihre Hand um meine Taille.
„Warum?“ Ich vergrub meine Hand in meinem seidenen, dunkelblauen Schlafanzug.
„Das ist das erste Mal seit drei Wochen, dass ich keinen Anruf von dir bekomme, in dem du völlig betrunken bist und mir wirre Reden über dein Leben hältst.“
Ich grinste sie an, als wir die Schlafzimmertür aufstießen. „Was soll ich sagen? Die Dinge ändern sich eben im Leben.“
„Ich bin stolz auf dich, Grace.“
Ihre Worte brachten mich zum Lächeln. Wir umarmten uns einige Sekunden lang und im nächsten Moment sprangen wir ins Bett, um zu plaudern, bis der Schlaf uns übermannte.
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Ich mochte Mathe noch nie.
Schon als Fünfjähriger habe ich mich wie verrückt gegen dieses Thema gewehrt.
Als ich also die kleine Ruby beobachtete, wie sie Herrn Roberto, ihrem Heimlehrer, aufmerksam zuhörte, wurde mir schwindelig.
Völlig erschöpft von der letzten Session entsperrte ich mein Handy in der Hoffnung, etwas Unterhaltsames in den sozialen Medien zu finden. Das habe ich in den letzten sechs, fast sieben Stunden fast hundertmal getan.
Und obwohl Ruby noch etwa neunzehn Minuten Zeit hatte, ihren Schulstoff für den Tag zu erledigen, beschloss ich, dass ich es nicht mehr aushalten konnte.
Es war schon Strafe genug, dass ich während der gesamten siebenstündigen Unterrichtszeit an einem Ort sitzen musste, denn Herr Roberto – der nicht gerade lustige, sehr mürrische Lehrer – mag es nicht, wenn Fremde seine Sachen berühren oder in seiner kleinen Wohnung herumlaufen.
Obwohl sein Anwesen nicht so riesig war wie das von Mr. Powers, war es offensichtlich, dass auch er wohlhabend war. Warum er sich für Heimunterricht entschied, war mir ein Rätsel.
Ich ging aber einfach davon aus, dass er das als Hobby machte.
Bald schon führten die verbleibenden neunzehn Minuten zum Ende der längsten und schmerzhaftesten sieben Stunden meines Lebens seit meinem Schulabschluss.
Am schmerzhaftesten ist es, weil ich nicht weggehen konnte, da ich dem Gedanken, den nicht gerade freundlichen Mann mit einem fünfjährigen Kind allein zu lassen, nicht traute.
Ich atmete erleichtert auf, als mein Hintern den gepolsterten Stuhl verließ.
„Komm schon, Ruby. Lass uns gehen“, sagte ich zu dem jungen Mädchen, das mit ihren Büchern zu kämpfen hatte.
Ich half ihr bei ihren Schwierigkeiten und packte ihre Bücher in ihre Tasche, die sie unbedingt selbst tragen wollte.
Ich schätze mich glücklich, ein so entzückendes Kind wie Ruby betreuen zu dürfen.
„Na gut, Ruby. Lass uns gehen.“ Lass uns weit weg von diesem Zimmer gehen, das mich so sehr gequält hat.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, ihren Lehrer zum Abschied zu begrüßen. Der Kerl war sowieso damit beschäftigt, sich wegzurollen.
Aber verdammt noch mal! Ich werde ihn morgen trotzdem sehen.
Ruby und ich stiegen in den Aufzug und im Nu waren wir in unserem Stockwerk.
„Juhu! Ab ins Schwimmbad!“ Ruby warf ihre Tasche auf den Boden, stürmte ins Haus und rannte die Treppe hinauf.
Obwohl ich von vorhin noch etwas mitgenommen war, schnappte ich mir ihre Tasche und ging ins Wohnzimmer. Ich ließ sie auf eines der Sofas fallen und mein Körper folgte ihr, denn ich sehnte mich nach Entspannung.
Im Nu drang Rubys Stimme die Treppe herunter, und ihr Mund gab lustige Geräusche von sich. Ich hörte zu, wie ihre Pantoffeln zu mir eilten, wo ich achtlos herumlag.
„Grace…“ Meine Augen schnellten auf und ich sah in ihren besorgten Gesichtsausdruck.
„Hey, Ruby.“
Das Mädchen hatte sich rasch umgezogen und trug nun einen blauen Badeanzug; in der einen Hand hielt sie einen Saftkarton.
„Wollen wir schwimmen gehen ?“ Ihre Stimme war leise und so besorgt, dass ich lächeln musste.
Ich hielt ihr die Hand hin, und sie half mir so gut es ging auf.
Nach kurzem Dehnen versicherte ich ihr, dass ich ihre Finger fest umklammert hatte, und sagte: „Auf jeden Fall. Ich kann es kaum erwarten, den Pool zu sehen.“
Doch ein leichtes Stirnrunzeln legte sich auf ihre Stirn. „Aber... Aber du trägst ja gar nicht deinen Strampler.“
Nein, Liebling, das bin ich nicht.
„Mensch!“, rief ich und schlug mir leicht gegen die Stirn. „Ich kann es nicht fassen, dass ich sie vergessen habe.“ Während sie mein kleines Drama beobachtete, verwandelte sich Rubys Stirnrunzeln in ein Schmollgesicht. „Ich werde trotzdem ins Becken gehen.“
„Wie? Du hast doch gar keinen Strampler.“
„Wartet einfach, bis wir am Pool sind, okay?“
Rubys niedliche Sorgen verflogen schnell. Ein Lächeln folgte, und schon bald zog sie an meiner Hand.
„Kommt schon, kommt schon. Los geht’s.“