Kapitel 7 MARVEL-GANG (2 )

1300 Words
GRACE Fiona stand vom Hocker auf und ging Richtung Ausgang. „Es ist fast drei Uhr, Ruby müsste jetzt unterwegs sein.“ Ich stand auf und folgte ihr. Als sie stehen blieb und mit dem Finger in der Luft hob, blieb auch ich stehen. Aber ich hob meinen Finger nicht. „Rubys Vater kommt gegen 19 Uhr zurück, also musst du bis dahin bleiben. Aber morgen früh musst du unbedingt wieder da sein. Du musst um 7 Uhr morgens hier sein. Wenn du früher kommen könntest, wäre das schön.“ „Danke, Fiona.“ Wir gingen weiter und als wir das große Wohnzimmer erreichten, öffnete sich die Haustür und ein kleines Mädchen erschien. Sie betrat den Raum vollständig, und mein ganzes Gesicht erstrahlte in einem breiten Lächeln. Das kleine Mädchen war sehr hübsch. Sie trug ein schwarzes Kleidchen mit einer rosa Blume in der Mitte und blaue Leggings und rannte mit ihren Flip-Flops auf Fiona zu, wobei sie dabei Geräusche machte. „Da ist ja mein Baby.“ Fiona drückte sie fest an ihre Brust, fast erdrückte sie das Mädchen mit ihrer Liebe und … ihrer Brust. Als sie sie losließ, sah Ruby mich an. Ihre Augen glänzten wie Honig, und ihr pechschwarzes Haar fiel so, dass ihre runden Gesichtszüge besonders zur Geltung kamen. Nach einem kurzen Blickkontakt wandte sich Ruby Fiona zu, die gerade den Rucksack des Mädchens abnahm. „Ist sie mein neues Kindermädchen?“ Ihre Stimme war so, wie sie sein sollte … wie die eines Kindes. Sie war nur nicht so hoch, wie manche Mädchen sie hatten. „Ja, Ruby. Sag Hallo.“ Sie streckte mir ihre kleine Hand entgegen. „Hallo. Ich bin Ruby. Und du?“ Mir fiel auf, dass sie leicht lispelte. Es war aber kaum wahrnehmbar. „Grace.“ Dein Babysitter. Keine Nanny. „Du bist hübsch.“ Sie klimperte heftig mit den Wimpern, wobei tiefe Grübchen zum Vorschein kamen, als sie lächelte. „Danke, Ruby. Du bist auch hübsch.“ „Willst du dir meine Spielsachen ansehen? Ich habe eine Iron Man-Actionfigur.“ Meine Güte. Ich hatte so eine Barbie-Gang erwartet, aber das ist gut. Ich nahm eine dramatische Pose ein. „Sag bloß, du bist auch ein Marvel-Fan?“ Sie hüpfte vergnügt und lächelte wieder. Mensch, ist die hübsch! Man kann sich nur vorstellen, wie gut ihre Eltern aussehen müssen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, gibt es hier keine Familienfotos. „Das bin ich!“ Ruby tat nicht so, als wäre ich eine Fremde, was ich aber war. „Ich liebe den Hulk!“ „Das ist ja toll. Wollen wir nach oben gehen und uns die Actionfiguren ansehen?“ Fiona und ich lächelten uns an, und sie zeigte mir den Daumen nach oben. Ruby ergriff meine Hand, ihre kleinen Finger bedeckten kaum ein Viertel meiner. „Komm, Grace. Wir können auch Thor gucken, wenn du willst.“ „Das würde ich sehr gerne tun.“ Ich lachte laut auf, als sie mich etwas mühsam die Treppe hinaufzog. Sie war wirklich ein nettes Kind. Und ich sollte diesen neuen Job total genießen. ******** Es war bereits nach sieben und Rubys Vater war noch immer nicht da. Ruby und ich saßen im Wohnzimmer und sahen uns ein paar kindgerechte YouTube-Videos an. Fiona war noch da und bereitete in der Küche das Abendessen zu. Während ich noch darüber nachdachte, wie meine Nacht wohl verlaufen würde, riss ein Geräusch an der Eingangstür unsere Blicke vom Laptop. „Papa!“ Ruby sprang auf, rannte zur Tür und umarmte den Mann, noch bevor er eintreten konnte. „Hey, Ruby. Wie geht es dir?“ Ich richtete mich auf, während ich auf ihn wartete. Seine Stimme klang wie die am Telefon, und obwohl mich seine damalige Art etwas genervt hatte, beschloss ich, gelassen zu bleiben. Schließlich ist er mein Arbeitgeber. „Mir geht’s gut, Papa. Ich hab ein neues Kindermädchen.“ Babysitter. Sag mal, Babysitter. Das ist nicht so schwer zu sagen. „Und sie ist sehr hübsch.“ Bei der Art, wie sie ausführlich sprach, hätte man meinen können, ich wäre Priyanka Chopra. „Schön. Lass uns reingehen.“ Ich beschloss, näher an die Tür heranzugehen, da es unhöflich gewesen wäre, wenn mein Arbeitgeber mir entgegenkommen müsste. Als ich die niedrige Stufe erreichte, die von draußen ins Wohnzimmer führte, blieb ich stehen. Ich blickte von meinem Schuh auf, den ich gerade überprüfte, um zu sehen, ob er einen Fleck von Rubys Malerarbeiten aufwies. Und als sich unsere Blicke trafen, blieb mir fast der Mund offen stehen. Mr. Powers, der attraktive Mann, den ich in Gedanken heiraten wollte, stand vor mir. Seine Tochter saß in seinen Armen und lächelte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen. Er setzte sie ab und kam auf mich zu. Als er wenige Meter vor der Treppenkante stehen blieb, blickte er mich mit seinen blauen Augen an. „Miss Sands. Ich habe gehört, Sie sind heute früh gekommen.“ Oh mein Gott, seine Stimme. Sie war so tief und doch sanft. „Gut. Halten Sie dieses Tempo durch, dann behalten Sie Ihre Stelle noch eine Weile.“ Nachdem er meine Ohren mit seiner ruhigen Stimme verwöhnt hatte, steckte Mr. Powers die Hände in die Hosentaschen seines Anzugs, den er, wie ich bereits erwähnte, hervorragend trug. „Ich hoffe, Fiona hat Sie durchgebracht“, sagte er. Da ich meinem Mund nicht trauen konnte, nickte ich und biss mir auf die Innenseite der Lippen, während ich sie fest zusammenpresste. „In Ordnung.“ Und er ging fort, seine Schuhe stiegen anmutig die Stufen hinauf, während sein Duft eine Spur hinterließ. Ich schlug mir die Hand vor die Stirn und stöhnte innerlich auf. Wie soll ich das überleben? Wie soll ich diesen Job überstehen, wenn mein Chef ein verdammt heißer, sexy, gutaussehender Mann ist? Wie soll ich erfolgreich auf die Tochter des Mannes aufpassen, den ich in meiner Fantasie beinahe geheiratet hätte? Oh je, meine armen Hormone! Es sieht so aus, als stünde euch ein harter Kampf bevor. „Grace…“ Ich nahm die Hände von meinem Gesicht und schenkte Ruby ein freundliches Lächeln. „Ruby, ich muss los. Ich brauche jetzt so viel Ruhe wie möglich.“ „Was? Du bleibst nicht zum Abendessen?“, fragte Fiona, die plötzlich auftauchte. „Nein, Fiona. Wie du weißt, muss ich morgen früh raus.“ Mein betrunkenes Ich wird davon nicht begeistert sein! Aber egal! Ich muss anständig aussehen! Ich dachte in Gedanken und sprach die Aussagen in einem singenden Tonfall. „Ich wünschte, du würdest bei uns wohnen. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen!“, sagte Ruby, und ich ging zu ihr, nachdem ich Fiona meine Tasche abgenommen hatte, die danach gegriffen hatte, bevor ich es konnte. „Ruby, ich komme morgen wieder und vielleicht können wir uns dann den Pool ansehen, von dem du gesprochen hast.“ „Okay.“ Ihr Schmollmund war traurig, aber ich freute mich, dass sie mich schon mochte. „Gute Nacht, Grace.“ Mein Lächeln war aufrichtig, als ich zurückgrüßte: „Gute Nacht, Ruby.“ Ich wollte gerade aufstehen, als ein iPhone-Klingelton den Raum erfüllte. Ich öffnete meine Tasche, um nachzusehen, ob es meins war, aber Fiona hielt mich auf und sagte: „Oh, das ist mein Handy. Wahrscheinlich ruft mein Sohn Kyle an.“ Mir wurde schwindelig. Fiona muss eine Veränderung in meinem Gesichtsausdruck bemerkt haben, als sie von ihrem bereits stummgeschalteten Handy aufblickte. „Schatz, ist alles in Ordnung? Du siehst ziemlich blass aus.“ „Ich … ich muss jetzt gehen“, brachte ich hervor. „Gute Nacht, Fiona. Gute Reise.“ „Gute Nacht. Schlaf gut.“ Ich lächelte und verließ das Zimmer. Ohne zu zögern, eilte ich zum Aufzug, drückte die Taste für mein Ziel und atmete erleichtert aus. Dann dachte ich: „Was hat Kyle mir angetan?“
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