Kapitel Eins – Das Feuer
Elena
Der Feueralarm ging los, genau in dem Moment, als Gabriel durch die Seitentür verschwand.
Zuerst geriet niemand in Panik.
Dann schrie jemand.
Flammen schossen über die Vorhänge und breiteten sich so schnell aus, dass der Raum augenblicklich im Chaos versank. Die Menschen stürmten zu den Ausgängen, stießen dabei Stühle und Tische um, während Rauch die Luft erfüllte.
„Alle raus!“, rief jemand.
Ich rannte zum nächsten Ausgang, blieb aber abrupt stehen, als mir auffiel, dass Gabriel nicht bei mir war.
Ich drehte mich um.
„Gabriel!“
Keine Antwort.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
Er war vor wenigen Minuten in das private Büro gegangen, um einige Dokumente für seinen Vater zu holen. Ich hatte ihm dabei zugesehen, wie er wegging, ohne zu ahnen, dass dies der letzte normale Moment dieser Nacht sein würde.
„Gabriel!“
Ein Mann packte meinen Arm.
„Miss, Sie müssen hier raus!“
„Mein Freund ist noch da drin.“
„Sie können nicht zurück!“
Ich riss mich los.
„Ich muss.“
Bevor er mich aufhalten konnte, rannte ich zurück in Richtung des Rauchs.
Die Hitze traf mich sofort.
Ich bedeckte meinen Mund mit dem Arm und kämpfte mich durch den Korridor. Der Rauch brannte in meiner Kehle und brachte mich zum Husten.
„Gabriel!“
Nichts.
Ich ging weiter.
Dann hörte ich einen lauten Knall.
Mein Herz sank.
„Gabriel!“
Ich fand ihn in der Nähe des Büros.
Ein Holzbalken war auf sein Bein gefallen und hatte ihn zu Boden gedrückt.
„Elena?“
Sein Gesicht veränderte sich, als er mich sah.
„Was machst du hier?“
„Ich bin gekommen, um dich zu holen.“
„Du musst hier raus.“
„Ich gehe nicht ohne dich.“
Ich kniete mich neben ihn und packte den Balken.
„Elena, hör auf. Du kannst ihn nicht hochheben.“
„Doch.“
„Du wirst auch eingeschlossen.“
„Das ist mir egal.“
Ich drückte mit aller Kraft.
Der Balken bewegte sich kaum.
„Komm schon!“, keuchte ich.
Gabriel versuchte erneut, sein Bein freizubekommen.
„Drück!“
Ich schrie auf, als ich den Balken mit letzter Kraft nach oben stemmte.
Diesmal bewegte er sich.
Gabriel zog sein Bein frei und packte sofort meinen Arm.
„Lauf!“
Wir stolperten zurück in den Korridor.
Der Rauch war inzwischen dichter geworden und die Flammen breiteten sich über die Decke aus.
„Bleib dicht bei mir“, sagte er.
Ich nickte.
Wir hatten ungefähr die Hälfte des Korridors geschafft, als Gabriel plötzlich stehen blieb.
„Die Dokumente meines Vaters.“
Ich starrte ihn an.
„Vergiss sie.“
„Sie sind wichtig.“
„Dein Leben ist auch wichtig!“
Er sah in Richtung des Büros.
„Ich bin gleich wieder da.“
„Gabriel, nein!“
Doch er war bereits im Rauch verschwunden.
„Gabriel!“
Er war schon weg.
Ich blieb stehen und kämpfte mit mir selbst.
Jeder Instinkt sagte mir, dass ich hinauslaufen sollte.
Aber ihn zurückzulassen war keine Option.
Ich rannte ihm hinterher.
„Gabriel!“
Der Rauch machte es fast unmöglich, etwas zu sehen. Ich stolperte gegen die Wand und hustete heftig.
Dann hörte ich seine Stimme.
„Elena!“
Ich folgte ihr.
Er kam auf mich zu und hielt einen Ordner an seine Brust gedrückt.
„Du bist verrückt!“, schrie ich.
Er lächelte beinahe.
„Du bist doch auch zurückgekommen.“
„Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt!“
Eine weitere Explosion erschütterte das Gebäude.
Gabriel packte meine Hand.
„Lauf!“
Wir rannten zum Ausgang.
Nur wenige Meter trennten uns noch davon.
Ich konnte die Notbeleuchtung draußen sehen.
Wir würden es schaffen.
Dann hörte ich über uns ein schreckliches Knacken.
Gabriel sah nach oben.
„Elena—“
Ich wartete nicht.
Ich stieß ihn nach vorne.
„Geh!“
Die Decke stürzte ein.
Gabriel fiel durch den Türrahmen nach draußen.
Ich nicht.
Ein schweres Trümmerstück traf meinen Rücken und schleuderte mich brutal zu Boden.
Schmerz schoss durch meinen ganzen Körper.
Ich versuchte, mich zu bewegen.
Nichts.
„Gabriel!“
Er drehte sich um.
Sein Gesicht wurde blass.
„Elena!“
Er begann, zu mir zurückzukriechen.
„Nein!“
„Ich hole dich da raus!“
„Nein, Gabriel! Geh raus!“
Er ignorierte mich.
Er streckte seine Hand nach meiner aus.
Unsere Finger berührten sich.
Dann stürzte ein weiterer Teil der Decke zwischen uns herab.
„ELENA!“
Seine Stimme wurde vom Brüllen der Flammen verschluckt.
Ich versuchte, zu ihm zu kriechen.
Meine Arme zitterten unter meinem Körper.
„Gabriel …“
Rauch füllte meine Lungen.
Meine Sicht verschwamm.
Ich konnte hören, wie er auf der anderen Seite der Flammen meinen Namen schrie, aber ich konnte ihn nicht mehr sehen.
Das Feuer war überall.
Meine Haut brannte.
Mein Körper fühlte sich unendlich schwer an.
Ich schloss die Augen.
Wenigstens war er draußen.
Wenigstens lebte er.
Das war alles, was zählte.
Mein Atem wurde schwächer.
Und kurz bevor die Dunkelheit mich verschluckte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.
Ich hatte Gabriels Leben gerettet.
Ich wusste nur noch nicht, dass es mich mein eigenes kosten würde.