Der Blick

970 Words
Drei Wochen. So lange hielt Olivia durch, bevor sie aufhörte, Lärmbeschwerden einzureichen und akzeptierte, dass Damien Cole einfach zu ihrem Leben gehörte – wie Verkehr, schwierige Klienten oder der Heizkörper, der jede Nacht um zwei Uhr klickte. Unvermeidbar. Nervig. Etwas, das man managen musste. Sie managte ihn, indem sie ihn ignorierte. Das funktionierte meistens. Sie plante ihre Morgen sorgfältig – aus der Tür, bevor seine Musik losging, und abends spät genug zurück, dass sich das Chaos, das er verursachte, meist schon gelegt hatte. Wenn sich ihre Wege im Flur kreuzten, nickte sie ihm kurz und professionell zu, genau wie dem Postboten. Er antwortete immer mit diesem halben Lächeln, als würde ihn ihre bewusste Kühle leise amüsieren. Das fand sie unerträglich. Aber es funktionierte. Sie hatte ein System. Es ging ihr gut. Und dann regnete es vier Tage lang ununterbrochen. Es war Sonntag. Grau und schwer draußen, die Art von Morgen, an dem das Verlassen der Wohnung wirklich unvernünftig wirkte. Olivia hatte nichts vor. Sie hatte ihren Kaffee getrunken, gegessen und vierzig Seiten eines Romans gelesen, auf den sie sich nicht richtig konzentrieren konnte. Gegen Mittag fühlte sich die Wohnung auf diese besondere Weise klein an, wie immer, wenn das Wetter einen drinnen gefangen hielt. Sie stand am Fenster. Sie suchte nichts. Sie stand einfach nur da, den warmen Becher zwischen beiden Händen, und sah zu, wie der Regen die Scheibe hinunterlief. Das Gebäude auf der anderen Seite des schmalen Spalts zwischen den beiden Häusern war nah – nah genug, dass man an klaren Tagen direkt in die gegenüberliegenden Fenster sehen konnte, wenn man wollte. Sie wollte nie. Sie war nicht diese Art von Mensch. Sie stand einfach nur da. Dann ging das Licht im Fenster direkt gegenüber an. Sie rührte sich nicht. Sie hatte nicht vor hinzusehen. Aber die Bewegung erregte ihre Aufmerksamkeit, wie Bewegungen das nun mal taten, und bevor ihr Gehirn richtig hinterherkam, hatten ihre Augen ihn schon gefunden. Damien. Er war offenbar gerade vom Training zurückgekommen. Er trug noch seine Sportkleidung – oder zumindest die Hälfte davon. Das T-Shirt war weg. Ein Handtuch hing über einer Schulter, und er bewegte sich durch das, was sie nun als sein Badezimmer erkannte – völlig unbeschwert, völlig ahnungslos. Das Licht betonte die Linien seines Rückens, als er sich streckte, um das kleine Schiebefenster der Dusche einen Spalt zu öffnen. Olivia bewegte sich nicht. Sie sagte sich, dass sie es gleich tun würde. Sie würde ganz sicher gleich einen Schritt zurücktreten, den Vorhang zuziehen und zu ihrem Buch zurückkehren wie eine normale, vernünftige erwachsene Frau, die nicht – kategorisch nicht – am Fenster stand und ihren Nachbarn beim Ausziehen beobachtete. Sie bewegte sich nicht. Er rollte die Schultern. Griff nach unten, um sich das Shirt – das letzte Stück – auszuziehen, und endlich, mit Verspätung, sandte ihr Gehirn das Signal an ihre Füße. Sie trat zurück. Zog den Vorhang zu. Stand mitten in ihrem Wohnzimmer, den Kaffee kalt werdend in den Händen, und ihr Herz tat etwas, das sie sich weigerte zu benennen. „Okay“, sagte sie leise zu niemandem. Sie setzte sich wieder aufs Sofa. Nahm ihr Buch. Las denselben Absatz viermal, ohne ein einziges Wort aufzunehmen. Das war ein Problem. Kein echtes Problem – korrigierte sie sich schnell. Kein Gefühlsproblem. Es war ein biologisches Problem. Eine ganz normale, klinische, vollkommen erklärbare Reaktion auf eine objektiv attraktive Person im Zustand der Entkleidung. Es bedeutete nichts. Sie war Therapeutin. Sie verstand die Mechanismen der Anziehung besser als die meisten Menschen und würde sich nicht von einem Mann aus der Fassung bringen lassen, der um Mitternacht laute Musik spielte und sie nie gefragt hatte, wie ihr Tag gewesen war. Es ging ihr gut. Sie öffnete ihr Buch erneut. Am nächsten Morgen sah sie wieder hin. Nur kurz. Nur um – sie beendete den Gedanken nicht. Sie stand schon am Fenster, bevor sie bewusst die Entscheidung getroffen hatte, der Vorhang ein Stück offen, Kaffee in der Hand, als würde das es harmlos machen. Er war bereits wach. Schon zurück von wo auch immer er zu unmenschlichen Uhrzeiten hinging. Sie erwischte vielleicht dreißig Sekunden, wie er durch sein Badezimmer ging, diesmal mit einem Handtuch um die Hüften, bevor sie sich zwang, wegzusehen. Dreißig Sekunden. Das war nichts. Das war praktisch ein Versehen. Sie fuhr zur Arbeit, saß einer Klientin gegenüber, die ihre komplizierten Gefühle für einen Mann beschrieb, von dem sie wusste, dass er schlecht für sie war, und Olivia hörte mit voller professioneller Aufmerksamkeit zu und sagte alle richtigen Dinge. Auf der Heimfahrt im Zug starrte sie aus dem dunklen Fenster und dachte an nichts Bestimmtes. Am Ende der Woche hatte sie aufgehört, so zu tun, als wäre es ein Versehen. Sie kannte seinen Zeitplan jetzt – nicht weil sie ihn bewusst auswendig gelernt hatte, redete sie sich ein, sondern weil Muster schwer zu ignorieren waren, sobald man sie einmal bemerkt hatte. Er ging immer früh weg, kam vormittags zurück, duschte, ging bis Mittag wieder. Manche Abende war er um acht zu Hause. Manche Nächte war er gar nicht da, und sie bemerkte die Stille gegenüber auf eine Weise, die sie zutiefst ärgerte. Sie ließ den Vorhang ein bisschen weiter offen als früher. Es war nichts, worauf sie stolz war. Sie war eine erwachsene Frau mit einem Aufbaustudium, einer gut laufenden Praxis, und stand jeden Morgen am Fenster wie ein Teenager mit einer Schwärmerei, die sie weder gewollt noch bestellt hatte. Aber sie stand trotzdem da. Und jedes Mal, wenn sie ihn sah – Schultern, Kinn, die lässige Art, wie er sich in seinem eigenen Raum bewegte, als würde die Schwerkraft bei ihm ein wenig anders funktionieren –, zog sich etwas in ihrer Brust zusammen, das sie sorgfältig unter „unwichtig“ ablegte und sich weigerte, genauer zu betrachten. Sie hatte es im Griff. Sie hatte es absolut im Griff.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD