Der Albtraum von Nachbar
Olivia hatte ein System.
Nicht auf eine zwanghafte Art – zumindest redete sie sich das ein. Es war einfach so, dass das Leben reibungsloser lief, wenn die Dinge vorhersehbar waren. Kaffee um sieben, zwei Tassen, ohne Zucker. Frühstück mit etwas Leisem im Hintergrund – Sade vielleicht, oder einfach nur dem Klang der Stadt, die vor ihrem Fenster erwachte. Dann duschen, dann arbeiten. Einfach. Zuverlässig.
Sie lebte seit drei Jahren allein und sie mochte es so. Die Wohnung gegenüber hatte zwei Monate lang leer gestanden, und das waren wirklich zwei der friedlichsten Monate ihres Erwachsenenlebens gewesen.
Dann kam der Samstag.
Es begann mit einem Lkw. Sie hörte ihn aus ihrem Schlafzimmer, noch bevor der Wecker klingelte – dieses tiefe Dieselbrummen, das bedeutete, dass irgendwo etwas Großes geparkt wurde, wo es nicht hingehörte. Sie drehte sich um und zog sich das Kissen über den Kopf. Es half nichts. Dann kamen die Stimmen. Dann die Musik.
Keine sanfte „Ich-ziehe-gerade-ein“-Musik. Kein Hintergrundgeräusch. Eine komplette Playlist, der Bass bis zum Anschlag aufgedreht, der durch die Wände sickerte wie Wasser durch einen Riss.
Olivia lag sechzig Sekunden lang da. Sie zählte. Dann stand sie auf, band ihren Morgenmantel zu und öffnete ihre Wohnungstür.
Der Flur sah aus, als wäre ein Lager explodiert. Kisten stapelten sich an den Wänden, ein riesiger Fernseher wurde von zwei Männern durch die Tür gewuchtet, die sich offenbar nicht besonders gut verständigen konnten, und mitten drin – er.
Er drehte ihr den Rücken zu. Graue Jogginghose, weißes T-Shirt, die Art von Figur, bei der man kurz vergaß, was man eigentlich sagen wollte. Sie fing sich wieder und räusperte sich.
Nichts.
„Entschuldigung“, sagte sie.
Die Musik verschluckte ihre Worte komplett.
Sie trat weiter in den Flur. „Hey.“
Er drehte sich um.
Olivia hatte sechs Jahre als Therapeutin gearbeitet. Sie hatte Menschen in den schlimmsten Momenten ihres Lebens gegenübergesessen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen.
Aber für eine halbe Sekunde – nur eine halbe – setzte ihr Gehirn komplett aus.
Er war unfair attraktiv. Das war die einzige ehrliche Beschreibung. Groß, dunkle Augen, ein Kinn wie aus der Architektur. Und er hatte diese Art, sie anzuschauen – gelassen, fast faul, als hätte er alle Zeit der Welt und fände sie nur mäßig unterhaltsam.
„Alles okay bei dir?“, fragte er.
„Nein“, antwortete sie, denn sie würde nicht so tun, als wäre es anders. „Es ist noch nicht mal sieben. Können Sie das leiser stellen?“
Er warf einen Blick zurück zu seiner offenen Tür, dann wieder zu ihr. „Ja. Sorry.“ Eine Pause. „Ich bin Damien.“
„Ich habe nicht gefragt“, sagte sie und ging zurück in ihre Wohnung.
Sie stand einen Moment in ihrer Küche, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Nahm ihren Kaffee. Trank einen Schluck.
Die Musik wurde leiser.
Sie redete sich ein, dass der kleine Knoten in ihrer Brust nur Ärger war und nichts weiter. Wahrscheinlich stimmte das sogar.
Am Abend gab er eine Party.
Natürlich tat er das.
Olivia saß auf ihrem Sofa, eine Klientenakte auf dem Knie, während der Bass aus der Wohnung gegenüber einen stetigen Rhythmus durch die Wand hinter ihrem Kopf klopfte. Sie versuchte sich zu konzentrieren. Seit vierzig Minuten versuchte sie es schon. Die Worte verschwammen immer wieder.
Sie atmete langsam durch die Nase ein – genau das, was sie ihren Klienten empfahl, wenn sie das Gefühl hatten, die Kontrolle zu verlieren. Es half weniger, als sie immer behauptete.
Um halb zwölf klopfte sie an seine Tür.
Eine Frau öffnete. Roter Becher, auffälliger Lippenstift, die Art von müheloser Schönheit, die daher kam, dass man sich nicht zu sehr anstrengte. Sie musterte Olivia einmal, zweimal, dann rief sie über ihre Schulter: „DAME!“, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.
Er kam zur Tür, völlig entspannt. Dunkle Jeans, enges Hemd, ein Drink locker in einer Hand. Als er sie sah, zog ein kleines Lächeln an seinem Mundwinkel, als wäre sie genau die Person, die er erwartet hatte, und der Gedanke gefiel ihm.
Sie fand das überhaupt nicht charmant.
„Es ist fast Mitternacht“, sagte sie.
„Es ist Samstag.“
„Der zum Sonntag wird. Und der zum Montag.“
Er neigte den Kopf leicht, als würde er diese Logik tatsächlich ernsthaft in Betracht ziehen. „Willst du reinkommen?“
„Ich will, dass Sie die Musik leiser stellen.“
Eine Pause. Er sah sie wieder auf diese langsame, prüfende Weise an, die ihr bei jemandem, den sie gerade mal zwölf Stunden kannte, nicht gefiel.
„Alles klar“, sagte er.
Sie drehte sich zum Gehen.
„Du hast mir deinen Namen noch nicht gesagt.“
Sie blieb stehen. Drehte sich nicht um. Etwas an der Art, wie er es sagte, war fast absichtlich – als hätte er genau auf diesen Moment gewartet.
„Olivia“, sagte sie.
Sie ging zurück in ihre Wohnung, schloss die Tür ab und dachte den Rest der Nacht nicht an ihn.
Zumindest nicht viel.