Bleiben

1362 Words
Die Hausverwaltung sagte drei Tage. Drei Tage, um das Rohr zu reparieren, die Feuchtigkeit zu behandeln, den Boden zu begutachten und was auch immer sie sonst noch tun mussten, bevor die Wohnung wieder bewohnbar war. Olivia stand am Montagmorgen in ihrer Tür und betrachtete den Zustand – die verzogenen Dielen, der Geruch nach nassem Putz, die Handtücher, die sie ausgelegt hatte und die jetzt steif und nutzlos waren – und rief ihre Versicherung an, dann ihre Schwester, dann Jade in Edinburgh. Schließlich stand sie im Flur und akzeptierte leise, dass sie keine echte Alternative hatte. Sie klopfte an seine Tür. Er öffnete sie, als hätte er es bereits gewusst. Er hatte diesen Blick – nicht direkt selbstgefällig, eher gefasst, als hätte sich die Situation genau in die Richtung entwickelt, die er schon erwartet hatte. „Drei Tage“, sagte sie. „Okay“, sagte er und trat zur Seite, um sie hereinzulassen. Das war alles. Keine Verhandlungen, keine Bedingungen, kein Gespräch über Grenzen oder Absprachen oder was das eigentlich war. Einfach – okay, komm rein. Als wäre es ganz einfach. Sie fand das sowohl beruhigend als auch ein wenig beunruhigend. Mit jemandem zusammenzuleben verrät einem Dinge über ihn, die kein noch so häufiger Flur-Kontakt je enthüllen könnte. Sie lernte, dass er jeden Morgen um 5:45 Uhr ohne Wecker aufwachte, ohne Ausnahme. Dass er sein Bett mit einer Präzision machte, die sie überraschte – Ecken eingeschlagen, Kissen gerade, eine Gewohnheit, die aus Disziplin statt aus Vorliebe entstand. Dass er jeden Tag dasselbe Frühstück aß, auf einer kleinen Küchenwaage abgewogen, und das ohne Murren oder erkennbare Langeweile, einfach ruhig, als etwas, das erledigt werden musste. Sie lernte, dass er Fußball schaute, wie andere Menschen lasen – vorgebeugt, konzentriert, gelegentlich etwas Unverständliches vor sich hin murmelnd. Dass er mindestens dreimal am Tag mit jemandem telefonierte, den er Coach nannte, und dass seine Stimme dabei etwas schärfer und bestimmter wurde – die lässige Lockerheit wich etwas Konzentriertem. Sie lernte, dass er über Dinge lachte, die er auf seinem Handy fand, ohne sie zu teilen – ein leises, privates Lachen, das sie vom anderen Ende des Zimmers hörte und dessen Ursprung sie gern gekannt hätte. Er lernte vermutlich auch Dinge über sie. Sie versuchte, nicht zu sehr darüber nachzudenken, welche. Zuerst bewegten sie sich vorsichtig umeinander herum. Sie nahm das Sofa, er sein Schlafzimmer, sie nutzten die Küche in Schichten, die sich nach und nach, fast unmerklich, auflösten. Am zweiten Morgen machte sie Kaffee für sie beide, ohne darüber nachzudenken. Am zweiten Abend kochte er – richtig gekocht, etwas mit Hühnchen und Reis, das himmlisch roch – und stellte zwei Teller auf die Theke, ohne zu fragen, ob sie etwas wollte. Sie setzte sich und aß. „Du kannst kochen“, sagte sie. „Du klingst überrascht.“ „Ich bin überrascht.“ Er sah sie von der Seite an. „Was dachtest du denn, was ich esse?“ „Proteinshakes. Fertiggerichte. Keine Ahnung.“ „Ich esse tatsächlich Proteinshakes.“ „Zusätzlich zu richtigen Mahlzeiten, wie es scheint.“ Er lächelte fast. „Meine Mum hat es mir beigebracht. Sie sagte, keine Frau würde mein Leben lang für mich kochen, also sollte ich es lieber selbst lernen.“ Olivia sah ihn an. „Ich mag deine Mum.“ „Sie würde dich auch mögen“, sagte er und schaute dann wieder auf sein Essen, als hätte er nichts Besonderes gesagt, als hätte dieser Satz nicht gerade leise mitten in der Küche Platz genommen. Olivia schaute auf ihren Teller. Aß weiter. Sagte nichts. In der dritten Nacht konnte sie nicht schlafen. Das war bei ihr nichts Ungewöhnliches – sie war schon immer eine schlechte Schläferin gewesen, wachte oft um zwei oder drei Uhr auf und lag dann im Dunkeln mit ihren Gedanken allein. Zu Hause hatte sie Systeme dafür. Kräutertee, eine bestimmte Playlist, ein Buch auf dem Nachttisch genau für solche Nächte. Hier hatte sie nichts davon. Sie lag auf dem Sofa, starrte an die dunkle Decke, lauschte der Stadt draußen und versuchte mit mäßigem Erfolg, nicht nachzudenken. Ihr Gehirn kreiste immer wieder um Dinge, die sie nicht genauer betrachten wollte – wie er sie heute Morgen im Flur angesehen hatte, der Kaffee bereits fertig, so wie sie ihn trank, sie würde dich mögen. Sie setzte sich auf. Die Wohnung war still. Unter seiner Schlafzimmertür war kein Licht zu sehen. Sie sollte auf dem Sofa bleiben, liegen bleiben, die Augen schließen und es aussitzen, wie sie es sonst tat. Stattdessen stand sie auf, ging in die Küche, um Wasser zu holen, und stand im Dunkeln an der Theke, trank langsam und schaute auf die Lichter der Stadt. „Kannst du nicht schlafen?“ Sie zuckte kaum zusammen. Sie drehte sich um. Er stand im Türrahmen in seiner Jogginghose, ohne Shirt, die Haare leicht vom Schlaf zerzaust, und sah sie mit ruhigen Augen an. „Tut mir leid“, sagte sie. „Ich wollte dich nicht wecken.“ „Hast du nicht.“ Er kam in die Küche, griff an ihr vorbei nach einem Glas, füllte es am Wasserhahn. Stellte sich neben sie an die Theke. Nah genug, dass sie die Wärme seines Körpers in der kühlen dunklen Küche spürte. Sie standen einen Moment so da. Nur die Stadt draußen, die Stille zwischen ihnen und die Tatsache, wie nah sie beieinanderstanden, ohne dass einer von ihnen zurückwich. „Wachst du immer nachts auf?“, fragte er. „Manchmal. Mein Gehirn schaltet nicht so leicht ab.“ „Was macht es gerade?“ Sie überlegte zu lügen. Es wäre einfach gewesen – nichts, nur unruhig, nur eine dieser Nächte. Die Art von Ausweichmanöver, die sie professionell und glatt produzieren konnte, ohne nachzudenken. „Ich denke über Dinge nach, über die ich noch nicht nachdenken will“, sagte sie stattdessen. Er drehte den Kopf leicht, um sie anzusehen. Sie hielt den Blick auf das Fenster gerichtet. „Ja“, sagte er leise. „Ich auch.“ Keiner von beiden bewegte sich. Die Stadt summte draußen, gleichgültig und ununterbrochen, und etwas saß zwischen ihnen in der dunklen Küche – etwas, das sich seit Wochen aufgebaut hatte, durch die Beschwerden, den Vorhang, den Flur, den Kaffee und die fast-Berührungen – und keiner von beiden griff danach. Noch nicht. Aber es war da. Es war schon eine ganze Weile da. Olivia stellte ihr Glas ab. Damien griff zuerst nach ihr. Seine Hand glitt um ihre Taille und zog sie näher, bis ihre Körper sich aneinanderpressten. Im schwachen Licht, das durch das Fenster fiel, waren seine Augen dunkel und intensiv. Er beugte sich langsam vor und gab ihr die Chance, zurückzuweichen. Sie tat es nicht. Ihre Lippen trafen sich in der dunklen Küche, erst sanft, dann hungrig und tief. Damiens Mund war warm und sicher, schmeckte nach Schlaf und zurückgehaltener Sehnsucht. Eine Hand umfasste ihren Nacken, während er ihren Kopf neigte, seine Zunge zwischen ihre Lippen glitt und ihre streichelte. Olivia stöhnte leise in den Kuss hinein, ihre Finger krallten sich in seine bloßen Schultern und spürten die harten Muskeln darunter. Er drängte sie sanft gegen die Theke, sein Körper eng an ihrem. Der Kuss wurde heißer, drängender – Zähne streiften, Zungen verschlangen sich, sein Oberschenkel drückte sich zwischen ihre Beine. Sie konnte spüren, wie er an ihrer Hüfte hart wurde, d**k und fordernd, genau wie sie es in der Dusche gesehen hatte. Ihre Hände glitten über seine Brust, während sich tief in ihrem Bauch Hitze sammelte. Als sie sich schließlich voneinander lösten, beide schwer atmend, lehnte Damien seine Stirn gegen ihre. „Ich wollte das seit dem anderen Morgen wieder tun“, murmelte er mit rauer Stimme. Olivias Herz raste. Sie traute sich nicht mehr als ein zittriges „Ich auch“ zu. Er küsste sie noch einmal, diesmal langsamer, bevor sie beide einen Schritt zurücktraten. Die Spannung knisterte weiter zwischen ihnen, ungelöst. „Gute Nacht, Damien“, sagte sie leise. Sie spürte, wie er sie beobachtete, als sie zum Sofa zurückging. Sie zog die Decke hoch, schloss die Augen und lag im Dunkeln, während ihr Herz etwas schneller schlug als sonst. Ich habe es im Griff, dachte sie – ohne jede Überzeugung.
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