Kapitel 4: Der Wendepunkt

1163 Words
Ethan beobachtete sie. Nicht immer. Nicht offen oder offensichtlich, sondern subtil. Und Selene spürte es. Eine Veränderung in der Luft, wenn sie einen Raum betrat. Der Blick verweilte einen Moment länger als nötig. Die Art, wie er den Kopf leicht neigte, als sie an ihm vorbeiging, als wollte er sie durchschauen. Es war keine Anziehung. Zumindest noch nicht. Es war misstrauische Neugier, nichts weiter. Und diese Art von Neugier war gefährlich. Oft störte es sie, dass er sie durchschaut hatte und nur mitspielte. Im Palast des Roten Mond-Rudels gab es Regeln, ausgesprochene und unausgesprochene. Selene hatte die letzten Wochen damit verbracht, sie alle kennenzulernen. Sie wusste, wann sie sich verbeugen, wann sie sprechen und wann sie verschwinden musste. Sie kannte ihren Platz, genauso wie sie wusste, dass Wölfe wie Nina in der Hierarchie ganz unten standen. Ein rangniedrigerer Wolf musste sich ducken. Selene schien alles zu tun. Man könnte sagen, sie war so demütig wie nie zuvor, aber Nina schien einen ausgeprägten Bösewicht-Sensor zu haben. Und das hasste Nina. Selene hatte vielleicht alle anderen hinters Licht geführt, und Nina gab ihr Bestes, ihnen klarzumachen, dass sie getäuscht wurden. Aber das war eben typisch Nina – sie hasste alle weiblichen Dienstmädchen. „Hast du diesmal die Böden ordentlich gewischt?“, fragte Nina mit honigsüßer Giftstimme. Sie verschränkte die Arme und beugte sich über Selene wie ein Raubtier, das seine Beute mustert. „Ja, meine Luna“, antwortete Selene mit ruhiger Stimme und gesenktem Kopf. „Bist du sicher?“, fragte Nina und trat näher, ihre Absätze klackten auf dem polierten Marmor. Zu nah. „Denn ich möchte nicht, dass du von vorne anfangen musst.“ Selene presste die Zähne zusammen und versuchte, ruhig zu atmen. Nina war in den letzten Tagen unerbittlich gewesen. Sie verschüttete absichtlich Essen auf dem Boden. Und dann war da noch das unnötige Wiederholen von Aufgaben. Sie verübte eine immer größer werdende Grausamkeit, die darauf abzielte, Selenes Entschlossenheit zu brechen. Aber Selene hatte sich einfach nicht brechen lassen. „Vielleicht sollte ich mich selbst hinterfragen“, dachte Nina. Dann trat sie gezielt gegen den Eimer. Seifenwasser schwappte über Selenes Füße, durchnässte ihr dünnes Kleid und durchnässte den fast trockenen Boden. Gelächter hallte den Flur entlang, schrilles Gelächter der anderen Dienstmädchen. Grausam. Aber auch dumm von ihnen, zu lachen, wo sie doch selbst Opfer von Ninas Grausamkeit waren. Selene atmete langsam ein. Sie zügelte ihre kochende Wut. Sie würde nicht reagieren. Sie würde Nina diese Genugtuung nicht gönnen. Dann – „Genug.“ Der Flur erstarrte. Ethans Stimme war nicht laut, aber durchschnitt die Luft wie eine Klinge. Selene hob den Kopf. Er stand am anderen Ende des Flurs, die Arme verschränkt, seine goldenen Augen undurchschaubar. Das Lachen verstummte augenblicklich. Nina drehte sich zu ihm um, ihr Lächeln wich einem süßen, einem berechneten Ausdruck. „Ethan, ich wollte nur –“ „Ich sagte, es reicht.“ Eine angespannte Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Selene hatte erwartet, dass Nina argumentieren, sich winden, manipulieren, ihre Handlungen rechtfertigen würde, wie immer. Aber sie tat es nicht. Denn dieses Mal hatte Ethan zugesehen. Sein Blick verweilte einen Moment länger als nötig bei Selene, bevor er sich umdrehte und wegging. Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft wirkte Nina erschüttert. Nina wirkte beunruhigt, denn Ethan griff selten ein, doch bei Selene war er in letzter Zeit viel zu oft dazwischengegangen. „Pass auf dich auf, Lila“, sagte Nina, sobald sie sicher war, dass Ethan außer Hörweite war. „Unfälle passieren ständig.“ Es war keine gewöhnliche Drohung, aber hatte Selene Angst? Nein. *** Nachts waren die Palasthallen von geisterhaftem Flüstern erfüllt. Selene bewegte sich durch die Schatten, ihre Schritte hallten leicht auf dem kalten Stein wider. Die Festung hatte ihren Rhythmus – Wachen patrouillierten in Schichten, Krieger zogen sich in ihre Gemächer zurück, Diener begaben sich in ihre Gemächer. Und Selene wusste genau, wann sie an ihnen vorbeischlüpfen musste. Sie hatte etwas erfahren. Ein Gespräch zwischen den Kriegern. Ein Datum. Ein Ort. Das Rudel des Roten Mondes plante einen Angriff. Bald. Doch nach weiteren Nachforschungen fand sie heraus, dass dieser Angriff nichts mit ihrem Rudel zu tun hatte. Selenes Atem stockte nicht, als sie Ethans Arbeitszimmer betrat. Der Raum war groß, aber nicht protzig. Dunkle Eichenregale reichten vom Boden bis zur Decke, gefüllt mit ledergebundenen Büchern, alten Landkarten und Schriftrollen, die in geometrischer Ordnung angeordnet waren. Ein riesiger Holzschreibtisch dominierte das andere Ende des Raumes; seine Oberfläche war aufgeräumt, zu aufgeräumt. Alles hatte seinen Platz. Unordnung war fehl am Platz. Ihre Finger strichen über die Bücherregale und suchten nach etwas, das nicht stimmte: ein Knopf, ein Verschluss, eine Nische, die dort nicht hingehörte. Als sie Ethan einmal eintreten sah, verschwand er darin. Und sie wollte ihm eine Tasse Tee bringen. Sie wartete draußen, und tatsächlich war er aus dem Arbeitszimmer gekommen, was bedeutete, dass es irgendwo im Arbeitszimmer einen versteckten Raum gab. Und Selene musste ihn finden. Sie strich mit den Fingern über die Buchrücken. Dann – eine Veränderung. Ein einzelnes Buch neigte sich weiter nach hinten als die anderen. Selene zögerte, dann drückte sie. Ein leises Klicken ertönte, und das Bücherregal bebte. Wo zuvor keine Fuge gewesen war, erschien nun eine. Die Regalwand schwang langsam nach innen und gab einen schmalen, schattigen Durchgang frei. Selenes Herz raste. Vorsichtig trat sie ein. In der Mitte stand ein einzelner Holztisch, auf dem ordentlich gestapelte Dokumente lagen. Die Wände waren mit Karten bedeckt – detailliert, strategisch. Einige waren mit roter Tinte markiert; Andere trugen verschlüsselte Symbole, die sie nicht sofort verstand. Doch die Karte in der Mitte ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ein Schlachtfeld. Bewegungslinien. Geplante Truppenaufstellung. Und ganz unten – der Name des Rudels, das Roter Mond angreifen wollte. Halbmond-Rudel. Ihr Zuhause. Bevor sie weiter nachdenken konnte, hörte sie es – die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich. Selene erstarrte. Schritte. Schwere. Bedächtige. Ethan. Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren, als sie sich an die kalte Steinwand presste und kaum atmen konnte. Die Tür zum Bücherregal war noch offen. War sie zu offen? Würde er sie bemerken? Sie hörte ihn sich bewegen – seine bedächtigen Schritte führten ihn tiefer in den Raum, das Rascheln von Papieren, das Knarren seines Stuhls, als er sich setzte. Selene schloss die Augen fest. Komm nicht näher. Die Luft in dem versteckten Raum war stickig, fast erdrückend. Wenn er sich dem Bücherregal näherte, wenn er nach dem falschen Buch griff – dann war es vorbei. Die Stille dehnte sich aus. Dann endlich ein Seufzer. Ein Stuhl kratzte über den Boden. Ethan ging. Die Tür zum Arbeitszimmer schloss sich. Selene wartete und zählte die Sekunden. Erst als sie sicher war, dass der Raum leer war, bewegte sie sich und atmete zitternd aus, ohne es bemerkt zu haben. Sie war hierhergekommen, um Informationen zu erhalten. Und sie hatte mehr gefunden, als sie erwartet hatte. Selene schlüpfte aus dem geheimen Zimmer und schloss die versteckte Tür hinter sich. Sie musste diese Informationen Marcus zukommen lassen.
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