KAPITEL 6: EIN RÜCKBLICK AUF DIE STUDIE

1219 Words
Nina wurde mit jedem Tag unerträglicher. Hätte Selene es nicht besser gewusst, hätte sie angenommen, ihr Geheimnis sei aufgeflogen, so schlimm wie Ninas Behandlungen immer schlechter wurden. Aber Selene wusste es besser … Sie stand noch weit unten auf der Verdächtigenliste und war vorerst völlig außer Reichweite. Und das sollte auch so bleiben. Wenn Ethans Augen sie nur nicht wie ein lautloser Jäger im Wald verfolgen würden – immer beobachtend, immer zu still. Sein Blick haftete wie eine Warnung an ihrer Haut, als könnte er die Unruhe in ihrem Schweiß riechen. Seine ständige Beobachtung und Wachsamkeit gingen ihr langsam unter die Haut. Jedes Mal stockte ihr der Atem! Ihr Magen krampfte sich zusammen, und immer wieder begannen ihre Hände zu zittern. Sie wusste genau, dass ihre Spuren sauber waren und niemand sie mit den gestohlenen Waffen in Verbindung bringen konnte. Warum also vermittelte ihr sein Blick das Gefühl, er wüsste etwas, was sie nicht wusste? Oder etwas, das er ihr verschwieg? Der einzige nennenswerte Unterschied zu Ethan war, dass Nina ihre Eskapaden für sich behielt. Was spielte das schon für eine Rolle? Es war egal, ob er sich einmal für Selene eingesetzt hatte. Einen Mordversuch seiner vermeintlichen Luna zu verhindern, war nichts Besonderes. Ihre Beziehung hingegen weckte ihre Neugier. Warum sollte sich ein angesehener, gefürchteter und imposanter Mann wie Ethan mit jemandem wie Nina zufriedengeben? Ja, sie war wunderschön und besaß eine ebenso beeindruckende Ausstrahlung wie er. Aber wenn man ihr gutes Aussehen und ihre Macht außer Acht ließe, erkannte Selene, dass die Rudelmitglieder sie nicht respektierten. Es war nicht schwer, die Gerüchte aufzuschnappen. So zu tun, als sei sie ganz damit beschäftigt, Flecken vom Boden zu entfernen, machte es ihr leicht, mit den Schatten zu verschmelzen, während sie flüsterten, als existiere sie nicht. Viele konnten sie nicht ausstehen; sie flößte Furcht ein, aber keinen Funken Respekt. Sie war in tausendfacher Hinsicht ungeeignet, eine Luna zu sein. „Eine Stunde … Du schrubbst jetzt schon eine Stunde lang eine einzige Treppe.“ Ninas Stimme hallte hinter Selene hervor und kitzelte unangenehm in ihrem Kopf. Selene umklammerte die Scheuerbürste fester, die Borsten schnitten in ihre Handfläche. Ein Atemzug. Zwei. Ihre Lider schlossen sich fest und hielten die Frustration hinter sich wie einen Damm, der jeden Moment zu brechen drohte. Als sie die Augen wieder öffnete, verzogen sich ihre Lippen zu einem widerlich süßen Lächeln, das ihre Augen nicht berührte. „Ich wäre längst fertig, wenn ich nicht mehrmals wegen anderer Aufgaben, wegen meiner Luna, weggerufen worden wäre.“ Ninas Blick traf sie bei diesen Worten. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft legte Selene für einen Augenblick ihre Fassade der schwachen, jämmerlichen Niemand-Schurkin ab. Das Feuer in ihren Augen überraschte Nina völlig, die wie erstarrt und sprachlos war. So schnell Selene ihre Deckung fallen ließ, so schnell zog sie sie auch wieder hoch, zufrieden mit der Angst in Ninas Augen. Es war ja nicht so, als hätte sie irgendeinen Beweis für das, was gerade geschehen war. Was sollte Nina Ethan erzählen? Dass Selene ihr direkt in die Augen geschaut hatte? Und was dann? Dass sie sich mächtiger gefühlt hatte, als sie vorgab zu sein? Der Alpha hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Nicht mit belanglosen, unwichtigen Dingen, die nur eine einfache Magd betrafen. Sie schenkte Nina ein letztes Lächeln und sagte kein Wort mehr, dann wandte sie sich wieder ihren Aufgaben zu und unterdrückte das Pochen in ihren Adern. Ihr Wolf war angespannt, besonders immer, wenn Nina mit ihren Späßen auftauchte. Kurz darauf hörte man Ninas Schnauben und ihre sich entfernenden Schritte. Gott sei Dank hatte Nina den Verstand, sich zurückzuziehen. Denn hätte Selene sich nicht zugetraut, nicht die Beherrschung zu verlieren. Und Ethan wäre nicht rechtzeitig gekommen, um sie zu retten. Ohne Ninas ständige Aufforderung, ein oder zwei Kleinigkeiten zu erledigen, die jede andere Magd hätte erledigen können, waren Selenes Aufgaben bald abgeschlossen. Selene ging den Pfad zu den Wäscheleinen entlang, das gedämpfte Geflüster ließ sie langsamer werden. Mit leisen Schritten näherte sie sich der Abzweigung, aus der die Stimmen kamen, und versuchte, etwas Brauchbares aufzuschnappen. „Ich habe den Alpha schon lange nicht mehr so ​​wütend gesehen“, sagte eine der Männerstimmen. „Ich auch. Glaubst du wirklich, dass es ein Komplott von innen war?“, erwiderte die andere. Wachen. Die Stimmen klangen, als gehörten sie den Wachen des Rudels. Selene unterdrückte ein Schnauben. Es war nicht nur ein Komplott von innen, sondern auch noch von einer scheinbar harmlosen Magd. „Was der Alpha als Nächstes plant, werden wir bald erfahren. Die interne Untersuchung beginnt morgen früh.“ Noch ein paar unbedeutende Flüstern hier und da, dann gingen sie weiter. Morgen würde ein verdammt harter Tag werden. Jetzt, wo es ihr einfiel, fiel ihr ein, dass sie den Alpha zuletzt heute Morgen früh gesehen hatte, als sie sich vor ihm versammelt hatten. Wo war er nur? Sie sah sich vorsichtig um, um sicherzugehen, dass sie ungesehen blieb, und ging weiter zu den Wäscheleinen. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass Ethans Pläne noch lange nicht gescheitert waren. Es erschien ihr albern anzunehmen, dass der Waffendiebstahl allein seinen Plänen ein Ende gesetzt hatte. Backups. Sie musste herausfinden, welchen Notfallplan er hatte und Marcus davon berichten. Es war an der Zeit, seinem Arbeitszimmer einen zweiten Besuch abzustatten und die Gelegenheit zu nutzen, die seine Abwesenheit auf dem Rudelgelände heute bot. Nachdem sie die saubere und gefaltete Wäsche an ihren Platz zurückgebracht hatte, schlich sie sich in Richtung von Ethans Arbeitszimmer. Unwissend, mit einem Eimer und Putzutensilien. Da die Wachen ihr kaum Beachtung schenkten, schlüpfte sie ins Arbeitszimmer. Ethans Duft war intensiv und durchdrang den Raum. Einen Moment lang vergaß Selene fast, warum sie dort war, ihre Gedanken schweiften ab, als ein Bild vor ihrem inneren Auge auftauchte. Ethan in seiner üblichen, selbstsicheren und entspannten Pose. Er saß da, unnahbar in seinem luxuriösen Ledersessel. Sie riss sich mit einem finsteren Blick aus ihren Gedanken und machte sich an die Arbeit. Ein paar Minuten später war sie fertig mit dem Wischen und Aufräumen. Der Raum hatte ohnehin kaum den Anschein erweckt, als bräuchte er überhaupt eine Reinigung. Der Mann wusste, wie man Ordnung hält. Selene ließ ihren Blick vorsichtig durch den Raum schweifen und versuchte, etwas zu erfassen, das ihr beim ersten Mal vielleicht entgangen war. Was verbarg Ethan – abgesehen von dem geheimen Zimmer hinter den Regalen – noch im Verborgenen? Ihr Blick ruhte auf dem Schreibtisch, ihre Beine glitten darüber, und sie betrachtete die Papierstapel hier und da. Und dann sah sie es: die letzte Schublade des Schreibtisches, die zufällig die einzige mit einem Vorhängeschloss war. Nicht irgendein einfaches Vorhängeschloss, sondern ein kompliziertes. Sie hockte sich neben die Schublade, ihr Atem ging flach. Das Vorhängeschloss glänzte im Dämmerlicht, robust – zu robust für einen Mann, der nichts zu verbergen hatte. Ihre Finger schwebten in der Luft, zuckten in Erinnerung an längst vergessene Tricks. Kein Schloss war unüberwindbar. Nicht, wenn die Verzweiflung einem ins Ohr flüsterte. Sie hörte die Schritte erst, als es zu spät war. Sie waren bedächtig. Leise, aber nicht lautlos – wie jemand, der sich nicht anschleichen musste, um gefährlich zu sein. Und dann hörte sie seine Stimme. Tief. Ruhig. Doch mit einem eisernen Unterton, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Was machst du in meinem Arbeitszimmer?“
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