Der Tag begann mit Stille.
Nicht mit der friedlichen Stille.
So still wie die Stille vor dem Sturm.
Vom Sonnenaufgang an hatte die interne Untersuchung das Rote Mond-Rudel wie eine
Krankheit erfasst.
Wachen patrouillierten in jedem Korridor. Krieger standen enger in Formation. Diener zuckten bei jedem
Befehl zusammen.
Und irgendwo inmitten all dessen bewegte sich Selene wie ein Geist, bemüht, keine Spuren zu hinterlassen.
Sie versuchte, so vorsichtig zu sein wie ein verwundeter Soldat, der sich auf dem Schlachtfeld vor seinen Gegnern versteckt.
Sie achtete auf jede Blutspur, die sie hinterlassen haben könnte, um ihre Gegner auf ihre Bewegungen aufmerksam zu machen.
Ethans Stimme vom frühen Morgen hallte noch immer in ihrem Kopf wider.
„Es gibt einen Verräter unter uns. Und ich werde ihn finden – egal, welche Maske er trägt.“
Es hatte sie all ihre Kraft gekostet, nicht aus ihrer Rolle zu fallen.
Sie durfte nicht unter jedem Blick, der ihr zugeworfen wurde, in die Knie gehen.
Noch war sie nicht entlarvt. Doch der Faden lockerte sich.
Sie musste schnell handeln.
--- Arden hatte sie erneut ins Archiv gerufen und ihr unter dem Vorwand, ihr zu helfen, weitere Akten zum Sortieren zugeteilt – doch Selene wusste, dass es Überwachung war.
Er stellte nicht viele Fragen, aber er beobachtete sie wie ein Luchs.
Ruhig. Kalt. Berechnend.
Er plante im Geiste seine nächsten Schritte und wartete darauf, dass sie einen Fehler machte und direkt in seine Falle tappte.
Aber sie war keine Maus.
Ihr Plan war bestenfalls amateurhaft, und Selene würde ihm nicht zum Opfer fallen.
„Bist du immer so still?“, fragte er irgendwann, ohne von seinem Stapel aufzusehen.
Abgehackte Gespräche und bohrende Fragen.
Er hatte immer einen Stich in der Hinterhand, aber sie wusste es besser, als seinen Hunger nach einem Fehler zu stillen.
Die Reaktionen, die er erwartete, würden niemals ihre Mauern durchbrechen.
Selene sah ihn ebenfalls nicht an.
„Schweigende Menschen erregen keine Aufmerksamkeit.“
„So kann man eine Befragung überstehen.“
Sie ließ die Stille für sich sprechen.
Aber sie ließ sie nicht los.
--- Das Geflüster hatte Krallen bekommen. Es verfolgte sie nun.
„Sie riecht nicht wie wir anderen.“
„Sie ist zu vorsichtig.“
„Nina hatte recht. Irgendetwas stimmt nicht.“
Selene hörte alles. Sie ging an Ecken und Fluren vorbei und hörte gedämpfte Gespräche hinter
halbgeschlossenen Türen.
Sie zuckte nicht einmal zusammen. Aber ihr Herz? Es schon.
Jedes Mal.
Nicht einmal Ethan hatte seit jener Nacht im Arbeitszimmer mit ihr gesprochen.
Er hatte sie beobachtet. Kurz. Beim Essen. Im Vorbeigehen.
Sein Blick ruhte auf ihr, als wollte er etwas entschlüsseln – wie ein Mann, der am Rande eines
Puzzles steht, dessen Lösung ihm Angst machte.
Oder wie jemand, der mit den Händen an der Türklinke feststeckt, die zu einem Zimmer führt, in das er nicht unbedingt eintreten wollte.
Aber er sagte kein Wort.
Sein Schweigen verfolgte sie.
Und irgendwie war das noch schlimmer.
--- In der Dämmerung hielt das Rudel den Atem an. Selene bewegte sich vorsichtig und ging ihren Pflichten nach. Jede ihrer Bewegungen war bedacht, ihre Haltung perfekt. Ihre Ohren jedoch waren stets geschärft. Wachsamer denn je. Im Treppenhaus des Westflügels ertappte sie Nina mitten in einem Gespräch mit einem der ranghöheren Wachen.
„… Mir ist egal, wie schön ihre Augen sind“,
schnappte Nina mit giftiger Stimme.
„Sie verbirgt etwas. Ich spüre es. Ethan ist zu blind, um es zu sehen, aber ich nicht.“
Die Wache erwiderte etwas, zu leise, als dass Selene es hätte verstehen können, doch Ninas Stimme wurde erneut lauter.
„Beobachte sie. Ganz genau. Ich will wissen, wohin sie geht, mit wem sie spricht, was sie isst, was sie anfasst.“
Selene senkte den Blick und ging weiter, ihr Magen krampfte sich zusammen.
Ninas Besessenheit war zu einer Jagd geworden.
---
Der Mond stand hoch am Himmel, als Selene in die äußeren Gärten schlüpfte.
Der Palast schlief fast vollständig, nur das leise Echo ferner Patrouillenstiefel war zu hören.
Sie setzte sich an den Brunnen und starrte auf ihr Spiegelbild im stillen Wasser. Ihre Finger zitterten.
Die Schriftrolle steckte noch immer in ihrem Schuh – die Nachricht an Marcus mit den Details der Pläne des Roten Mond-Rudels, einen von Halbmonds Verbündeten anzugreifen.
Zeitpunkt. Ort. Waffentypen.
Sie hatte geplant, sie noch in dieser Nacht zu übergeben.
Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht.
Warum?
Sie wusste es.
Ethan.
Sein Schweigen. Sein Blick.
Das Gefühl, als würde sich ihre Brust zusammenziehen, wenn er einen Raum betrat.
Es fiel ihr immer schwerer, sich einzureden, dass er nur ein Auftrag war.
Dass das Kribbeln in ihrem Bauch reine Nervosität war.
Ihr Wolf kannte die Wahrheit.
Die bittere Wahrheit, die sie nicht akzeptieren konnte. Und das ängstigte sie mehr als erwischt zu werden.
--- Ein Geräusch.
Diesmal keine Stiefel.
Schritte.
Leise. Vertraut.
Selene stand langsam auf, ihr Herz hämmerte. Sie suchte bereits nach einer Ausrede, einer Geschichte, die alles vertuschen sollte,
einer Lüge –
Aber es war nicht Ethan.
Es war nicht Arden.
Es war ein Gesicht, das sie seit Wochen nicht gesehen hatte.
Ein junger Krieger trat aus dem Schatten. Braune Augen, markante Kinnlinie. Sein Duft traf sie wie
ein Schlag ins Gesicht – Halbmond.
Ihre Augen weiteten sich.
„Calen?“, flüsterte sie.
Der Junge nickte einmal und blieb ein paar Schritte entfernt stehen.
Er war älter geworden, härter als beim letzten Mal, als sie ihn unter Marcus trainieren gesehen hatte. Doch seine
Stimme hatte immer noch dieselbe ruhige Schwere.
„Sie wissen noch nicht, wer du bist“, sagte er,
„aber das werden sie.
Selene trat vor.
„Was machst du hier?“
„Ich wurde vor zwei Wochen hier stationiert. Sie halten mich für neutral. Sie kennen meine Verbindungen nicht.“
„Du bist hier, um mich zu entlarven?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin hier, um dich zu warnen.“
Sie erstarrte. Calen blickte über die Schulter, bevor er fortfuhr.
„Es gibt jemanden in diesem Rudel, der bereits weiß, wer du bist. Jemand, der schweigt – vorerst.“
Ihr Blut gefror in den Adern.
„Wer?“, flüsterte sie.
„Ich weiß es noch nicht. Aber sie haben dich im Visier.“
Selene schluckte schwer.
„Warum riskierst du das?“
„Weil Marcus mir aufgetragen hat, dich zu beschützen, wenn ich kann. Und weil ich gesehen habe, wie Ethan dich ansieht.“
Er zögerte, sein Blick wurde weicher.
„Du wirst es nicht überleben, wenn das jetzt herauskommt.“
Seine Stimme klang besorgt. Selene ließ sich das nicht zweimal sagen, sie steckte schon in großen Schwierigkeiten, noch bevor sie erwischt wurde. Das Chaos in ihr war beunruhigend genug.
Die Flut von Ethan in ihren Gedanken und der Wolf würden sie noch vernichten, bevor sie überhaupt entlarvt wurde.
Bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, drehte er sich um und verschwand wie Rauch in den Hecken,
und hinterließ nur Stille.
--- Selene stand allein unter den Sternen, der Stein des Brunnens kalt unter ihrer Hand.
Das Gewicht von Calens Worten lastete wie Blei auf ihrer Brust.
Sie wandte sich dem Palast zu, ihre Schuhe knirschten leise auf dem Kiesweg. Ihre Gedanken
wirbelten.
Sie musste die Schriftrolle abliefern.
Jetzt.
Bevor das, was auch immer kommen mochte, endlich eintraf.
--- Als sie den Korridor nahe der Wäscherei – dem Übergabeort – betrat, hielt sie inne.
Zwei Wachen gingen vorbei und lachten leise.
„Sie ist die Nächste, ich weiß es“, sagte die eine.
„Würde mich nicht wundern, wenn sie Crescent ist. Sie ist zu still.“
„Hast du das Luna gesagt?“, fragte die andere.
„Das brauche ich nicht. Sie hat schon etwas für morgen Abend geplant.“
Selene duckte sich atemlos in die Nische.
Dann, in der Ferne – Ninas Stimme, glasklar.
„Morgen Abend wissen wir genau, wer der Verräter ist.“
Selenes Herz sank ihr in die Hose.
Sie stand nicht mehr nur unter Verdacht.
Sie war in die Enge getrieben, ohne Ausweg.
Nina hatte die Zähne ausgefahren und die Krallen geschärft, ertrank im Blutrausch.
Sie hatte es auf Selenes Kopf abgesehen.
Sie wurde gejagt.
Und wenn sie nicht schnell handelte, könnte der nächste Sonnenaufgang ihr letzter als Spionin sein.