Die Nacht verschlang Selene vollständig.
In zerfetzte Kleidung gehüllt, bewegte sie sich durch dichtes Gebüsch.
Mehrmals blickte sie zurück, besonders als sie ein Rascheln hörte.
Ihre Sinne waren auf Hochtouren. Die Kälte der Nacht ließ ihr die Nackenhaare aufstellen.
Das Halbmond-Rudel lag weit hinter ihr. Vor ihr erstreckte sich das Gebiet des Roten Mondes.
Feindesland.
Sobald sie die Grenze überquert hatte, beschloss sie, die letzten Überreste ihrer Vergangenheit auszulöschen.
Selene vom Halbmond-Rudel war tot und vier Meter tief begraben.
Sie führte innere Monologe. Halbmond-Rudel? Nie gehört.
Sie war kaum noch eine Überlebende, eine Ausreißerin, eine Niemand.
Und eine Niemand zu sein, war die perfekte Tarnung für eine Spionin.
Wenn sie jemand fragte, wer sie war, würde sie erzählen, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen stammte,
in der Hoffnung, aus ihrem elenden Leben etwas zu machen.
Selene näherte sich dem Palast des Roten Mondrudels, dessen Fassade sich nur wenige Meter entfernt in der
Ferne erhob.
Er war größer, als sie ihn sich vorgestellt hatte.
Hohe Steinmauern umgaben jede Ecke der Hauptfestung, ihre Tore wurden von
Wachen mit scharfen Augen und noch schärferen Klauen bewacht.
Eine Veränderung lag in der Luft.
Ein kurzer Moment des Zweifels, oder war es Reue? Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber sie
beschloss, diese Gefühle zu verdrängen. Selene stolperte, als sie den Eingang erreichte, wodurch ihre Bewegungen schwach und
etwas verzweifelt wirkten.
Die Wachen spannten sich an.
„Halt.“
Einer trat vor, seine Nüstern bebten, als er ihren Duft einatmete.
„Wer seid Ihr?“
Selene umklammerte ihre Arme und senkte den Kopf.
Sie zitterte leicht, gerade so, dass es glaubwürdig wirkte.
„M-mein Name ist Lila“,
stammelte sie mit zitternder Stimme.
„Ich – ich habe sonst nirgendwo hinzugehen.“
Die Wachen tauschten misstrauische Blicke.
„Sie riecht nach Abtrünniger“,
murmelte einer.
„Oder schlimmer – nach einer Spionin.“
„Ja, genau wie der, der sich umgebracht hat“,
erwiderte die andere Wache kurz angebunden. Selenes Magen verkrampfte sich. Sie waren zu nah, und es war zu früh in ihrer Mission, als dass sie entdeckt werden durfte.
„Ich bin keine Spionin“,
rief Selene.
„Ist das überhaupt ein Job für eine Frau? Was glaubt ihr, wer ich bin? Ich dachte, Wachen hätten ein scharfes Auge.“
Die erste Wache packte sie am Arm und riss sie nach vorn.
„Wir werden sehen, was der Alpha zu sagen hat.“
Perfektioniert.
Vielleicht würde sie es tatsächlich schaffen.
Der Thronsaal war kälter als erwartet. Das lag daran, dass im Kamin kein Feuer brannte.
Selene senkte den Kopf, ihr Herz hämmerte, als sie vor dem mächtigsten Mann in Red Moon, Alpha Ethan, auf die Knie gezwungen wurde.
In dem Moment, als sie den Blick hob, wurde ihr zweier Dinge klar.
Erstens: Er war gefährlich.
Zweitens: Er beobachtete sie viel zu genau. Ethan lümmelte mit der Lässigkeit einer Katze auf seinem Thron, sein scharfes Kinn ruhte lässig auf seiner Faust.
Seine durchdringenden goldenen Augen fixierten sie wie die eines Wolfes, der gerade seine Beute erspäht hatte.
Seine Aura war überwältigend, ja sogar bedrückend. Und Dominanz strahlte von jeder Faser seines Körpers aus.
Für einen Alpha war er jung – Anfang zwanzig, vielleicht ein paar Jahre älter als sie. Doch seine Macht war unverkennbar. Der Raum schien sich vor seiner Präsenz zu beugen.
„Deinen Namen“, befahl Ethan mit tiefer, sonorer Stimme, die eine stille Autorität ausstrahlte. Selene zwang sich zu einem Zittern.
„L-Lila, Alpha.“
Sein Blick wich nicht von ihr.
„Nimm dieses Zittern aus deiner Stimme. Woher kommst du?“
Sie schluckte.
„Nirgendwo. Ich – ich wurde aus meinem Rudel verstoßen. Ich brauche nur einen Ort, wo ich –“
Sie zögerte,
blickte auf und ließ ihre Augen vor sorgfältig inszenierter Verzweiflung glänzen.
„Bitte, Alpha.“
Ethan musterte sie aufmerksam. Stille breitete sich zwischen ihnen aus.
Dann –
Ein scharfes Lachen durchdrang den Raum. Selene zuckte zusammen, als eine Frau aus dem Schatten trat, ihre Absätze klackten auf dem Marmorboden.
Nina.
Sie war wunderschön, doch darunter verbarg sich Kälte und Besitzgier.
Sie setzte sich neben Ethans Thron und strich ihm mit den Fingern über die Schulter.
„Noch so ein armseliger Streuner?“, schnurrte sie, die Augen voller Grausamkeit.
„Warum landen sie immer hier?“
Selene schwieg und nahm eine unterwürfige Haltung ein.
Ethan sah Nina nicht an und beantwortete ihre Fragen nicht. Sein Blick ruhte fest auf Selene.
„Bist du eine Kämpferin?“
Selene zögerte.
„N-nein, Alpha.“
Er hob eine Augenbraue.
„Was bist du dann?“ Selene atmete aus und zwang sich, so klein wie möglich zu klingen.
„Auch. Aber ich werde alles tun, was Eure Hoheit von mir verlangt.“
„Ich kann putzen. Ich kann sehr gut kochen.“ Ethan lehnte sich zurück und dachte nach. Nina schnaubte hörbar.
„Ach, bitte. Sie lügt. Sieh sie dir doch an – diese Augen verbergen etwas.
Dann fügte sie mit einem Grinsen hinzu:
„Wenn du so verzweifelt bist, kleine Streunerin, sollten wir dich vielleicht in die Grube werfen. Mal sehen, ob du überlebst.“
Selenes Finger krallten sich in ihre Handflächen.
Ihr Bruder hatte sie vor Nina gewarnt. Er hatte sie als abscheuliche Frau beschrieben.
Das konnte sie jetzt sehen.
Ethan ignorierte Ninas Vorschlag. Stattdessen stand er auf und verringerte den Abstand zwischen sich und Selene. Selene zwang sich, stillzuhalten, als er sich vor ihr hinhockte und ihr in die Augen sah.
Er war zu nah.
Er roch nach Zedernholz und Mondbiskusblüten, herb und berauschend.
Seine Stimme war sanfter, als er sprach.
„Du wirst im Palast arbeiten.“
Selene stockte der Atem. Der Palast?
„Ethan.“
Nina richtete sich auf, ihr Grinsen verschwand.
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch.“
Sein Blick wich nicht von Selenes.
„Wir brauchen mehr Hände. Sie fängt sofort an.“
Selene senkte den Kopf.
„Danke, Alpha.“
Ethans Blick verweilte einen Moment länger auf ihr, erfasste ihre Gesichtszüge eingehend, bevor er sich abwandte.
„Bringt sie ins Dienstmädchenzimmer.“
Ein Wächter half Selene auf die Beine und führte sie zum Ausgang.
Als sie wegging, spürte sie Ninas stechenden Blick im Rücken. Selene brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass sie sich gerade eine Feindin gemacht hatte. Und Ethan? Er hatte unwissentlich eine Spionin in sein Haus eingeladen.