KAPITEL EINS: Die Geister von Summerville
Lysandras POV
Ich sah ihn, bevor er mich sah.
Caelum Drexler – mein ehemaliger Ehemann.
Er saß wie ein König auf der Promenade am Summerville Beach, umgeben von Eltern, ein kleines Mädchen auf seinem Schoß, ihr Lachen klingelte wie winzige Glöckchen. Neben ihm war eine Frau – schlank, bronzefarben, die jenen vertrauten Lavendelduft trug, den ich einst liebte. Callista. Meine beste Freundin.
Meine Kehle zog sich zusammen. Mein Magen verkrampfte sich.
Oh, Gott.
Ohne nachzudenken, drehte ich mich scharf um, die kleinen Hände meiner Zwillinge – Lysan und Lyra – fest umklammernd, meine fünfjährigen Wunder. Mein Puls raste. Der Sand brannte unter meinen Füßen, während ich eilig davonhastete.
„Er ist der Mann, der –“
Ich hielt mich zurück, doch die Erinnerungen fluteten trotzdem herein.
Er war der Mann, der mich an für immer glauben ließ. Der in den Regen kniete und mir die Welt versprach. Der lachte und mich sein Licht nannte – bevor er es auslöschte.
Er war der Mann, der mich liebte, bis er es nicht mehr tat.
Bis diese Liebe zu blauen Flecken wurde – Worte schärfer als Klingen, Schweigen kälter als Gräber.
„Du bist unfruchtbar“, hatte er einmal gespuckt, die Augen blutunterlaufen von Whiskey und Stolz. „Ein Fluch in Seide gehüllt.“
Ich erinnerte mich an die Nächte, in denen ich innerlich blutete, während ich äußerlich lächelte. Die Fotos, die Callista ihm schickte – ich mit einem unschuldigen Kollegen – gerahmte Lügen, die mich als Ehebrecherin brandmarkten. Er glaubte ihnen. Die Scheidung folgte. Die Scham folgte.
Dann… zwei rosa Linien.
Ich hatte in diesem Krankenhausbad gestanden, zitternd, den Teststreifen umklammernd. Seine Kinder. Nein – meine Kinder.
Ich hatte geschworen, dass er es nie erfahren würde. Er verdiente sie nicht.
Nun, fünf Jahre später, war ich hier – am Summerville Children’s Beach Day, umgeben von Lachen und Familien, die ganz genug waren, um mich zu zerbrechen.
Lyra zupfte an meinem Rock. „Mommy, warum haben die anderen Kinder einen Daddy und eine Mommy?“
Lysans Stimme war leiser. „Wo ist unser Daddy?“
Meine Kehle brannte. Ich zwang ein Lächeln, das meine Augen nicht erreichte. „Wir gehen jetzt.“
„Aber Mommy –“
„Wir gehen, Lysan!“ Meine Stimme brach, schärfer als beabsichtigt. Ich zog sie eng an mich, schleppte sie fast weg von dem Mann, der mich einst unfruchtbar genannt hatte und nun das Kind meiner besten Freundin hielt.
Jeder Schritt von diesem Strand war ein Kampf. Das Lachen hinter mir, die Meeresbrise, der Klang meines Namens – alles stach wie Salz in rohen Wunden.
Ich blickte nicht zurück.
Denn wenn ich es täte, könnte ich zerbrechen.
Die Zwillinge klammerten sich an mich, stellten Fragen, die ich nicht beantworten konnte.
Die Wahrheit? Ihr Vater war ein Geist mit Krone.
Und ich war eine Narbe mit Lächeln.
Doch als die Sonne hinter Summervilles Skyline versank, verdrehte sich etwas in meiner Brust – nicht Schmerz, nicht Hass. Angst.
Denn das Schicksal hatte eine grausame Art, nie loszulassen.
Und irgendwie wusste ich…
Das war nicht vorbei.
Caelums POV
Die Welt wurde still, als der Anruf kam.
„Mr. Drexler“, sagte der Arzt. „Die DNA-Ergebnisse sind da.“
Ich trat weg vom Lachen, von Callistas aufgemaltem Lächeln, von den Wellen und dem Kichern des kleinen Mädchens, das ich für meins gehalten hatte. Ich ging zur Reling der Promenade, das Telefon ans Ohr gepresst, mein Puls pochte wie Kriegstrommeln.
„Sie ist nicht Ihre biologische Tochter, Sir.“
Die Worte explodierten in mir. Für einen Moment konnte ich nicht atmen.
„Was haben Sie gerade gesagt?“, zischte ich.
„Sie ist nicht Ihre.“
Meine Hand umklammerte das Telefon, bis es knirschte. Der Sand unten verschwamm. Das Meer kippte.
Nicht meine.
Fünf Jahre lang hatte ich sie auf meinen Schultern getragen, sie gefüttert, sie mein Blut genannt. Fünf Jahre lang hatte ich geglaubt, die Frau, die ich nach Lysandra liebte – nach meiner Ehefrau – hätte mir ein Kind geschenkt.
Lügen. Alles davon.
Die Welt verdunkelte sich an den Rändern, Wut und Verwirrung prallten in meiner Brust zusammen.
Als ich mich umdrehte, lachte Callista mit den anderen, ahnungslos. Mein Kiefer spannte sich. Die Erinnerung an Lysandras Gesicht – ihre Augen, als sie sagte: Ich bin schwanger, Caelum – blitzte in meinem Kopf auf.
Ich hatte gedacht, sie lüge.
Ich hatte sie eine Manipulatorin genannt. Eine Betrügerin.
Ich war gegangen, die Tür zuschlagend vor der einzigen Frau, die mich je wirklich geliebt hatte.
Könnte es sein…?
Rion, mein Assistent, näherte sich vorsichtig, Telefon in der Hand. „Sir“, sagte er quietly. „Wir haben etwas bestätigt. Miss Lysandra Vale wurde heute hier gesehen. Sie hatte… Zwillinge. Etwa fünf Jahre alt.“
Mein Herz blieb stehen.
Zwillinge.
Fünf Jahre alt.
Ihre Augen. Ihre zitternden Worte. Ich bin schwanger.
„Verdammt“, flüsterte ich. „Findet sie. Alles – wo sie wohnt, was sie tut, ihre Kinder. Alles.“
Rion zögerte. „Caelum, denkst du, das wird einfach? Sie ist –“
„Ich bin ein Drexler“, unterbrach ich ihn, Stimme tief und tödlich. „Ich besitze ein Viertel von Summerville. Siebzehn Familien kontrollieren den Rest. Denkst du, ich kann eine Frau nicht finden?“
Er sah mich grimmig an. „Du hast sie einmal verletzt. Wird irgendeine Frau jetzt Ja zu dir sagen?“
Ich wandte mich ab, die Augen brannten. Das Lachen des kleinen Mädchens, das nicht meins war, hallte schwach hinter mir wider.
„Ich brauche ihr Ja nicht“, sagte ich schließlich. „Ich brauche meine Wahrheit.“
Ich starrte zum Horizont, wo die Flut die Sonne verschluckte, und etwas verschob sich in mir – nicht Schuld, nicht Bedauern.
Hunger.
Nach Erlösung.
Nach Antworten.
Nach der Familie, die ich weggeworfen hatte.
„Lysandra Vale“, flüsterte ich in den Wind, mein Puls wild und gebrochen. „Du bist einmal vor mir davongelaufen. Aber dieses Mal nicht.“