Lysandras POV
Das Krankenzimmer war zu weiß, zu sauber, zu still – bis ich es nicht mehr war.
Meine Brust schmerzte, meine Kehle brannte, und etwas in mir zersprang. Die Schwester murmelte etwas von Ruhe, aber ich hörte sie nicht. Ich hörte nur ihn. Sein Name war eine Sirene, ein Fluch, ein Sturm – Caelum Drexler.
Ich stieß mich vom Bett ab, die Infusion zerrte an meinem Arm, meine Stimme zerriss die sterile Luft. „Nehmt das aus mir raus! Mir geht’s gut! Ich sagte, mir geht’s gut!“
Die Schwestern versuchten, mich zu beruhigen, aber ich fiel auseinander – schrie, ging auf und ab, kratzte durch den Nebel in meinem Kopf. Ich hatte genug von seiner Reichweite gesehen – die Schule, die Rechnungen, dieses Krankenhaus. Er war überall, und ich erstickte in seinem Schatten.
„Miss Vale, bitte, legen Sie sich hin –“
„Ich sagte, mir geht’s gut!“
Dann öffnete sich die Tür – und die Luft veränderte sich.
Er trat ein.
Caelum.
Die Jahre hatten ihn nicht abgestumpft. Sie hatten ihn geschärft – der Anzug, die Uhr, die gebieterische Ruhe. Seine grauen Augen fanden mich und nagelten mich fest, wo ich stand. Für einen Herzschlag vergaß ich, wie man atmet.
Er schrie nicht. Er grinste nicht. Er sah nur die Schwestern an und sagte: „Lasst uns allein.“
Sie gehorchten. Natürlich taten sie das. Jeder gehorchte ihm immer.
Mein Puls donnerte, als die Tür zuschnappte. Stille verschlang uns.
„Wo sind meine Kinder?“, verlangte ich, die Stimme zitternd trotz des Stahls, den ich hineinzwang.
Sein Blick wich nicht. „Sind sie meine?“
Ich blinzelte. Meine Lungen zogen sich zusammen. „Du träumst zu viel.“
Er trat näher, die Stimme tief und bedacht. „Dann tu mir den Gefallen.“
Ich lachte, bitter und scharf. „Den Traum hast du vor fünf Jahren getötet, als du mich rausgeworfen hast, erinnerst du dich?“
Sein Kiefer spannte sich. „Es war mein Traum, Lysandra.“
Etwas in mir brach. Ich bewegte mich, ohne nachzudenken – packte sein Hemd, zog ihn nah genug, um die Hitze seiner Brust zu spüren. „Dann lass mich gehen, Caelum. Wie du es immer wolltest. Lass mich mit dem leben, was von mir übrig ist.“
Er bewegte sich nicht. Blinzelte nicht. Starrte nur mit diesen sturmgrünen Augen, die mich einst mit Liebe entkleidet hatten, jetzt mit Anklage.
„Geh zurück zu Callista“, spuckte ich zitternd. „Geh zurück zu deiner geliebten Tochter. Lass mich und meine Kinder in Ruhe.“
Die Worte trafen wie Kugeln. Ich sah es – das Flackern in seinem Gesicht, das Anspannen seiner Schultern.
„Was hast du gerade gesagt?“ Seine Stimme war leise, aber nicht wütend. Zerbrochen.
Ich stockte. Sein Ton war keine Wut – es war etwas anderes. Verrat, unausgesprochen. Und mein Herz – verräterisch, schmerzend – wurde fast weich. Fast.
Aber ich richtete mich auf, schluckte Tränen. Ich würde nicht weinen. Nicht für ihn. Nie wieder.
„Wo sind sie?“, verlangte ich, die Stimme d**k vor zurückgehaltener Wut.
Seine Lippen öffneten sich, aber keine Worte kamen. Sein Schweigen sagte genug.
Er hatte sie. Er hatte sie gefunden.
Ich bewegte mich zur Tür, Schritte fest trotz des Sturms in mir. „Wenn du denkst, du kannst dich mit Geld zurück in unser Leben kaufen, irrst du dich. Behalt dein Geld, deine Reichweite, deine Macht – aber nicht meine Kinder.“
Er hielt mich nicht auf. Bewegte sich nicht. Sah nur zu wie ein Mann, der die Ruinen seines Imperiums betrachtet.
Und zum ersten Mal sah ich es – den Riss in ihm. Den Jungen unter dem Milliardär.
Ich ließ es nicht an mich heran. Ich durfte nicht.
Also ging ich.
Aber mein Herz blieb eine Sekunde zu lang.
Caelums POV
Sie roch immer noch nach Frühlingsregen und Trotz.
Selbst jetzt, mit Wut in den Augen und zitternden Händen, war sie dieselbe Lysandra, die mich einst glauben ließ, es gäbe noch Licht in der Welt.
Aber als sie es sagte – „Callista und deine geliebte Tochter“ – schnitt es tiefer, als ich erwartet hatte. Die Worte rissen eine Wunde auf, der ich mich nicht zu stellen gewagt hatte.
Denn Callista hatte mich verraten.
Und diese geliebte Tochter war nicht meine.
Sie wusste es noch nicht, aber ihre Worte drehten das Messer um. Ich wollte erklären, aber die Worte fühlten sich zu schwer an, zu demütigend.
Dann sagte sie leise: „Bitte, lass uns gehen.“
Ihre Wut verblasste, ließ nur Erschöpfung und Schmerz zurück. Ihre Augen schimmerten, aber keine Tränen fielen – sie würde mir das nicht geben.
Ich dachte an die Zwillinge – Lysan und Lyra.
An das Lachen von Lyra, das wie Musik klang.
An die Art, wie Lysan mich ansah, misstrauisch, aber neugierig.
An die Art, wie sie gelogen hatten, über ihre Worte stolpernd, als ich nach ihrem Vater fragte.
„Er ist beim Militär“, hatte Lyra gesagt.
„Er ist Tourist“, hatte Lysan zu schnell hinzugefügt.
Ich hatte es damals gesehen. Das Zögern. Die Angst.
Sie hatten keinen Vater. Nicht wirklich.
Und Gott helfe mir – sie hatten meine Augen.
Ich hatte Rion bereits losgeschickt, Proben zu holen. Die Ergebnisse würden bald kommen.
Und wenn sie kamen…
Ich sah Lysandra an, ihren Rücken gerade trotz der Last, die sie trug. „Ich frage nochmal“, sagte ich leise. „Sind sie meine?“
Sie starrte, das Kinn zitternd, aber ihre Stimme hielt stand. „Nein. Sie sind meine. Meine und die meines Mannes, nach dir.“
Eine Lüge – ich spürte es in meinen Knochen.
Ich neigte den Kopf. „Ist das alles, was dein Mann für sie tun kann?“
Ihre Augen blitzten. „Behalt deinen Reichtum, Caelum. Ich will nichts davon. Deine Macht mag jede Ecke von Summerville erreichen – aber nicht mein Herz und nicht ihres.“
Ich hätte Wut fühlen sollen. Stattdessen fühlte ich… Bewunderung. Sie kämpfte immer noch. War immer noch mutig genug, Nein zu sagen.
Ich schnaubte, verbarg den Schmerz in meiner Brust. „Wir werden sehen.“
Sie drehte sich zum Gehen. „Gib mir meine Kinder und lass uns gehen. Wir wollen nichts von dir.“
Ich hatte nicht erwartet, dass sie so stark klang.
Aber ich wusste, ich gewann bereits.
„Warte hier“, sagte ich leise. „Sie werden zu dir gebracht.“
Ich ging hinaus, stabilisierte meinen Herzschlag, während ich zu meinem Büro ging.
Rion traf mich auf halbem Weg. „Sir“, sagte er vorsichtig, „sie gehen.“
Gehen. Einfach so.
Ich bewegte mich zum Aufzugbereich, getrieben von etwas, das ich nicht benennen konnte. Ich wollte sie nicht aufhalten – ich musste sie nur sehen.
Ich erreichte den Flur, als die Schwester sie vorführte – Lysandra, blass, aber gefasst, und die Zwillinge, die ihre Hände umklammerten.
Ich trat in ihren Weg.
Lysan sah zuerst auf, seine grauen Augen – so wie meine – durchbohrten mich. Lyra folgte, hielt die Hand ihrer Mutter fester.
Ich beugte mich leicht, zwang ein weiches Lächeln. „Hey“, sagte ich und hob die Hand für ein High-Five.
Für einen Moment dachte ich, sie würden es tun.
Aber sie wichen mir aus.
Schweigend.
Ihre kleinen Gesichter ausdruckslos, dann stirnrunzelnd.
Sie sahen mich an – wirklich an – und ich sah es: Angst, Verwirrung… und etwas anderes.
Hass.
Es traf härter als jeder Verlust im Vorstandssaal.
Sie gingen vorbei, kleine Schritte hallten, Lysandra zwischen ihnen wie ein Schild. Sie blickte nicht zurück.
Ich stand da, die Hände zitternd, die Augen brennend, der sterile Flur verschlang ihren Rückzug.
Sie hatte es ihnen gesagt.
Sie hatte ihnen gesagt, wer ich war – oder wer ich gewesen war.
Und nun hassten sie mich auch.
Meine Ex-Frau.
Meine Kinder.
Meine Geister.
Alle gingen davon.
Und zum ersten Mal seit Jahren hatte der große Caelum Drexler nichts zu sagen.