Die Stille auf dem Thorne-Anwesen lag in dieser Nacht schwerer als sonst. Kaelen saß an seinem Schreibtisch, das blaue Licht des Bildschirms tauchte seine Gesichtszüge in ein gespenstisches Licht. Das Schülerverzeichnis von Oakhaven war noch geöffnet, Lyra Vances makelloses, ernstes Gesicht starrte ihn an. Er blickte auf das Foto, dann wieder auf den Chatverlauf mit Nova-9.
Es ist eine Sache, von einem Fremden gesehen zu werden. Es ist etwas ganz anderes, von der Person gesehen zu werden, die eigentlich dein Feind sein sollte.
Die Worte fühlten sich wie ein physischer Schlag gegen seine Brust an. Er schloss die Augen und versuchte, die „Eiskönigin“ aus der Ehrenschüler-Lounge mit der rohen, blutenden Seele hinter Nova-9s Prosa in Einklang zu bringen. War das möglich? Könnte das Mädchen, das jedes Gespräch wie eine klinische Studie behandelte, dasselbe sein, das über „Häuser der Echos“ und „Trophäen als Grabsteine“ schrieb?
Er schüttelte den Kopf, und ein verzweifeltes Lachen entwich seiner Kehle. „Es ist ein Zufall“, flüsterte er in den leeren Raum. „Es muss ein Zufall sein.“
Doch als Redakteur wusste Kaelen, dass drei Punkte ein Muster ergaben. Punkt eins: Lyras verlorenes Stipendium. Punkt zwei: Ihr plötzliches Interesse am Musikkonservatorium. Punkt drei: Die Art, wie Nova-9s Held plötzlich genau so klang wie die Version von Kaelen, die nur existierte, wenn niemand zusah.
Er stand auf und schritt durch den Raum. Wenn sie es war – wenn seine Online-Vertraute, seine Muse, seine Nemesis im echten Leben war – dann war alles eine Lüge. Oder schlimmer noch: Alles war endlich real.
Am nächsten Morgen kam Lyra in der Schule an und fühlte sich wie ein ausgefranster Draht. Seit der Nachricht von Vesper hatte sie kein Auge zugetan. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie den leuchtenden Text: Wenn der Junge in deiner Geschichte herausfände, wer sein Leben tatsächlich schreibt, würde er sie hassen?
Sie betrat das Medienlabor und erwartete, Kaelen bereits dort vorzufinden, der sie dafür verspotten würde, dass sie dreißig Sekunden zu früh war. Stattdessen war der Raum leer. Die Stille war fast eine Erleichterung, bis die Tür quietschend aufging.
Kaelen kam nicht mit seiner üblichen Prahlerei herein. Er sah … gequält aus. Sein Blazer war tatsächlich richtig zugeknöpft, und sein Haar war nicht wie sonst sorgfältig ins Chaos gestylt. Er sah aus wie jemand, der die Nacht damit verbracht hatte, in einen Abgrund zu starren.
„Du bist zu spät“, sagte Lyra, wobei ihrer Stimme der übliche Biss fehlte.
„Bin ich nicht“, erwiderte Kaelen mit tiefer, rauer Stimme. Er setzte sich an den Computer neben ihr, holte aber den Ordner zum Legacy-Projekt nicht hervor. Er saß einfach da und starrte auf den leeren Bildschirm.
„Kaelen? Was die Überarbeitung des Vorschlags angeht …“
„Warum hast du das getan, Lyra?“
Sie erstarrte. „Was getan?“
„Das Konservatorium“, sagte er und drehte seinen Stuhl zu ihr. Seine Augen waren blutunterlaufen, suchend und intensiv. „Du hast drei Jahre damit verbracht, sicherzustellen, dass alles, was du tust, wasserdicht ist. Das hier ist nicht wasserdicht. Der Dekan wird denken, du hättest den Verstand verloren. Warum also hast du es für mich geändert?“
Lyra spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. Sie konnte ihm nicht sagen, dass sie es getan hatte, weil ein Fremder im Internet ihr geraten hatte, keine Statue zu sein. „Ich habe es dir doch gesagt. Ich habe etwas gelesen. Es … es hat mich an meine Mutter erinnert.“
Die Lüge schmeckte in ihrem Mund nach Kupfer. Kaelen zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.
„Deine Mutter?“, fragte er leise.
„Sie war Malerin“, sagte Lyra mit leiser Stimme. „‚Messbarer Erfolg‘ war ihr egal. Ihr war wichtig, wie sich eine Farbe anfühlte. Ich glaube … ich glaube, das hatte ich eine Zeit lang vergessen.“
Kaelen beugte sich vor, sein Schatten fiel auf ihre Tastatur. Der Duft von Sandelholz war wieder da, aber jetzt war noch etwas anderes dabei – der Geruch von Regen und kaltem Kaffee. „Und du glaubst, mir ist wichtig, wie sich Dinge anfühlen? Du glaubst, ich bin wie sie?“
„Ich glaube, du bist genau wie der Junge, über den ich schreibe“, platzte es aus ihr heraus.
Die Stille, die folgte, war absolut. Lyras Herz setzte einen Schlag aus. Sie hatte es gesagt. Die Grenze zwischen ihren beiden Welten war nicht nur verschwommen; sie war zerbrochen.
Kaelens Gesichtsausdruck wechselte von Verwirrung zu einer erschreckenden, stillen Klarheit. Er rührte sich nicht. Er blinzelte nicht. „Der Junge, über den du schreibst“, wiederholte er, seine Stimme nur noch ein Schatten. „Der im Haus der Echos?“
Lyra spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Diesen Ausdruck hatte sie ihm gegenüber nicht verwendet. Sie hatte ihn nur gegenüber Vesper benutzt.
Ihr Handy, das auf dem Schreibtisch zwischen ihnen lag, piepste. Ein Benachrichtigungslicht blinkte – hell und rhythmisch blau.
Kaelens Blick fiel auf das Handy. Dann griff er langsam in seine Tasche und holte sein eigenes heraus.
„Nein“, flüsterte Lyra mit zitternder Stimme. „Kaelen, tu das nicht.“
Er hörte nicht auf sie. Er entsperrte seinen Bildschirm. Die *Nexus*-App war bereits geöffnet. Er tippte ein einziges Wort ein und drückte auf „Senden“.
Eine Sekunde später vibrierte Lyras Handy auf dem Tisch.
[NACHRICHT VON: Vesper]
Lyra?
Die Welt schien sich zu neigen. Das Medienlabor, die Schule, das Stipendium – alles verschwand und ließ nur die beiden in einem Vakuum der Wahrheit zurück. Lyra starrte auf den Bildschirm, dann zu Kaelen hinauf. Seine Augen waren weit aufgerissen, erfüllt von einer Mischung aus Entsetzen und einer seltsamen, verzweifelten Hoffnung.
„Vesper?“, hauchte sie, wobei sich der Name gleichzeitig fremd und vertraut anfühlte.
„Nova“, antwortete er mit brüchiger Stimme.
Er verspottete sie nicht. Er feierte seinen Sieg nicht. Er sah sie nur an, als würde er sie zum allerersten Mal sehen – nicht als Rivalin, sondern als die einzige Person, die sich jemals die Mühe gemacht hatte, auf die Randbereiche seines Lebens zu blicken.
„ Du hasst mich“, sagte Kaelen, und endlich rollte eine bittere Träne über ihre Wange. „In den Fluren, in der Lounge … Du hasst alles, was ich bin.“
„Ich hasste die Person, die du vorgabst zu sein“, flüsterte Lyra, während ihre eigenen Tränen ihr die Sicht vernebelten. „Aber ich liebte die Person, die mein Herz berührte.“
Kaelen streckte die Hand aus, und sie zitterte, als er ihre Wange berührte. Diesmal zog er sich nicht zurück. Seine Haut war warm, seine Berührung so zögerlich wie ein erster Entwurf.
„Wir sind ein Chaos, Lyra“, flüsterte er.
„Wir sind ein Meisterwerk“, korrigierte sie ihn und lehnte sich an seine Handfläche. „Wir brauchen nur viel Überarbeitung.“
Draußen prasselte der Regen gegen die Scheiben des Medienlabors, doch drinnen war die Stille zum ersten Mal in ihrem Leben nicht kalt. Sie war erfüllt.