Kapitel 1
Das mit Blattgold verzierte Wappen der Oakhaven Academy kam ihr normalerweise wie ein Ehrenabzeichen vor. Heute, als Lyra Vance es durch die Glastüren des Dekanatsbüros betrachtete, wirkte es wie eine Zielscheibe.
„Es tut mir leid, Lyra“, sagte Dekan Sterling, seine Stimme so trocken wie das teure Pergament auf seinem Schreibtisch. „Der Hinweis war anonym, aber die Beweise waren … unbestreitbar. Ein Verstoß gegen den Kodex für akademische Integrität, selbst wenn er außerhalb des Lehrplans begangen wurde, ist Grund für den sofortigen Entzug des Sterling-Stipendiums.“
Lyras Hände waren so fest auf ihrem Schoß verschränkt, dass ihre Knöchel gespenstisch weiß geworden waren. „Es war ein Fehler im digitalen Einreichungssystem, Dekan. Ich habe nicht –“
„Die Entscheidung ist endgültig.“ Sterling blickte nicht auf. „Ohne das Stipendium ist Ihre Studiengebühr für das nächste Semester in dreißig Tagen fällig. Andernfalls muss Oakhaven Ihre Exmatrikulation vornehmen.“
Dreißig Tage. Fünfzigtausend Dollar.
Lyra verließ das Büro, ihre Absätze klackerten mit rhythmischer Präzision auf dem Marmorboden, was die Tatsache überdeckte, dass ihre Welt gerade zusammenbrach. Sie war die Jahrgangsbeste. Sie war das Mädchen, das nie einen Fehltritt begangen hatte. Aber jemand hatte die einzige Schwachstelle in ihrer Rüstung gefunden: ihr geheimes Leben.
„Du siehst ein bisschen blass aus, Vance. Hat der Dekan endlich herausgefunden, dass du ein Mensch bist und kein hochfunktionaler Roboter?“
Die Stimme klang wie Sandpapier auf Seide. Lyra musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. **Kaelen Thorne** lehnte an einem Mahagoni-Spind, sein Oakhaven-Blazer war aufgeknöpft, und ein Grinsen spielte um seine Lippen, das Lyra zum Schreien brachte.
„Geh aus dem Weg, Kaelen“, fauchte sie, ihre Stimme scharf wie Winterfrost.
„Autsch. Vorsicht, deine Krone rutscht dir ab“, kicherte Kaelen und stieß sich vom Spind ab, um sich ihr in den Weg zu stellen. Er war groß, mit diesem mühelos zerzausten blonden Haar, für das die Mädchen in der Junior Lounge schwärmten. Für Lyra war er nur ein Raubtier mit einem Treuhandfonds. „Ich habe ein Gerücht gehört. Etwas über ein Stipendium, das *puff* verschwunden ist? Das muss wehtun für jemanden, dessen ganze Persönlichkeit aus einem Notendurchschnitt besteht.“
Lyras Augen blitzten. Sie trat in seinen Raum, ihre Stimme ein leises, gefährliches Flüstern. „Das würdest du lieben, nicht wahr? Eine Person weniger, die dich daran erinnert, dass du nur Klassenbeste bist, weil dein Vater die Bibliothek gestiftet hat.“
Kaelens Grinsen schwankte für den Bruchteil einer Sekunde, ein flüchtiger Schatten huschte hinter seinen blauen Augen vorbei. „Denk, was du willst, Lyra. Aber in Oakhaven bleiben die Gewinner, und die Verlierer … nun, die kehren zurück in die staubige Ecke, aus der sie gekommen sind.“
Er schob sich an ihr vorbei, wobei seine Schulter absichtlich ihre streifte. Lyra stolperte leicht, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie hasste ihn. Sie hasste die Art, wie er sie ansah, als wäre sie ein Rätsel, das er bereits gelöst hatte. Am meisten hasste sie den Verdacht, der in ihrem Innersten brannte:
Hatte er den Hinweis geschickt?
Vier Stunden später war die „Eiskönigin“ verschwunden.
Im trüben Licht ihres beengten Schlafzimmers saß Lyra über ihren Laptop gebeugt. Das Leuchten des Bildschirms spiegelte sich in ihrer Brille, während sie auf die E-Mail ihres Verlegers bei InkHeart Digital starrte.
BETREFF: DRINGEND: Vertragsstatus Nova-9
Nova-9, Ihre neuesten Kapitel zu „The Rebel’s Vow“ bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Analysen zeigen einen Rückgang der Leserbindung um 40 %. Unsere Leser sagen, die Liebesgeschichte wirke „steif“ und „unrealistisch“. Wenn sich die Leserinteraktion bis zum Ende des National Web-Fiction Contest nicht verdoppelt, können wir keine Vertragsverlängerung anbieten. Sie brauchen einen Lektor, der emotionale Resonanz versteht. Bringen Sie das in Ordnung, oder wir gehen getrennte Wege.
Der Hauptpreis des Wettbewerbs betrug fünfzigtausend Dollar. Es war genau das, was sie brauchte, um in Oakhaven bleiben zu können. Es war ihre einzige Flucht aus dem Leben, das ihr Vater ihr nicht mehr bieten konnte.
Aber sie konnte keine Liebesromane schreiben. Sie konnte logisch schreiben, sie konnte historisch schreiben, sie konnte preisgekrönte wissenschaftliche Arbeiten verfassen – aber sie wusste nicht, wie man das Gefühl beschreibt, das ein Herz empfindet, wenn es bricht. Oder wenn es sich verliebt.
Ihre Finger schwebten über der Tastatur. Sie öffnete „The Nexus“, ein privates Forum für hochkarätige Underground-Lektoren und Autoren.
[VERFASST VON: Nova-9]
[BETREFF: HILFE GESUCHT: ROMANTIK-NOTFALL]
Ich habe die Handlung. Ich habe die Welt, die ich erschaffen habe. Was mir fehlt, ist die „Seele“. Ich bin eine technische Autorin, gefangen im Körper einer Liebesromanautorin. Ich brauche einen Lektor, der mir beibringen kann, wie man Gefühle auf Papier bringt. Es steht viel auf dem Spiel. Kurze Bearbeitungszeit. Ich bin bereit, die Tantiemen aus dem Wettbewerb zu teilen.
Sie klickte auf „Absenden“ und klappte ihren Laptop zu, wobei ihr Kopf gegen die Wand stieß.
Auf der anderen Seite der Stadt, in einem abgedunkelten Zimmer, das nach kaltem Kaffee und alten Büchern roch, summte ein Telefon auf dem Nachttisch.
Kaelen Thorne ignorierte es zunächst. Er starrte auf ein Ablehnungsschreiben einer Literaturzeitschrift, in dem stand, seine Gedichte seien „zu zynisch“ für die Frühjahrsausgabe. Er warf den Brief in einen Mülleimer, der bereits mit ähnlichen Papieren überquoll.
Er nahm sein Handy und scrollte durch The Nexus, um sich abzulenken. Er arbeitete als Vesper nicht wegen des Geldes – obwohl das „Taschengeld“ seines Vaters mit Bedingungen verbunden war, die er nicht erfüllen wollte –, sondern weil er ein Masochist für gute Prosa war.
Er sah den Beitrag von Nova-9.
Er kannte ihre Arbeit. Sie war beliebt, aber kalt. Wie eine wunderschöne Eisskulptur, die man nicht berühren konnte, ohne sich Erfrierungen zuzuziehen. Er hatte immer gedacht, Nova-9 sei wahrscheinlich eine Professorin mittleren Alters, die versuchte, schnelles Geld zu verdienen.
Er knackte mit den Fingerknöcheln und tippte eine Antwort.
[ANTWORT VON: Vesper]
Nova-9, dein Problem ist nicht dein Schreiben. Es ist deine Angst. Du schreibst, als hättest du Angst, dir die Hände mit echten menschlichen Emotionen schmutzig zu machen. Ich kann dir helfen, aber ich will keine Tantiemen. Ich will die vollständige kreative Kontrolle über die Dialoge deines Helden. Wenn du gewinnen willst, musst du aufhören, ein Feigling zu sein.
Lyras Handy piepste auf ihrem Kopfkissen. Sie las die Nachricht, und ihr Gesicht errötete vor Hitze.
Feigling? Sie wusste nicht, wer dieser „Vesper“ war, aber er war arrogant, unhöflich und viel zu selbstsicher. Er erinnerte sie an … nun, er erinnerte sie an alle, die sie in Oakhaven hasste.
Aber er war der Einzige, der sie jemals zur Rede gestellt hatte.
Sie tippte zurück, ihr Herz raste.
Ich bin keine Feiglingin. Sag mir, wo ich anfangen soll.
Die Antwort kam sofort.
Gut. Erste Lektion: Erzähl mir von der Person, die du am meisten auf der Welt hasst. Erzähl mir nicht, was sie getan hat. Erzähl mir, wie es sich anfühlt, wenn sie in deinen persönlichen Raum eindringt.
Lyras Gedanken schweiften zu Kaelen Thorne – daran, wie sein Duft nach Sandelholz und teuren Zitrusfrüchten im Flur ihre Lungen erfüllt hatte, daran, wie sein Grinsen ihr Blut in Wallung brachte.
Sie begann zu tippen. Und zum ersten Mal seit Monaten fühlten sich die Worte nicht wie eine Schulaufgabe an. Sie fühlten sich wie Feuer an.