Kapitel 34

1383 Words
Sanft, elektrisch, lebendig. Es durchschnitt die Luft wie ein Blitz – vertraut und unmöglich zugleich. Er drehte sich um, die Augen ruckten zu der schmalen Straße, die tiefer in das Viertel führte. Sie. Charise. Sie ging den Kopfsteinpflasterweg entlang mit einer anderen Frau, kleiner, mit kupferblondem Haar – die beiden unterhielten sich leise, während sie sich einer der kleinen Kliniken näherten, die zwischen den Händlergebäuden eingebettet lag. Pagans Herz setzte einmal aus, dann hämmerte es gegen seine Rippen. Ihr Duft traf ihn erneut – Kiefer und Regen, durchzogen von etwas Wärmerem, wie Silber, das auf der Zunge brennt. Sein Wolf drückte hart unter seiner Haut, ein instinktiver Drang, sich zu bewegen, die Distanz zu schließen. Aber er tat es nicht. Konnte es nicht. Er zwang sich, still stehen zu bleiben, den Kiefer angespannt, die Hände zu Fäusten geballt an seinen Seiten. Sie sah bei Tageslicht anders aus – das Haar offen, der Mantel eng um sich gezogen, der schwache Schimmer von Magie, der wie Staub im Sonnenlicht an ihrer Haut haftete. Es lag jetzt eine stille Stärke in ihr, etwas Schärferes als bei ihrer letzten Begegnung. Die andere Frau sagte etwas, das Charise ein Lächeln entlockte, schwach und flüchtig. Es traf ihn tief. Merrick, sandte Pagan durch die Verbindung, seine mentale Stimme tief und angespannt. Ich habe sie gefunden. Eine Pause. Dann Merricks ruhige Antwort. Wo? Stadtklinik. In der Nähe des Westtors. Lyons Stimme folgte, sanfter, aber geladen. Ist sie in Sicherheit? Pagans Kehle arbeitete. Sieht so aus. Er beobachtete, wie sie nach der Kliniktür griff – dann zögerte, den Kopf leicht neigte, die Nasenflügel blähte. Ihr Wolf war wach. Sie hatte seinen Duft ebenfalls wahrgenommen. Für einen Herzschlag hoben sich ihre Augen – sie scannte die Straße, die Menge, die Dächer. Pagan bewegte sich nicht. Atmete nicht. Ihr Blick glitt über ihn hinweg, unfokussiert, doch etwas in ihrem Gesichtsausdruck veränderte sich. Ihre Magie regte sich schwach, ein kaum wahrnehmbares silbernes Schimmern fing sich an ihrem Handgelenk, bevor sie ihren Ärmel herunterzog. Dann drehte sie sich um und ging hinein. Die Tür schloss sich hinter ihr. Pagan atmete langsam aus, sein Puls hämmerte noch immer. Sein Wolf schritt in ihm auf und ab, ruhelos und wild. Er wandte den Blick lange Zeit nicht von der Tür ab. Pagan trat die letzten Schritte aus der Gasse, die Muskeln angespannt, den Kiefer zusammengepresst. Die Türen der Klinik leuchteten schwach vor ihm, und er konnte sie spüren, bevor er sie sah. Kiefer, schwacher Rauch, etwas Weicheres, das sich hindurchzog – unverkennbar sie. Stunden des Wartens hatten ihn zermürbt. Sein Wolf in ihm schritt auf und ab, ein tiefes Knurren rollte unter seinen Rippen, forderte Handlung, forderte, dass sie in Sicherheit war. Dann bewegte sie sich. Charise. Sie kam aus der Klinik, zusammen mit der anderen Frau, ruhig, ohne Eile, ahnungslos – oder vorgebend – von der Hitze, die hinter ihm brodelte. Ihr Haar fing das Sonnenlicht ein, die silbernen Strähnen glitzerten wie Blitze, und selbst das subtile Wiegen ihres Schrittes ließ seine Brust eng werden. Er zwang sich zur Reglosigkeit, die Schultern starr, die Hände zu Fäusten geballt an seinen Seiten. Sie bemerkte ihn in dem Moment, als er zu scharf ausatmete. Grüne Augen richteten sich auf seine Gestalt, prüfend, scharf, amüsiert. „Du hast mich angestarrt“, sagte sie, die Stimme trocken, den Kopf leicht geneigt, als sie ein paar Schritte entfernt stehen blieb. Arme verschränkt. Pagan erstarrte, für einen Moment von ihrer Direktheit überrumpelt. „Ich –“, begann er, dann verstummte er. Verdammt, knurrte sein Wolf. „Mich beobachtet“, sagte sie erneut, diesmal pointierter. „Patrouillierst du jetzt die Straßen? Oder nur… Leute beobachten?“ Sein Puls beschleunigte sich. Alpha. Lunaris Alpha. Ruhig. Beweg dich noch nicht wie ein Raubtier. „Ich… stelle sicher, dass du in Sicherheit bist.“ Sie zog eine Augenbraue hoch, die Lippen verzogen sich zu diesem schwachen, trotzigen Halblächeln. „Sicher? Vor wem genau? Der Klinik? Der Stadt? Oder vor dir?“ Ihre Augen huschten zu ihm, dann zurück die Straße hinunter, unbesorgt, doch bewusst. Er wollte zuschnappen, einen Schritt nach vorn machen, ihr Territorium mit Worten, Präsenz, Warnung markieren. Stattdessen schluckte er und ballte die Fäuste fester. „Ich vertraue diesem Rudel nicht“, sagte er, leise und scharf. Sein Wolf grollte unter den Worten. Nicht sicher. Nicht hier. Sie lächelte schwach, verschränkte die Arme fester und lehnte sich leicht auf ein Bein zurück. „Ist das deine professionelle Einschätzung? Oder einfach… persönlich?“ „Professionell“, schnappte er, dann zwang er sich zu einem Atemzug. „Teilweise persönlich“, gab er zu, die Stimme tief. Ihr Lächeln flackerte nicht. „Gut zu wissen.“ Sie machte einen Schritt näher, bewusst nah genug, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber nicht nah genug, um zu bedrohen. „Vorsicht, Alpha. Du könntest anfangen zu denken, dass ich Schutz brauche… oder dass ich ihn will.“ Sein Wolf knurrte tief. Kühn. Zu kühn. Pagans Kehle arbeitete. Er wollte sie korrigieren, sich behaupten, doch jeder Instinkt sagte ihm, zu warten. Sie testete ihn – testete ihn. Und sie zuckte nicht zurück. Nicht, als er die Augen verengte. Nicht, als seine Präsenz sich wie eine Klinge in der Luft schärfte. Sie war sich bewusst, vorbereitet, furchtlos. Schließlich atmete er langsam aus, der Kiefer lockerte sich leicht. „Du bist… etwas Besonderes“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Sag mir etwas, das ich noch nicht weiß, Alpha“, erwiderte sie, richtete sich auf und rollte die Schultern zurück. „Und hör auf zu starren. Es ist anstrengend, so intensiv bewundert zu werden.“ Pagans Puls schlug erneut höher, sein Wolf knurrte tief als Warnung, der Körper angespannt und zusammengerollt, doch er blieb verwurzelt. Er konnte sich noch nicht bewegen. Konnte nicht jagen. Konnte nicht beanspruchen – nicht, solange so wenig verstanden war. Sie blickte zu den Kliniktüren, dann zurück zu ihm. Ihre grünen Augen schimmerten silbern im Sonnenlicht, gerade genug, um ihn zu überraschen. „Versuch nächstes Mal, mir nicht zu folgen“, sagte sie leichthin, dann ging sie weiter zur Tür. Pagans Blick blieb fest auf sie gerichtet, sein Wolf schritt unter seiner Haut auf und ab, knurrend, ruhelos. „Denk nicht, dass das hier endet“, murmelte er leise. Und das tat es nicht. Charises Schritt verlangsamte sich, das leise Klacken ihrer Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster durchschnitt die Kälte des späten Nachmittags. Sie drehte sich einmal um, dann ein zweites Mal, bevor sie schließlich stehen blieb. Ihre grün-grauen Augen fixierten ihn. „Alpha Pagan“, rief sie, ihre Stimme fest, trug sogar über das leichte Summen der Stadt hinweg. Der Klang seines Namens traf ihn wie ein Schlag gegen die Brust. Sein Wolf knurrte, angespannt und verzweifelt unter seiner Haut, und für einen Herzschlag verengte sich die Welt auf den Zug ihrer Stimme, den scharfen Duft ihrer Präsenz, der sich durch ihn zog. Er zwang seinen Kiefer zusammen, verbarg den Schwall von Bewusstsein, den Instinkt, der schrie, dass sie ihm gehörte – zumindest ein Teil von ihr, auch wenn sie es nicht wusste. „Vertrau ihm nicht“, sagte sie, die Stimme leise, aber fest, mit einem Gewicht jenseits ihrer Jahre. „Darius?“, fragte er vorsichtig, zurückhaltend, sein Wolf zusammengerollt unter seiner Haut, während jeder Muskel danach drängte, sich zu bewegen, die Distanz zu schließen. Sie neigte den Kopf leicht, die Augen unverwandt. „Ja. Er verbirgt Dinge. Er ist schwach… und du bedrohst ihn. Das wird ihn… unberechenbar machen.“ Pagans Magen verkrampfte sich, Wut flammte auf. Er wollte einen Schritt nach vorn machen, sie als die Seine markieren als Warnung, ihr die Wildheit zeigen, die hinter seiner Kontrolle brodelte. Doch er blieb still, hielt sich zurück – vorerst. Sie verlagerte ihr Gewicht, wollte weitergehen. Er sprach, bevor die Gedankenverbindung ihn stoppen konnte, ignorierte Merrick und Lyons subtile mentale Warnungen. „Er benutzt dich.“ Ihre Augen richteten sich auf ihn, ein schwaches Lächeln streifte ihre Lippen. „Ich weiß.“ „Du weißt?“ Seine Stimme hob sich, rauer als beabsichtigt, und sein Wolf knurrte tief über die Wahrheit hinter ihren Worten. Sie verdrehte die Augen, unbeeindruckt. „Ich bin kein Idiot.“ „Warum lässt du es dann zu?“ Sein Ton war knapp, besitzergreifend, die Augen verengt.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD