Kapitel 33

1137 Words
Die Stille, die folgte, war messerscharf. Merricks Stimme senkte sich, nun ganz Befehl. „Dann finden wir heraus, wie. Diskret. Wenn sie involviert ist, freiwillig oder nicht, steht sie im Zentrum dieser Sache.“ Pagans Wolf drückte hart gegen seine Haut und knurrte. „Du nennst das diskret? Wir sollten sie genau jetzt aus diesem verdammten Ort herausschleifen.“ Merrick stand daraufhin auf, langsam und bedächtig, die Ruhe vor dem Sturm. „Du wirst nichts dergleichen tun.“ Pagans Kopf zuckte zu ihm herum, goldgrüne Augen blitzten. „Sie gehört uns, Merrick.“ Die Worte trafen den Raum wie ein Schlag. Lyons Blick wanderte zwischen ihnen hin und her, undurchdringlich, aber lebendig mit etwas Scharfem. Merrick leugnete es nicht. Sein eigener Puls donnerte in seinem Hals, sein Wolf schritt hinter seinen Rippen auf und ab. „Denkst du, ich weiß das verdammt noch mal nicht?“, sagte er, die Stimme leise, aber gefährlich. „Denkst du, ich habe es nicht in der Sekunde gespürt, in der sie diesen Raum betreten hat?“ Pagan erstarrte. Merrick atmete aus und fuhr sich mit einer Hand durch sein dunkles Haar. „Wir können nicht auf sie zugehen. Noch nicht. Darius beobachtet uns – wartet auf einen Vorwand. Wenn du sie jetzt anrührst, wird er sie begraben, bevor du in ihre Nähe kommst.“ Das traf. Pagans Wolf knurrte immer noch, aber leiser jetzt, zusammengerollt unter dem Gewicht von Merricks Worten. Lyon sprach erneut – diesmal sanfter, aber es brachte beide zum Schweigen. „Sie ist in der Nähe.“ Beide Köpfe drehten sich zu ihm. Lyons Blick war distanziert, für einen Herzschlag unfokussiert, als würde er etwas außerhalb des Raumes hören. „Ich kann sie spüren“, murmelte er. „Ihr Duft… Er ist schwach, aber er ist hier. Sie ist nahe am Anwesen.“ Pagan erstarrte vollkommen. Die Anspannung in ihm verlagerte sich, nicht verschwunden, aber verändert – weniger Wut, mehr Sehnsucht. Dieser seltsame Zug pochte erneut in seiner Brust und hallte Lyons Worte wider. Auch Merricks Wolf regte sich – ruhig, aber wachsam – ein tiefes Summen der Erkenntnis. Die Luft im Raum verdichtete sich, ein gemeinsamer Puls zog sich durch sie hindurch und band sie in demselben unsichtbaren Rhythmus. Für einen Moment beruhigte es sie alle. Dann brach die Stille. Merrick bewegte sich zuerst und zog seine Jacke an. „Geh laufen“, sagte er, der Ton leise, aber fest. „Du wirst die Wände einreißen, wenn du noch länger hier drin bleibst.“ Pagans Stirn runzelte sich. „Befiehlst du mir das?“ Merrick begegnete seinem Blick, ein schwaches Lächeln huschte über seinen Mundwinkel. „Nicht möglich. Wir teilen denselben verdammten Rang. Betrachte es als Vorschlag.“ Lyons Lippen zuckten leicht. „Ein weiser.“ Pagan stieß ein humorloses Lachen aus und griff nach seiner Jacke auf dem Stuhl. „Du willst mich einfach nur aus dem Weg haben.“ Merricks Blick hielt seinen fest. „Ich will, dass du nachdenkst. Die Grenze gehört heute dir – nenn es eine Inspektion. Und wenn du zufällig jemandem über den Weg läufst… erschreck sie nicht.“ Pagans Wolf bäumte sich bei diesen Worten auf. „Keine Chance.“ Er ging, bevor Merrick noch mehr sagen konnte, die Tür knallte hinter ihm zu – wieder einmal. Merrick ließ einen tiefen Atemzug entweichen und lehnte sich gegen den Schreibtisch zurück, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. Lyons Blick verweilte erneut am Fenster. Seine Augen hatten sich verdunkelt – schwach leuchtend. „Sie hat es auch gespürt“, murmelte er. Merrick schaute zu ihm hinüber. „Was?“ „Die Bindung“, sagte Lyon leise. „Als wir in diesem Raum waren… hat sie es gespürt.“ Merrick schwieg einen langen Moment. „Dann hat es begonnen.“ Lyon nickte einmal, der schwächste Hauch von Schmerz flackerte über seine Miene – etwas, das er nicht laut aussprach. Denn unter dem stetigen Schlag seines Herzens hatte er es wieder gespürt – ein seltsames Echo, wie eine messerscharfe Klinge aus Schmerz, die durch die Bindung schnitt. Eine Wunde, die nicht seine war. Und sie kam von ihr. ** Pagan erreichte die Baumgrenze in vollem Sprint. Bis seine Stiefel auf gefrorenen Boden trafen, war sein Körper bereits im Wandel – Knochen knackten, Muskeln dehnten sich, Haut wich dem Fell. Die Verwandlung fuhr durch ihn hindurch wie ein Lauffeuer, seine Sicht schärfte sich, als sein Wolf frei brach. Kalte Luft flutete seine Lungen. Der Wald erwachte brüllend zum Leben um ihn herum. Er rannte. Die Kiefern verschwammen in Streifen aus Grün und Frost, seine Pfoten donnerten in einem leichten Rhythmus gegen die Erde. Jeder Atemzug trug Informationen – Erde, Blut, Kiefernharz, die schwache metallische Spur von abtrünnigen Wölfen, die hier nicht hingehörten. Je weiter er kam, desto stärker verdichtete sich der Duft. Merrick. Seine Stimme drang durch die Gedankenverbindung, selbst im Denken kieselscharf. Deine Grenzberichte sind Bullshit. Es gibt Öffnungen entlang des nördlichen Kamms. Drei bisher. Eine Pause, dann Merricks Stimme – kühl, präzise. Wie breit? Breit genug, dass ein ganzes Rudel hindurchschlüpfen kann. Jemand hat an den Patrouillenrouten herumgepfuscht. Lyons Ton mischte sich ein, sanfter, aber nicht weniger scharf. Abtrünnige? Ja. Mehrere Düfte. Auch unterschiedliche Alter. Einige frisch. Er verlangsamte nahe einer Lücke im Unterholz, hob die Schnauze und schnüffelte. Einer ist vor weniger als einem Tag hinübergekommen. Männlich, älter, blutend an der Schulter. Merrick wieder: Darius hat gesagt, es hätte keine Vorfälle gegeben. Pagan knurrte tief in seiner Brust. Darius lügt aus Sport. Seine Männer decken die Spuren ab. Ich werde den Rest vor Sonnenuntergang kartieren. Er drängte weiter, schlängelte sich durch die Kämme, den Schwanz tief, der Körper angespannt. Je weiter er rannte, desto tiefer sank die Unruhe in ihn ein. Die Durchbrüche waren zu absichtlich. Nicht zufällig oder durch Zeit abgenutzt – sauber geschnitten, strategisch geöffnet. Wer auch immer es getan hat, kannte die Patrouillenrotation. Und die Abtrünnigen waren nicht einfach nur hindurchgegangen. Sie waren geblieben. Beobachteten. Bis er die letzte Strecke erreichte, war die Sonne tief gesunken und blutete orange durch das Blätterdach. Seine Pfoten verlangsamten sich, als der Waldrand in Steinstraßen und das schwache Summen der Stadt dahinter überging. Er verwandelte sich hinter einer niedrigen Mauer zurück, der Atem rau. Die Verwandlung hinterließ ein Brennen in seinen Muskeln, aber er bemerkte es kaum. Einer seiner Sicherheitsleute – ein junger Gamma namens Finn – wartete, den Blick abgewandt, und hielt eine gefaltete Hose und ein frisches weißes Hemd bereit. „Alpha.“ Pagan grunzte zur Bestätigung und zog die Kleidung an. „Irgendwas?“ „Ruhe Tag“, sagte Finn, zögerte dann. „Beta Tobias war vorhin hier. Hat gefragt, ob du am Abendrat im Haupthaus teilnimmst.“ Pagans Kiefer zuckte. „Sag ihm, ich bin beschäftigt.“ Finn nickte schnell und wollte gehen, doch Pagan erstarrte mitten im Zuknöpfen. Ein Duft.
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