Kapitel 32

1246 Words
Für einen Moment — das kürzeste Aufflackern — zögerte Darius. Gerade lange genug, dass Pagan es bemerkte. Sein Geruch veränderte sich. Unter der geübten Ruhe war es da — Angst. „Natürlich“, sagte Darius glatt. „Mein Beta wird sie schicken.“ Zu seiner Rechten neigte Tobias den Kopf und murmelte gehorsam: „Ich kümmere mich darum, Alpha.“ Merrick faltete die Hände zusammen, den Blick nie von Darius abwendend. „Und Ihre Kundschafter? Wir möchten sie direkt befragen.“ „Unnötig“, entgegnete Darius, zu schnell. „Sie heilen. Meine Heilerin wird ihre Berichte liefern.“ Lyons grau-grüne Augen verengten sich leicht. „Das werden wir selbst beurteilen.“ Wieder Stille. Tobias räusperte sich und versuchte, die Spannung zu lösen, die den Raum verdickte. „Vielleicht, wenn Sie Ihren Zweck näher erläutern würden, Alphas. Wintercrest hat seine Angelegenheiten schon immer selbst geregelt.“ Merrick lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Und dennoch dringen Ihre Abtrünnigen immer wieder in unsere Grenzen ein.“ Pagens Wolf schlich unter seiner Haut — er spürte, wie die Beherrschung seines Bruders sich genau wie seine eigene auflöste. Allein der Klang von Darius’ Stimme ließ seine Nackenhaare sich aufrichten. Darius’ Lächeln wurde schärfer. „Ich versichere Ihnen, Wintercrest bleibt stabil.“ „Dann haben Sie sicher nichts gegen unsere Überprüfung einzuwenden“, sagte Merrick. Darius’ Kiefer zuckte. „Ich halte es für unnötig, aber… wie Sie wünschen.“ Merricks schwaches Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Gut.“ Pagan hätte es dabei belassen sollen — aber sein Bauchgefühl ließ ihm keine Ruhe. Das Wort rutschte ihm heraus, bevor er es aufhalten konnte. „Und Ihre… Assistentin?“ Die Frage ließ die Luft gefrieren. Darius hob eine Braue, glatt und berechnend. „Charise? Was ist mit ihr?“ Merricks Ton war gemessen, obwohl Pagan die Neugier darunter hören konnte. „Sie wurde gestern beiläufig erwähnt. Sie sagten, sie kümmert sich um die Organisation der Grenzen. Ich würde ihre Rolle gerne genauer verstehen.“ Darius’ Miene veränderte sich nicht, doch sein Geruch schon — scharf, defensiv. „Sie versorgt die Verwundeten. Hält die Patrouillen versorgt. Ihre Arbeit hält dieses Rudel funktionsfähig.“ Tobias fügte schnell hinzu: „Sie ist seit den meisten Jahren ihres Lebens bei Silver Ridge. Ihre Eltern sind vor Jahren verloren gegangen — ihre Mutter durch Krankheit, ihr Vater im Dienst des Rudels. Der Alpha hat sie aufgenommen.“ „Aufgenommen“, wiederholte Pagan leise, sein Kiefer spannte sich an. „Wie großzügig.“ Darius ignorierte den Ton. „Sie schuldet Wintercrest ihr Leben. Und ihre Loyalität.“ Ein leises Knurren rollte aus Pagens Brust, bevor er es auffangen konnte. Merricks subtiler Blick warnte erneut zur Zurückhaltung — doch selbst Lyons Hand hatte sich zur Faust geballt. Das Gespräch ging weiter, doch Pagens Aufmerksamkeit nicht. Allein die Erwähnung ihres Namens — Charise — reichte aus, um seinen Wolf in Aufruhr zu versetzen. Dieses Echo wieder, tief und niedrig in seinem Blut. Gefährtin. Er ignorierte es. Versuchte es zumindest. Als das Treffen endete, stand Darius auf und bot dasselbe kalte Lächeln an, mit dem er begonnen hatte. „Wenn das alles war, meine Herren, vertraue ich darauf, dass Sie Wintercrest mehr als fähig finden, seine Angelegenheiten zu regeln.“ Merrick stand mit ruhiger Autorität auf. „Das werden wir sehen.“ Die drei Alphas verließen den Raum ohne ein weiteres Wort, die schwere Tür schloss sich hinter ihnen mit einem dumpfen, endgültigen Schlag. Draußen traf die kalte Luft Pagan wie ein Schlag — sauber und scharf nach dem erstickenden Gestank von Darius’ Lügen. Und darunter, schwach, aber unverkennbar, kam etwas anderes. Ihr Geruch. Kiefern und Frost und die schwächste Spur von Silbermagie in der Luft. Er wand sich wie ein Puls durch ihn — stetig, beharrlich, unmöglich zu ignorieren. Und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Wintercrest wusste Pagan zwei Dinge mit absoluter Sicherheit. Darius verbarg etwas. Und Charise Lancaster war der Schlüssel zu allem. Die Tür knallte hinter ihnen zu, hart genug, um die Scharniere klappern zu lassen. Merrick zuckte nicht einmal zusammen. Er war bereits am Schreibtisch, eine Hand auf das Holz gestützt, die andere blätterte durch einen dünnen Ordner mit ausgedruckten Berichten, die Tobias für sie hinterlegt hatte. Papierkram — Zahlen, Patrouillenrouten, Namen von Kundschaftern — alles nutzlos. Die Daten waren zu sauber, zu perfekt. Lyon saß nahe dem Fenster, Ellbogen auf den Knien, und starrte hinaus auf die frostüberzogenen Kiefern. Sein Schweigen war schwer, die Art, die einen Raum lauter füllte als Schreien. Pagan jedoch hatte noch nie an Stille geglaubt. Er schritt von Wand zu Wand wie ein eingesperrtes Tier, die Muskeln unter seinem Hemd angespannt, jeder Atemzug ein Knurren. „Er ist voller Scheiße. Jedes Wort. Er deckt etwas ab — verdammt, man riecht es an ihm.“ Merrick sah nicht auf. „Wir haben es alle bemerkt.“ „Dann warum zur Hölle sitzen wir hier noch rum?“, schnappte Pagan und lief weiter auf und ab. „Wir hätten seine Grenzen durchbrechen sollen, sobald er gelogen hat.“ „Weil das genau das ist, was er will, dass wir tun“, sagte Merrick, leise und beherrscht. Er blätterte eine Seite um und scannte die ordentlichen Spalten mit wachsendem Stirnrunzeln. „Er hofft, dass wir ohne Beweise einen Zug machen. Das würde ihm einen Grund geben, uns beim Rat zu melden.“ Pagan schnaubte. „Der Rat kann sich das sonst wohin stecken. Die wissen, wer diese Lande führt.“ Merrick sah schließlich auf — langsam, bedacht —, seine grauen Augen kühl und ruhig. „Bist du fertig?“ Pagens Kiefer spannte sich. „Noch lange nicht.“ „Dann streng dich mehr an“, sagte Merrick gleichmäßig. „Wir brauchen keinen verdammten Krieg mit einem halb zerbrochenen Rudel. Wir brauchen Fakten. Aufzeichnungen. Muster.“ Lyons Stimme kam vom Fenster, leise, aber mit jenem unverkennbaren Gewicht, das beide innehalten ließ. „Er hat recht.“ Pagan drehte sich zu ihm. „Womit?“ Lyons Augen blieben auf die Baumlinie gerichtet. „Darius ist verzweifelt. Er verliert die Kontrolle — über die Abtrünnigen, über sein Rudel. Man konnte die Angst unter seinem Ton riechen.“ „Dann warum zur Hölle lächelt er, als hätte er schon gewonnen?“ „Weil er denkt, dass er es hat“, murmelte Merrick. „Er ist überzeugt, dass wir ihn nicht durchschauen.“ Pagan gab ein humorloses Lachen von sich. „Arroganter Bastard.“ Merrick summte zustimmend und drehte eine weitere Seite um. Seine Finger klopften auf den Schreibtisch. „Es gibt einen Grund, warum er seine Heilerin versteckt. Die Art, wie er über sie gesprochen hat —“ „‚Assistentin‘“, stieß Pagan hervor und schnaubte. „Als wäre sie eine verdammte Sekretärin. Du hast gesehen, wie er sie angesehen hat.“ Merrick hatte es gesehen. Und die Erinnerung ließ seinen Wolf sich sträuben. „Er ist besitzergreifend ihr gegenüber.“ „Mehr als das“, murmelte Lyon. „Er hat Angst vor ihr.“ Pagan hörte auf, hin und her zu laufen. „Angst?“ Lyon drehte sich endlich vom Fenster weg und sah beide an. „Er hält sie aus einem bestimmten Grund nah bei sich. Die Abtrünnigen, die Grenzangriffe — das hängt alles zu eng zusammen. Er benutzt etwas… oder jemanden.“ Pagens Hände ballten sich zu Fäusten. „Du denkst, er benutzt sie.“ „Ich denke nicht“, sagte Lyon leise. „Ich weiß es.“
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