„Hast du das Mal auf ihrer Wange gesehen?“, sprach Pagan schließlich.
„Ja“, antwortete Merrick scharf, sein Wolf knurrte bei der Erinnerung. „Abgedeckt, aber nicht gut.“
Merricks Kiefer spannte sich an. „Ich habe es gesehen.“
Wieder Stille. Aber keine angenehme — sondern die Art, die vor kaum unterdrückter Gewalt summte.
Lyon sprach schließlich, seine Stimme leiser als zuvor. „Er hat sie geschlagen.“
Keiner seiner Alphas widersprach. Das mussten sie nicht.
Pagan lehnte sich nach vorne, der Stuhl knarrte unter seinem Gewicht. „Du hast es auch gespürt, oder?“
Merrick sah ihn an. „Was?“
Pagens Augen brannten — geschmolzenes Gold im schwachen Licht. „Das Band.“
Merrick antwortete nicht sofort. Seine Hand fuhr hoch und strich über sein Kinn, nachdenklich. „Ich dachte, ich bilde es mir ein. Ein Trick der Lichtung… die Magie.“
„Du hast es dir nicht eingebildet“, antwortete Pagan.
„Dann spüren wir alle dasselbe.“ Merrick erkannte es.
Lyon hatte sich nicht bewegt, doch die Stille um ihn herum wurde schärfer — als würde die Luft selbst sich vor seiner Beherrschung verneigen.
Pagan stand erneut auf, frustriert. „Die Schicksalsgöttinnen mögen mir helfen, ich wollte Darius in Stücke reißen, als er sie so angesehen hat.“
„Du willst immer irgendetwas in Stücke reißen.“ Merrick verdrehte die Augen.
„Nicht so.“
Die Worte waren zu roh, um sie abzutun.
Lyon erhob sich schließlich. Seine Bewegungen waren langsamer, bedacht, als müsste jeder Muskel erst nachdenken, bevor er gehorchte. Er ging zum Fenster und zog den Vorhang einen Zentimeter zurück. Das Mondlicht ergoss sich über sein Gesicht, blass gegen die Wärme des Feuers. „Sie ist es.“
Sowohl Merrick als auch Pagan drehten sich zu ihm um.
Lyon hielt seinen Blick fest auf den Wald jenseits des Anwesens gerichtet. „Die aus der Lichtung. Die unsere Kundschafterin gerettet hat.“
Merrick stieß sich vom Tisch ab und atmete aus. „Dann war die Macht, die wir gespürt haben, nicht nur Magie. Es war das sich bildende Band.“
„Bist du sicher?“, fragte Pagan und sah von Merrick zu Lyon, obwohl er die Antwort bereits in seinem Blut wusste.
„Ich bin es.“ Lyon nickte.
Die Worte trugen Endgültigkeit — die Art, die sich in der Brust niederlässt und sich nicht mehr bewegt.
Merrick sank nun in einen Stuhl, das Gewicht der Erkenntnis setzte sich in seiner Haltung fest. „Drei von uns. Für eine.“
Pagan gab ein humorloses Lachen von sich. „Das Schicksal hat einen grausamen Sinn für Gleichgewicht.“
Lyon lächelte nicht. „Oder für einen Zweck.“
Der Raum wurde wieder still, das einzige Geräusch war das Knacken des Feuers und der Wind, der schwach gegen das Fenster kratzte.
Merrick rieb sich die Schläfen. „Sie ist an einen Alpha gebunden, der sie nicht verdient. Und er benutzt sie für Macht. Wir können nicht einfach wegsehen.“
Lyons Antwort war leise, aber die Schärfe darunter war unverkennbar. „Das werden wir nicht.“
Pagan drehte sich zu ihm, bereit zu sprechen — und hielt inne.
Lyon war erstarrt. Sein Atem stockte. Seine Hand drückte kurz gegen seine Brust, über sein Herz.
„Lyon?“ Merricks Stimme durchschnitt die Luft, leise, aber wachsam.
Lyons Kiefer spannte sich an. Ein Flackern von Schmerz — oder etwas Tieferem — huschte über sein Gesicht.
Er schloss die Augen, atmete hindurch, aber das Echo war unverkennbar. Für einen rohen Augenblick spürte er, was sie spürte — den Zusammenbruch, die Erschöpfung, den kalten Schwall der Angst.
Und dann war es vorbei.
Er atmete zittrig aus. „Sie ist verletzt.“
Merrick richtete sich auf. „Woher weißt du das?“
Lyon öffnete die Augen. „Weil ich es gespürt habe.“
Pagens Wolf drängte unter seine Haut, ein tiefes Knurren grollte in seiner Kehle. „Dann finden wir sie.“
Merricks Verstand arbeitete bereits — der Stratege übernahm wieder die Kontrolle. „Noch nicht. Wir können uns nicht offen bewegen. Nicht, bis wir wissen, was Darius verbirgt.“
Lyon antwortete nicht. Sein Blick blieb auf die Baumlinie jenseits des Glases gerichtet — dunkel und endlos, genau in die Richtung, in der ihre Hütte liegen musste. „Halt durch, Mein Licht.“
Merrick drehte sich zu ihm um, etwas flackerte hinter seiner ruhigen Miene. „Was hast du gerade gesagt?“
„Nichts.“
Aber die anderen hatten es gehört — das Gewicht darin, den Anspruch, der in den Worten verborgen lag.
Und während das Feuerlicht tiefer brannte, standen die drei dort — Brüder, Alphas und nun etwas mehr.
Nicht nur durch Blut oder Territorium verbunden.
Sondern durch dieselbe Frau. Denselben Sog. Dasselbe Schicksal.
Der nächste Tag dämmerte kalt — eine Kälte, die selbst durch Wolfsblut biss. Reif hing an den Schieferdächern der Stadt, der Duft von Kiefern und Rauch drang durch die Luft jenseits der Wintercrest-Grenzen.
Pagan hatte nicht geschlafen. Keiner von ihnen hatte.
Er saß am langen Eichentisch, die Maserung abgenutzt und rissig unter seinen Händen. Der Besprechungsraum war düster, beleuchtet nur durch das graue Morgenlicht, das durch die hohen Fenster fiel. Darius’ Stimme erfüllte den Raum — glatt, geübt und so einstudiert, dass es Pagan unter der Haut kribbelte.
„Die Abtrünnigen wurden von unserem nördlichen Perimeter zurückgeschlagen. Meine Patrouillen bleiben entlang des östlichen Kamms aktiv. Wir haben jede Bedrohung eingedämmt, bevor sie sich ausbreiten konnte.“
Eingedämmt. Kontrolliert. Bequeme Worte für einen Mann, der dreist log.
Pagan lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine golden-grünen Augen fest auf Darius gerichtet, während der Alpha von Wintercrest fortfuhr. Er hörte nicht alle Worte — nicht wirklich. Seine Aufmerksamkeit driftete stattdessen zum Rhythmus davon. Zur Art, wie die Stimme des Mannes stockte, als Merrick nach vermissten Kundschaftern fragte. Zum kurzen Zucken in seinem Kiefer, als Lyon die Abtrünnigen-Aktivität nahe dem Fluss erwähnte.
Lügen. Jedes einzelne Wort davon.
Täuschung hatte einen Geruch — schwach, aber bitter. Eine Säure, die Pagan im hinteren Teil seiner Kehle spürte.
Merricks Stimme war ruhig, knapp und diplomatisch. „Sie erwähnten, dass Ihre Grenzen weiterhin sicher sind, Alpha Darius. Dennoch haben wir auf unserer Seite des Kamms Blutspuren gesehen. Sind Sie sicher, dass Sie das intern geregelt haben?“
Darius lächelte — ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Mein Rudel. Meine Methoden. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“
Pagens Geduld brach wie ein trockener Zweig. Er lehnte sich nach vorne, die Unterarme auf den Tisch gestützt. „Ihre ‚Methoden‘ scheinen eine Menge Leichen im Wald zurückzulassen.“
Merrick warf ihm einen warnenden Blick zu — ein stilles noch nicht —, doch Darius’ Grinsen wurde nur breiter.
„Gerade Sie sollten wissen, dass Wölfe sterben, wenn sie ihr Territorium verteidigen.“
Pagens Wolf knurrte tief in seiner Brust, nur durch Merricks subtile, erdende Präsenz neben ihm zurückgehalten. „Verteidigen“, murmelte er leise, „oder zum Sterben geschickt werden?“
Die Spannung knisterte, scharf und metallisch.
Lyons Stimme durchschnitt die Stille, ruhig, aber mit Befehlsgewalt. „Wir werden Zugang zu Ihren Grenzpatrouillen-Aufzeichnungen brauchen.“