Kapitel 45

1582 Words
Elara atmete zittrig aus. „Du hast ihm gerade wirklich sein eigenes Land genommen.“ Merricks Blick kehrte zur Liege zurück – zu Charise. „Das hat er sich selbst genommen“, sagte er leise. „Ich habe es nur offiziell gemacht.“ Die Stille, die darauf folgte, war kein Frieden. Sie war das Danach – jene scharfe Ruhe, die eintritt, wenn die Wölfe ihre Zähne gezeigt haben und nur noch die Verwundeten zurückbleiben. Die Stille nach Darius’ Abgang hing wie Rauch in der Luft. Pagan lief nahe dem Fenster auf und ab, sein Hemd halb geöffnet, seine Brust hob und senkte sich noch immer unter zurückgehaltener Wut. Lyon stand am Fußende der Liege, die Augen keine Sekunde von Charises reglosem Gesicht abgewandt. Merrick blieb dort stehen, wo er war, die Arme verschränkt, während das Summen seines Wolfs noch immer unter seiner Haut lebte. Die Klinik war nun düster. Die Kerzen brannten nur noch schwach. Der Geruch von Kräutern und Blut vermischte sich mit etwas Schwachem und Elektrischem – den Überresten ihrer Magie, die noch immer in der Luft hingen. Sie schimmerte zart über ihrer Haut, ein weicher silberner Puls wie ein Herzschlag, der durch den Raum hallte. Elara bewegte sich leise zwischen ihnen, und die Last dessen, was sie gerade erlebt hatte, war in ihren Augen sichtbar. Sie kontrollierte den Verband an Charises Schläfe und legte dann zwei Finger an die Innenseite ihres Handgelenks. Ihr Gesichtsausdruck wurde weicher. „Es geht ihr gut“, sagte Elara nach einem Moment. Ihre Stimme war ruhig, auch wenn Erschöpfung darin mitschwang. „Was auch immer er ihr angetan hat ... es ist jetzt verschwunden. Das Siegel ist ausgebrannt, als sie ihre Magie freigesetzt hat. Es zehrt nicht länger an ihr.“ Merricks Blick glitt zu ihr. „Bist du sicher?“ Elara nickte und strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ja. Dieses hier ist tot – vollständig ausgebrannt. Es wird sich nicht neu bilden.“ Lyon atmete aus, und Erleichterung vibrierte leise in seiner Brust. „Dann ist sie in Sicherheit.“ Elara blickte zu ihm auf und dann zu den anderen beiden. „Das wird sie sein. Aber sie braucht Ruhe. Was sie dort draußen getan hat ... das war nicht nur ein Energieschub. Es war eine vollständige Freisetzung. Jede einzelne Kraftreserve, die sie all die Jahre zurückhalten musste – jede Macht, die sie nicht hatte nutzen können –, hat sie auf einmal freigesetzt.“ Merricks Kiefer spannte sich an. „Und sie hat es überlebt.“ „Ja“, murmelte Elara. Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Pagan hörte auf zu laufen und lehnte eine Schulter gegen die Wand. „Wann wird sie aufwachen?“ „Einen Tag. Vielleicht zwei“, sagte Elara. „Ihr Körper ist stark, aber ihre Magie wurde jahrelang ausgehungert. Sie wird Zeit brauchen, um wieder ein Gleichgewicht zu finden.“ Sie zögerte kurz und fügte dann leise hinzu: „Ihr solltet wissen – ihr Wolf ist selbst im bewusstlosen Zustand unruhig. Beschützend. Er kennt euch.“ Bei diesen Worten blitzten Pagans Augen golden auf, Lyons Blick verdunkelte sich, und Merrick spürte den Puls durch die Bindung, die sie inzwischen alle erkannt hatten, über die jedoch noch niemand offen gesprochen hatte. Die Stille zog sich erneut in die Länge, schwerer als zuvor – bis Merrick sie durchbrach. „Sie steht jetzt unter unserem Schutz“, sagte er schlicht. Lyon fügte ruhig hinzu: „Wir bringen sie in die Gebiete von Lunaris. Dort wird sie sich erholen. Dort wird sie sicher sein.“ Elara nickte langsam. Ihre Augen wurden weicher, als sie auf ihre Freundin hinabblickte. „Sie verdient Frieden.“ Sie strich Charise sanft durchs Haar – eine zärtliche, menschliche Geste in einem Raum voller Raubtiere. „Ihr tut das Richtige. Bringt sie so weit wie möglich von Darius weg. Er wird versuchen, die Geschichte vor dem Rat zu verdrehen, aber sie werden sie nicht anrühren, sobald sie unter eurem Bund steht.“ Merrick betrachtete sie aufmerksam. „Du verstehst, was das bedeutet, Elara.“ „Ja“, sagte sie leise. „Ich habe gesehen, wie sie euch angesehen hat, noch bevor das alles passiert ist. Wie sie versucht hat zu verbergen, was sie fühlt. Die Bindung war schon da, oder?“ Lyons Stimme war tief. „Das war sie.“ Pagan trat nun näher an die Liege. Seine Hand schwebte kurz über Charises Schulter – ohne sie zu berühren, aber nah genug, dass sein Wolf sich etwas beruhigte. „Wir haben es gespürt, als sie das Siegel gebrochen hat. In dem Moment, als es zerbrach, hat die Verbindung uns alle drei erreicht.“ Merrick nickte und vollendete den Gedanken. „Die Prophezeiung handelte nie von drei Alphas, die getrennt stehen. Sie handelte von einer Person, die sie miteinander verbindet.“ Merrick trat näher an das Bett. Charises Atmung war langsam und gleichmäßig. Ihr Puls entsprach dem schwachen silbernen Flackern unter ihrer Haut. Er ging neben ihr in die Hocke, legte einen Unterarm auf sein Knie, und seine Stimme wurde auf eine Weise sanft, die nur wenige Menschen jemals zu hören bekamen. „Du bist jetzt in Sicherheit, Silver“, murmelte er. „Wir bringen dich nach Hause.“ Lyons Blick traf zuerst seinen und dann Pagans. Zwischen ihnen ging eine stille Zustimmung hin und her – älter als Blut und stärker als jeder Rang. Elara trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme und beobachtete, wie die drei Männer schweigend einen schützenden Kreis um die bewusstlose Frau bildeten. Die Energie im Raum veränderte sich. Etwas Altes. Etwas Wortloses. Etwas Verbindendes. Elaras Kehle zog sich zusammen. Sie hatte schon genug Wölfe erlebt, die ihre Gefährtinnen beanspruchten, um zu wissen, was das hier bedeutete. Doch das ... Das fühlte sich anders an. Die Luft selbst schien es anzuerkennen. „Es wird ihr gut gehen“, sagte Elara leise. „Versprecht mir nur eines ... Versprecht mir, dass sie mehr sein wird als bloß sicher. Versprecht mir, dass sie frei sein wird.“ Merrick blickte zu ihr auf. Seine Augen lagen im Schatten, aber sie waren fest. „Genau das haben wir vor.“ Die Heilerin schenkte ihnen ein kleines, wehmütiges Lächeln und strich ein letztes Mal mit den Fingern durch Charises dunkles Haar. „Dann geht. Bevor Darius den Mut findet, zurückzukommen.“ Lyon bewegte sich als Erster. Er richtete die Decke um Charise zurecht und hob sie dann vorsichtig in seine Arme. Sie regte sich schwach, erwachte jedoch nicht. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, und nahe ihrer Schläfe klebte noch immer ein kleiner Streifen getrockneten Blutes. Pagan öffnete die Tür. Kalte Luft strömte herein und brachte den Duft von Kiefern und Schnee mit sich – und etwas Saubereres. Etwas Freieres. Merrick blieb einen Herzschlag länger zurück und blickte noch einmal zu Elara. „Danke“, sagte er leise. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Dankt ihr. Sie ist diejenige, die all das verändern wird.“ Merricks Blick wurde weicher. „Das hat sie bereits.“ Dann folgte er seinen Brüdern hinaus in die Nacht. Die Tür schloss sich hinter ihnen. Zurück blieb die leere Klinik, während die Luft noch immer schwach von den Resten von Charises Magie schimmerte. Der Schnee hatte nicht aufgehört zu fallen. Er fiel sanft und unaufhaltsam herab und bedeckte Blut, Asche und die letzten Spuren der Schlacht, während die Tri-Alphas sich darauf vorbereiteten, Wintercrest hinter sich zu lassen. Merrick stand nahe der Reihe schwarzer SUVs, die am Rand der Stadtstraße warteten. Sein Atem wurde in der Kälte zu Nebel. Die Ärmel seines Hemdes waren noch immer hochgekrempelt, und auf einem Unterarm lagen schwache Aschespuren von dem Moment, als er Stunden zuvor einen brennenden Baum gestreift hatte. Um ihn herum wurden die Verwundeten von Wintercrest in die weiteren Transportfahrzeuge gebracht – jene, die den Hinterhalt überlebt hatten. Seine eigenen Männer bewegten sich mit disziplinierter Effizienz, beantworteten seine Befehle mit knappen Nicken und hielten den Blick gesenkt. Die Nachricht, dass Darius den Schutz der drei Rudel verloren hatte, hatte sich in den Reihen wie ein Lauffeuer verbreitet. Niemand wagte, es infrage zu stellen. Niemand wollte es. „Bringt die Letzten hinein“, sagte Merrick knapp. „Wer zu schwach zum Reisen ist, bleibt bis morgen unter Elaras Aufsicht.“ Einer seiner Leutnants – ein älterer Wolf mit Narben namens Garrick – nickte scharf und ging davon. Merrick wandte sich wieder dem führenden SUV zu. Die Rücksitze waren umgeklappt und durch ein weiches Lager aus dicken Decken ersetzt worden. Charise lag dort unter einer weiteren Schicht aus Fellen. Ihre Haut war noch immer blass, ihre dunklen Wimpern zeichneten sich gegen ihre Wangen ab. Jemand hatte ihr die Haare hinters Ohr gestrichen – wahrscheinlich Lyon. Und der schwache silberne Faden ihrer Macht schimmerte unter der Oberfläche wie ein Herzschlag, den er spüren konnte. Merricks Wolf regte sich. Unruhig. Beschützend. Besitzergreifend auf eine Weise, die sich jeder Rangordnung und jeder Vernunft widersetzte. Er öffnete die hintere Tür und duckte sich leicht, als er einstieg. Sofort wurde die Welt leiser. Die Geräusche von Soldaten, Motoren und Befehlen verblassten unter dem sanften Summen der Heizung und ihrem flachen Atem. Für einen langen Moment beobachtete er sie einfach. Die Spannung in seinen Schultern löste sich Stück für Stück. Jetzt wirkte sie unvorstellbar klein – nichts erinnerte mehr an den Sturm, der nur wenige Stunden zuvor ein ganzes Bataillon von Rogues ausgelöscht hatte. Als er mit seinem Daumen über ihren Handrücken strich, war ihre Haut noch immer kühl.
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