Kapitel 44

1527 Words
In dem Moment, als Darius’ Blick auf die Liege fiel – auf die Frau, die in die graue Decke gehüllt war –, geriet seine Fassung ins Wanken. „Was hat das zu bedeuten—“ Pagan bewegte sich. Es gab kein Geräusch außer dem Rauschen der Luft, als der Tri-Alpha in einer verschwommenen Bewegung den Raum durchquerte. Eine Hand krachte gegen Darius’ Brust, die andere schloss sich um seine Kehle und schleuderte ihn so hart gegen die Wand, dass die Regale erzitterten. Glas sprang. Flaschen rollten über die Bretter. Der Aufprall hallte durch die Klinik wie ein Schuss. Darius würgte, während seine Hände nach Pagans Handgelenk griffen. „Alpha Pagan— Ihr vergesst—“ „Ich habe überhaupt nichts vergessen“, knurrte Pagan, seine Augen glühten wie geschmolzenes Gold. „Du hast uns direkt in einen Hinterhalt geschickt.“ „Alpha Darius.“ Tobias trat vor, sein Wolf drängte in die Luft hinaus, doch Lyon war bereits da. Er machte nur einen einzigen Schritt in Tobias’ Weg – ruhig, gesammelt, mit Augen so schwarz wie Obsidian. „Bleib. Zurück.“ Der Befehl in seiner Stimme war leise, traf jedoch wie eine Mauer. Tobias erstarrte. Elara war von der Liege zurückgewichen. Eine Hand lag schützend in der Nähe von Charises Schulter, ansonsten rührte sie sich nicht. Merrick konnte ihre Angst im Raum spüren – nicht vor ihnen, sondern vor dem Gewicht dessen, was gleich geschehen würde. Merrick sagte Pagan nicht, er solle den Alpha von Wintercrest loslassen. Stattdessen trat er vor. Seine Stimme war kontrolliert und ruhig – die Stimme einer Macht, die sich nicht erheben musste, um Gehorsam zu finden. „Warum“, fragte Merrick leise, „hast du uns in einen Hinterhalt geschickt?“ Darius versuchte zu sprechen, doch Pagans Hand lag noch immer um seine Kehle. Merrick hob zwei Finger. „Lass ihn antworten.“ Pagan bewegte sich einen ganzen Herzschlag lang nicht. Dann lockerte er seinen Griff gerade genug, damit Darius keuchend Luft holen konnte. „Hinterhalt? Ich— ich wusste nichts davon— keine Nachricht über Rogues ist eingegangen—“ Lyons tiefe Stimme durchschnitt die Luft. „Er lügt.“ Merrick wusste es bereits. Er konnte es spüren – das leichte Zittern von Darius’ Puls, die subtile Veränderung seines Geruchs. Angst und Täuschung, verborgen unter Arroganz. Merricks Kontrolle riss Faden für Faden. Sein Wolf drängte gegen seine Haut, Fangzähne hinter jedem Wort. „Du hast dein Rudel entehrt. Du hast uns entehrt.“ Sein Ton wurde dunkler, scharf wie Stahl. „Du hast unsere Männer und uns in dein Chaos geschickt – und du hast sie beinahe umgebracht.“ Darius’ Blick huschte zur Liege. „Sie— sie ist nichts weiter als eine hybride Hexe. Ihr wisst nicht, was sie—“ Pagan schleuderte ihn noch härter gegen die Wand. Seine Krallen zeigten sich bereits halb, die Zähne gefletscht. „Wähle deine nächsten Worte sehr sorgfältig.“ Merrick hielt ihn nicht auf. Stattdessen trat er noch näher. Das gleichmäßige Geräusch seiner Stiefel war das Einzige, was man hörte. „Du wusstest es“, sagte Merrick mit ruhiger, tödlicher Stimme. „Du wusstest, was an dieser Grenze auf uns wartete.“ „Das wusste ich nicht.“ Darius’ Stimme brach. „Ich schwöre beim Rat—“ Merricks Geduld war erschöpft. Sein Ton wurde kalt genug, um die Luft gefrieren zu lassen. „Der Rat?“ Er machte einen weiteren Schritt nach vorn, bis sie sich Auge in Auge gegenüberstanden. „Du glaubst, der Rat wird dich jetzt noch verteidigen?“ Die Luft um ihn herum summte vor zurückgehaltener Macht – nicht die rohe Gewalt von Pagans Wut, sondern etwas Schwereres. Älteres. Die Art von Autorität, die keine Krallen braucht, um zu zermalmen. „Du hast jeden Kodex gebrochen“, sagte Merrick. „Du hast drei herrschende Alphas und ihre Streitkräfte gefährdet. Du hast eine versiegelte Hexe als Schutzschild benutzt. Du hast dein Rudel zu einer Belastung für die Territorien gemacht, die unter unserem Schutz stehen.“ Darius spannte den Kiefer an. „Ihr könnt uns diesen Schutz nicht entziehen—“ „Das habe ich bereits.“ Die Worte fielen wie ein Urteil. Pagans Griff blieb unverändert. Darius erstarrte. Verwirrung verwandelte sich langsam in aufsteigende Panik. Merrick sprach weiter, bewusst und unumstößlich: „Eine Nachricht wurde an den Hohen Rat geschickt, noch bevor dein Befehl unseren Außenposten erreicht hatte. Euer Schutz wurde in dem Moment aufgehoben, als euer Betrug bestätigt wurde. Wintercrest steht allein.“ Darius’ Gesicht verlor jede Farbe. „Ihr— ihr habt nicht die Befugnis—“ Merricks Augen blitzten auf. „Ich bin die Befugnis.“ Die Worte hallten nach und sanken wie kaum gebändigter Donner in die Wände. Tobias stieß ein Geräusch aus – halb Knurren, halb Ersticken –, doch Lyons Blick allein brachte ihn zum Schweigen. Merrick erhob seine Stimme nicht. Er musste es nicht. „Du hast das Bündnis verwirkt. Du hast die Unterstützung der drei Rudel verwirkt. Eure Grenzen, eure Verteidigungen, eure Verträge – alles aufgehoben. Du wirst dich vor dem Rat vollständig für deinen Betrug verantworten müssen. Und—“ Er hielt inne. Sein Blick glitt zu Charises regloser Gestalt, eingehüllt in graue Wolle, während unter ihrer Haut noch immer ein schwaches silbernes Schimmern pulsierte. „Und“, sagte Merrick ruhig, aber unerschütterlich, „du wirst dich nicht länger hinter ihr verstecken ... Du wirst sie nicht länger zu deinem eigenen Vorteil benutzen.“ Darius blinzelte. Verwirrung verwandelte sich in Empörung. „Das könnt ihr nicht— sie gehört zu meinem Rudel. Ich habe mich um sie gekümmert. Sie gehört—“ „Sie gehört niemandem!“, fuhr Merrick ihn an. „Nicht dir. Nicht deinem Mal. Nicht deinem verdammten Siegel.“ Pagans Stimme grollte tief. „Sie gehört zu uns.“ Darius erstarrte. Sein Blick sprang zwischen ihnen hin und her. „Vorherbestimmt?“, flüsterte er ungläubig. „Das ist unmöglich. Sie ist eine Hybride. Die Bindung kann nicht—“ „Pass auf deinen Ton auf“, knurrte Pagan. Merrick rührte sich nicht. „Du wirst sie nie wieder berühren“, sagte er gleichmäßig. „Du wirst ihren Namen nicht mehr aussprechen. Du wirst keinen Anspruch mehr auf etwas erheben, das nicht dir gehört.“ Darius’ Schultern sanken herab. Zum ersten Mal brach seine Haltung zusammen – nicht aus Trotz, sondern aus Niederlage. Dann durchschnitt Elaras Stimme die Stille, scharf und voller Verachtung. „Du hast dich nicht um sie gekümmert“, wiederholte sie und starrte Darius an. „Du hast sie missbraucht. Du hast ihre Macht versiegelt. Du hast sie bis zur Erschöpfung arbeiten lassen. Du hast zugelassen, dass dein Beta sie wie einen Hund in einem Lagerraum einsperrt, damit sie die Alphas nicht vor dem Angriff warnen konnte.“ Tobias’ Kopf fuhr zu ihr herum, seine Augen blitzten auf. Und Lyon bewegte sich schneller als jeder Gedanke. Er packte den Beta am Kragen und zerrte ihn mit Gewalt zur Tür. „Das warst du?“ Lyons Stimme sank zu einem gefährlichen Flüstern. „Du hast sie in einen Schrank gesperrt?“ Tobias brachte kaum ein Wort hervor, bevor Lyon ihn durch die Tür der Klinik hinauswarf. Der Aufprall hallte über die Straße. „Genug.“ Merricks Befehl traf wie eine Druckwelle. Pagans Wolf verstummte mitten im Knurren. Darius rang unter Pagans Griff nach Luft. Seine Stimme war heiser. „Ich— ich wusste nichts davon— Tobias hat gehandelt—“ „Lügen“, sagte Merrick schlicht. „Du wusstest es. Es war dir nur egal.“ Er machte einen einzigen Schritt nach vorn. Seine Ruhe kehrte zurück wie eine Klinge, die nach Gebrauch wieder in die Scheide geschoben wird. „Und jetzt hör mir gut zu, Alpha Darius. Von diesem Moment an wird Wintercrest nicht länger unter der Autorität der drei Rudel anerkannt. Du wirst uns nicht mehr rufen. Du wirst uns nicht mehr bedrohen oder befehligen. Du wirst die Konsequenzen deiner Gier tragen.“ Darius sah aus, als wolle er widersprechen. Doch das Gewicht von Merricks Blick brachte ihn zum Schweigen. Merrick nickte Pagan einmal zu. „Lass ihn los.“ Pagans Nüstern bebten. „Er kann froh sein, dass du hier stehst.“ „Lass ihn los.“ Pagans Kiefer spannte sich an, doch er gehorchte. Er ließ Darius fallen. Der Mann sackte auf die Knie, hustete und umklammerte seine Kehle. Merrick ging leicht in die Hocke. Seine Stimme war so leise, dass Darius gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. „Du wirst dich an diese Nacht erinnern, Alpha. Und du wirst dich daran erinnern, dass ich dir die Gnade gewährt habe, diesen Ort lebend zu verlassen.“ Darius sagte nichts. Merrick richtete sich auf, wandte ihm den Rücken zu und ging zur Liege. „Schafft ihn aus meinen Augen.“ Lyon öffnete die Tür. Tobias, draußen noch immer benommen, griff nach Darius’ Arm und führte ihn fort – unter den stillen, brennenden Blicken von drei Alphas, die aufgehört hatten, so zu tun, als würden sie ihn respektieren. Erst als die Tür zufiel, senkten sich Merricks Schultern, und die Spannung wich aus ihm heraus, Atemzug für Atemzug, in stiller Erschöpfung.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD