Kapitel 43

1516 Words
Doch zum ersten Mal erlaubte sich Merrick einen langsamen, bewussten Atemzug und ließ Ehrfurcht, Angst und Stolz miteinander verschmelzen. Sie hatte heute Nacht alles verändert. Und auf diesem stillen, silbern erleuchteten Schlachtfeld verstand er es endlich — sie waren nicht einfach nur ein Rudel. Sie waren miteinander verbunden. Und sie würden sie niemals gehen lassen. Der Schnee fiel weiterhin sanft herab und glitzerte über den eingefrorenen, schweigenden Feinden und den drei Alphas, die Wache hielten, und Merricks Stimme, tief und beinahe nur ein Flüstern im Wind, trug ein Versprechen mit sich: „Sie wird nie wieder allein sein.“ Der Schnee haftete noch immer an ihnen wie Geister des Schlachtfeldes. Der Weg zurück durch die Straßen von Wintercrest verlief schweigend, abgesehen vom Geräusch ihrer nackten Füße auf dem Kopfsteinpflaster, dem leisen Zischen des Windes zwischen den Gebäuden und dem langsamen, unregelmäßigen Rhythmus von Charises Atmung an Lyons Brust. Die drei Alphas boten einen Anblick, der selbst erfahrene Wachen dazu brachte, den Blick zu senken. Pagans Hemd hing offen, seine Brust war mit Schmutz und Blut verschmiert, und die Kälte vermochte nichts gegen die Hitze auszurichten, die noch immer von ihm ausging. Lyons dunkles Hemd war am Ärmel zerrissen, und das schwache Leuchten seines Mondstein-Anhängers pulsierte mit jedem Herzschlag. Merrick ging vor ihnen her, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, den Kiefer angespannt — seine Selbstbeherrschung war das Einzige, was die Luft davon abhielt, erneut vor Energie zu knistern. Geflüster folgte ihnen. Die drei Alphas. Das ist sie — die Hybride. Was ist an der Grenze passiert? Merrick ignorierte sie. Sein Wolf lief unter seiner Haut auf und ab, wütend und rastlos, doch er ließ es sich nicht anmerken. Er konnte nicht — nicht hier, nicht, während die Hälfte der Stadt noch immer unter den Nachwirkungen von Charises Magie zitterte. Lyons Stimme erklang hinter ihm, tief und angespannt. „Sie ist kälter als zuvor.“ Merrick drehte den Kopf gerade weit genug, um sie zu sehen — ihr Gesicht blass gegen die raue Wolle der Decke, während silberne Spuren ihrer Macht noch immer langsam von ihrer Haut verblassten. „Wir sind fast da“, sagte Merrick, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. „Holt die Heilerin. Sofort.“ Ein junger Wachposten schoss bei dem Befehl voraus, sein Geruch schwer von Angst und Dringlichkeit. Pagans Stimme war rau. „Ich werde Darius in Stücke reißen, wenn—“ „Noch nicht.“ Merricks Ton durchschnitt die schneeschwere Luft, ruhig, aber scharf. Sie bogen um die nächste Straßenecke, und der Duft von Kräutern schlug ihnen entgegen — scharfer Kiefernduft, Zeder, getrockneter Wacholder. Die Klinik. Elara stürmte aus der Tür, noch immer in ihren grünen Kitteln, die blonden Locken zurückgebunden. Der Anblick von Charise in Lyons Armen ließ sie abrupt stehen bleiben. „Was zum Teufel—“ Sie beendete den Satz nicht. „Bringt sie rein. Sofort.“ Merrick bedeutete Lyon mit einer Geste, vorzugehen. „Wir müssen sie stabilisieren.“ Elaras Stimme knallte wie eine Peitsche. „Dann hört auf, meinen Eingang zu blockieren, und bewegt euch.“ Ihr Ton — sachlich, bestimmt und befehlend — schnitt durch den Nebel der Schlacht. Es ließ Merricks Schultern ein wenig entspannen. Sie ließ sich von den dreien nicht einschüchtern, und seltsamerweise beruhigte ihn genau das. Drinnen roch die Klinik nach Salz und Lavendel, nach einem Hauch von Desinfektionsmittel und Rauch. Sie deutete auf die nächste Liege und schaffte bereits mit einer Armbewegung Platz. „Legt sie dort hin.“ Lyon zögerte — sein Beschützerinstinkt stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. „Wenn du ihr wehtust—“ „Sie ist meine beste Freundin. Ich bin nicht hier, um ihr wehzutun“, schnappte Elara zurück. Merrick trat zwischen sie. Seine Stimme war leise, aber unumstößlich. „Tu, was sie sagt.“ Lyon begegnete seinem Blick und nickte schließlich, bevor er Charise behutsam auf die Liege legte. Ihr Kopf fiel zur Seite, und ein kleines Geräusch blieb ihr in der Kehle hängen, was Pagans Hände zu Fäusten werden ließ. Elara war bereits in Bewegung — sie überprüfte ihren Puls, strich ihr die Haare aus dem Gesicht und runzelte die Stirn, als sie das Mal bemerkte, das noch schwach an ihrem Handgelenk glühte. „Was habt ihr mit ihr gemacht?“ „Wir haben nicht—“, begann Pagan, doch Merrick unterbrach ihn. Seine Antwort kam ruhig, obwohl die Bilder erneut vor seinem inneren Auge auftauchten — der Schnee, der zu Licht wurde, der Schrei, der die Kiefern erschütterte. „Sie hat uns gerettet.“ Elara blickte scharf auf. „Und sich dabei beinahe selbst ausgebrannt.“ Ihre Worte trafen wie eine Klinge der Wahrheit. Merrick atmete langsam durch die Nase aus, kontrolliert und ruhig, während der Geruch von Blut und Frost schwer in der Luft hing. Pagan tigerte hinter ihnen auf und ab und knurrte leise vor sich hin, tief und gefährlich. Merrick musste nicht hinsehen, um zu wissen, was das bedeutete — sein Wolf war nahe an der Oberfläche und kämpfte gegen den Drang an, alles zu zerstören, das nach Gefahr roch. Elaras Bewegungen waren schnell und sicher. Mit geübter Präzision arbeiteten ihre Hände, während sie etwas von einem nahegelegenen Tisch zusammenmischte. Ihr Ton blieb unverändert. „Falls sie reagiert, haltet sie fest. Das wird wehtun.“ Lyon versteifte sich. „Was ist das?“ „Ein Stabilisator“, antwortete Elara, ohne aufzusehen. „Damit ihr Herz nicht versagt. Hast du eine bessere Idee?“ Pagan trat näher, seine Augen leuchteten golden auf. „Was ist da drin?“ „Ein Derivat von Eisenhut“, sagte sie unverblümt. „Verdünnt. Es verhindert, dass ihre Magie sie auseinanderreißt, und hält sie entspannt genug, damit ihre Magie und ihr Körper mit allem Schritt halten können, was gerade passiert ist.“ Merrick bemerkte die Veränderung sofort — wie sich Pagans Kiefer anspannte und seine Muskeln zusammenzogen. „Du wirst ihr das nicht verabreichen—“ „Pagan.“ Merricks Stimme war tief und befehlend und durchschnitt die Spannung. Sein Wolf drängte mit dem Wort nach vorn, und die Atmosphäre im Raum veränderte sich. „Zurücktreten.“ Pagans Knurren ließ die Wände vibrieren, doch er zwang sich, einen Schritt zurückzugehen. Seine Schultern waren starr, sein Atem rau. Elara zuckte nicht einmal. Sie zog die Schutzkappe von der Spritze und beugte sich über Charise. „Wenn ihr mit eurem Imponiergehabe fertig seid, würde ich jetzt gern ihr Leben retten.“ Merrick nickte kurz. „Mach es.“ Die Nadel glitt hinein. Charise zuckte zusammen, ihr Körper bäumte sich einmal auf, bevor die Spannung aus ihr wich. Ihre Atmung wurde gleichmäßiger. Stille senkte sich über den Raum. Nur das leise Knistern des Feuers in der Ecke durchbrach sie. Merrick blickte auf sie hinab, und seine Kehle war von etwas zugeschnürt, das er nicht ganz benennen konnte. Erleichterung. Angst. Das Gewicht dessen, was sie beinahe verloren hatten. Elara wischte ihre Hände an einem Tuch ab und murmelte etwas vor sich hin. Als sie schließlich wieder aufsah, waren ihre Augen scharf. „Was zum Teufel ist dort draußen passiert?“ Da bemerkte Elara das Silber, das an Charises Handgelenk schimmerte ... an jener Stelle, an der sich noch vor wenigen Stunden das Siegel befunden hatte — jenes Siegel, gegen das sie ihre Freundin hatte kämpfen sehen, als sie sie in dem verschlossenen Schrank gefunden hatte. „Das Siegel ... Es ist verschwunden.“ „Du wusstest davon?“ Lyons Stimme war anklagend und gefährlich nahe an einer Drohung, doch Elara zuckte nicht zurück. Als sie zu den Alphas aufsah, standen Tränen in ihren Augen. Erleichterung. „Ich habe jahrelang versucht, es zu brechen ... seit Darius es dort angebracht hat, als ihre Mutter starb.“ Elaras Stimme war leise. Der Raum versank in Schweigen, während sie die Worte der Heilerin verarbeiteten. Merrick blickte zum Fenster. Draußen berührte das erste schwache Leuchten der Morgendämmerung den Schnee, während die stille Stadt so tat, als wäre nichts geschehen. Ihr Rudel war bereits wach, bewegte sich umher und begann zusammenzupacken. Sein Kiefer spannte sich an. „Wir werden uns um ihn kümmern.“ Die Stille in Elaras Klinik war zerbrechlich — die Art von Stille, die sich nach einem Sturm niederlässt, sich aber niemals sicher anfühlt. Merrick nahm den Geruch zuerst wahr. Scharf. Männlich. Alpha. Langsam hob er den Kopf. Die Luft veränderte sich augenblicklich. Das sanfte Knistern der Laternen schien zu stocken, als die Wölfe im Raum erstarrten. Sogar Elaras Hände hielten über dem kleinen Tisch mit den Tinkturen inne. Pagans Knurren erklang tief. „Er ist hier.“ Merrick musste nicht fragen, wer gemeint war. Das Geräusch näherkommender Stiefel auf Stein machte es deutlich. Darius hatte sich endlich entschieden, ihnen gegenüberzutreten. Die Tür öffnete sich ohne anzuklopfen. Alpha Darius trat ein wie ein Mann, der sich noch immer an eine Autorität klammerte, die er längst nicht mehr besaß — das Kinn erhoben, der Mantel noch vom Weg mit Staub bedeckt, während die silbernen Rangabzeichen an seinem Revers schwach aufblitzten. Hinter ihm blieb Tobias stehen — größer, breiter gebaut, doch von einem Geruch der Unterwürfigkeit umgeben, der nicht zu der Schwere seines Blickes passte.
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