Als das Essen schließlich fertig war, saßen sie gemeinsam unter dem offenen Himmel – die Teller auf den Knien balanciert, ihre Beine berührten sich gelegentlich, während sich Wärme und Vertrautheit wie ein lebendiges Wesen zwischen ihnen niederließen.
Lyon schenkte ihr ungefragt ein Glas Wasser ein.
Merrick korrigierte mitten in der Bewegung Pagans Griff an der Grillzange, was ihm ein tiefes Knurren und ein halbes Lächeln einbrachte.
Charise lehnte sich gegen die Bank zurück, das Sonnenlicht strich über ihre Arme, und ein Frieden, von dem sie nie geglaubt hätte, ihn zu erleben, breitete sich bis tief in ihre Knochen aus.
Sie ließ den Blick über die drei schweifen – Lyons stille Konzentration, Merricks kontrollierte Ruhe, Pagans rastlose Energie – und zum ersten Mal verspürte sie keinen inneren Konflikt darüber, wohin sie gehörte.
Sie waren die Ihren.
Und irgendwie, auf unmögliche Weise, war sie die Ihre.
Später, als die Teller abgeräumt waren und Lyon sie dazu überredete, seinen misslungenen Versuch eines Brotes zu probieren, beugte sich Merrick nah genug zu ihr, um zu murmeln:
„Du wirkst leichter in letzter Zeit.“
Sie erwiderte seinen Blick.
„Das ist … gut, oder?“
„Mehr, als du ahnst“, sagte er.
Und als sie erneut lachte – leise, überrascht –, drehten sich alle drei gleichzeitig zu ihr um, wie Motten zum Licht.
Keiner von ihnen sprach das Wort aus.
Liebe.
Aber sie konnte sie fühlen – unausgesprochen, beständig und wachsend wie Wurzeln unter der Oberfläche von allem.
Sie waren aus dem Speisesaal hinaus ins Freie gewandert, während ihr Lachen ihnen wie Sonnenlicht folgte.
Pagan warf einen Apfelrest nach Merricks Kopf.
Merrick wich aus, ohne hinzusehen, und murmelte etwas über kindisches Verhalten, während Lyons leises Lachen neben ihr vibrierte.
Es fühlte sich leicht an.
Normal.
Charise hatte nicht bemerkt, wie lange es her war, dass sich Lachen so angefühlt hatte – frei, voll und echt.
Ihre Brust schmerzte noch angenehm davon, als sie den Rand der Wiese erreichten. Das hohe Gras strich über ihre Hände, während die Brise das Geräusch davontrug.
Doch dann –
veränderte sich das Summen in ihrem Blut.
Ein Schauer lief über ihre Wirbelsäule.
Zunächst kaum spürbar.
Dann scharf.
Er ließ sie mitten im Schritt erstarren.
Ihr Atem stockte.
Die Welt kippte.
Geräusche wurden hohl und fern.
„Charise?“
Merricks Stimme war die erste, die sie hörte – ruhig, aber von Spannung durchzogen.
Sie antwortete nicht.
Konnte nicht.
Ihre Augen leuchteten silbern auf.
Lyons Aura schoss sofort hervor und griff nach ihrer Magie.
Pagans Knurren zerriss die stille Luft.
Und dann –
verschwand alles.
Sie stand in einem Raum, den sie nicht kannte.
Kalte Steinmauern.
Eiserne Wandhalterungen mit blau brennenden Flammen.
Ein langer Tisch erstreckte sich zwischen mehreren Gestalten – Männer, die sie nicht kannte.
Bis ihr Blick an ihm hängen blieb.
Darius.
Ihr ehemaliger Alpha stand am Kopfende des Tisches. Vor ihm lag eine ausgebreitete Karte, seine Stimme war tief und sicher.
„Wir handeln vor dem nächsten Mondzyklus. Das Mädchen muss zurückgebracht werden – lebend, wenn möglich. Ihre Bindung zu den Lunaris darf sich nicht weiter festigen.“
Charises Magen verkrampfte sich.
Die anderen Männer wechselten unruhige Blicke.
Dann bewegte sich eine weitere Gestalt in der Ecke.
Eine Frau.
Nicht alt.
Aber zeitlos.
Ihre Präsenz ließ die Luft selbst nachgeben.
Sie trug ein Kleid in der Farbe von Mitternachtsglas, ihre Haut war bleich wie Knochen, ihr Haar wirkte wie gesponnenes Silber.
Als sie sprach, war ihre Stimme so sanft, dass selbst das Feuer zu flackern schien.
„Genug“, sagte die Hexe leise.
Darius blinzelte verwirrt.
„Was soll das—“
„Still.“
Ihre Stimme durchschnitt ihn wie eine Klinge.
Dann drehte sie beinahe träge den Kopf –
und blickte direkt Charise an.
Der Raum erstarrte.
Selbst Darius schien mitten im Atemzug eingefroren.
Die Gestalt der Hexe flimmerte und teilte sich.
Ein Teil blieb neben Darius stehen.
Der andere trat vor Charise.
„Nun“, murmelte die Hexe, beinahe belustigt. „Ein cleverer Hybrid. Du hast Wege gefunden, an Orte zu gelangen, an denen du nichts zu suchen hast.“
Charises Puls donnerte.
„Wer bist du?“
Die Hexe lächelte langsam.
Scharf.
„Das ist keine Frage, die du stellen darfst.“
Ihre Finger hoben sich – zart, anmutig – und krümmten sich in derselben beinahe liebevollen Bewegung.
„Du hast genug gesehen.“
Die Ränder des Raumes begannen aufzureißen.
Licht ergoss sich hinein wie zerbrochenes Glas.
„Wir werden uns bald sehen …“, flüsterte sie.
Die Worte sanken wie Haken in Charises Brust.
„Es ist Schicksal.“
Ein blendender Blitz brach hervor –
rot.
weiß.
golden.
Die Welt riss auseinander.
Charises Körper verkrampfte sich, während die Vision in sich zusammenstürzte.
Magie schrie durch ihre Adern.
Und dann fiel sie.
Der Geruch von Erde, Wind und Zedernholz traf ihre Sinne mit voller Wucht – die wirkliche Welt prallte wie ein Schlag gegen ihren Körper.
Ihre Knie gaben nach.
Der Atem wurde ihr aus den Lungen gerissen.
Hände fingen sie auf, bevor sie den Boden berührte.
Pagans Stimme klang fern und panisch.
Merricks ruhige Präsenz wirkte wie ein Anker.
Lyons Energie hüllte die ihre ein, verzweifelt bemüht, ihre Magie zu stabilisieren.
Doch sie hörte sie nicht.
Ihre Augen rollten nach hinten.
Das Leuchten verblasste.
Und Dunkelheit verschlang sie vollständig.
Pagans Arme schlossen sich fest um sie.
Merricks Hand lag bereits an ihrem Puls.
Lyons Magie flackerte schwach, während er versuchte, sie zu stabilisieren.
„Charise.“
Keine Reaktion.
Das silberne Licht verschwand aus ihren Augen, während ihr Kopf gegen Pagans Schulter sank, ihr Atem flach, ihr Körper schlaff.
Und in der nachfolgenden, widerhallenden Stille sprach keiner von ihnen.
Denn sie alle spürten es durch die Bindung –
was auch immer sie berührt hatte, es war noch nicht vorbei.
**
Die Welt schien verstummt zu sein, bis auf den dumpfen Aufprall von Charises Körper, als Pagan sie auffing, bevor sie den Boden berühren konnte.
„Charise—“
Seine Stimme brach bei ihrem Namen, tief und rau, während Panik jede Silbe färbte.
Ihr Kopf hing schlaff an seiner Schulter.
Die Augen geschlossen.
Die Wimpern zitterten leicht.
Doch sie reagierte nicht.
Das schwache silberne Leuchten war vollständig aus ihren Iris verschwunden und ließ ihr Gesicht im schwindenden Nachmittagslicht blass erscheinen.
Merrick ließ sich augenblicklich neben ihnen auf die Knie fallen.
Seine Hand lag an ihrem Hals und suchte ihren Puls.
Die Ruhe des Strategen bekam Risse, während er stärker drückte und suchte.
„Er ist da“, murmelte er unter dem Atem. „Schwach, aber – verdammt – sie atmet.“
Lyon kniete bereits auf ihrer anderen Seite.
Der Geruch von Ozon erfüllte die Luft, als seine Magie aufflammte.
Silberne Lichtfäden strichen über ihre Haut, suchten nach der Ursache des Schadens, nach dem Ursprung dessen, was sie in die Bewusstlosigkeit gezogen hatte.
Sein Gesicht war düster.
Konzentriert.
Aber voller Angst.
„Sie ist ausgelaugt“, murmelte Lyon mit vor unterdrückten Emotionen zitternder Stimme. „Ihre Magie wurde herausgerissen. Als hätte etwas nach ihr gegriffen und ein Stück davon weggerissen.“
Pagans Griff um sie wurde fester.
„Wer zur Hölle hat ihr das angetan?“
Sein Wolf regte sich direkt unter seiner Haut.
Seine Stimme wurde tiefer.
Halb Knurren.
Halb Fauchen.
Die Luft um ihn herum vibrierte vor jener Art von Wut, die nur aus Angst geboren wurde.
„Pagan—“
Merricks Stimme schnitt scharf durch die Spannung, seine Augen schnellten nach oben.
„Verlier nicht die Kontrolle. Du machst es nur schlimmer.“