Kapitel 108

1258 Words
„Sie war im Sterben“, sagte Lyon leise neben ihr. „Die meisten, die während einer Blutfinsternis ein Kind zur Welt bringen, überleben es nicht. Die Magie ist … unbeständig. Sie zerbricht Dinge, die nicht stark genug sind, sie zu tragen.“ Charise beobachtete, wie die junge Mutter den kleinen Lyon in den Armen hielt, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Das Baby weinte nicht; stattdessen schimmerte ein schwaches silbernes Licht unter seiner Haut. „Sie nannte mich Lyon, weil es Licht bedeutet“, fuhr er fort. „Sie sagte … wenn die Magie versucht, mich zu töten, erkennt sie vielleicht sich selbst in mir und verschont mich.“ Charises Kehle wurde eng. Er blickte nach unten, sein Profil ruhig, aber von Erinnerungen überschattet. „Die meisten Wölfe, die während der Finsternis geboren werden, sterben im ersten Lebensjahr. Ich nicht. Aber die Magie hat mich nie verlassen. Sie blieb. Deshalb spüre ich den Ruf des Mondes – deshalb gehört mein Wolf nicht ganz der einen oder der anderen Welt an.“ Die Luft begann erneut zu flimmern, und die Vision begann zu verblassen. Die Ruinen verschwammen, die Stimmen wurden leiser, bis nur noch das Geräusch ihres gemeinsamen Atems übrig blieb. Und dann – waren sie zurück. Ihr Zimmer, ihr Bett, die kühle Nachtluft auf ihrer Haut. Charise blinzelte, ihr Puls raste noch immer. Sie konnte ihre Magie spüren, die gegen seine summte – noch immer miteinander verwoben, noch immer ein Echo dessen, was sie gesehen hatte. Lyons Hand lag noch immer an ihrer Wange. Sein Daumen strich eine Träne fort, von der sie nicht einmal bemerkt hatte, dass sie gefallen war. „Du bist die Einzige, die das jemals gesehen hat“, sagte er leise. „Nicht einmal Merrick und Pagan wissen davon. Sie glauben einfach, dass ich … anders geboren wurde.“ Ihre Lippen öffneten sich, doch keine Worte kamen heraus. Nur das Gewicht dessen, was er ihr gegeben hatte – Vertrauen, Erinnerung, Wahrheit. Lyon lächelte schwach, obwohl seine Augen noch immer ernst waren. „Jetzt weißt du, warum ich mich nie vor deiner Magie gefürchtet habe, Charise.“ Er beugte sich näher, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Sie spricht dieselbe Sprache wie meine.“ Sie atmete aus und erschauerte leicht, als seine Hand in ihren Nacken glitt und ihr Halt gab. Die Bindung zwischen ihnen summte leise und hell – nicht hungrig, nicht besitzergreifend, sondern auf eine Weise intim, die älter wirkte als sie beide. Charise schloss die Augen und ließ ihre Stirn gegen seine sinken. „Danke“, murmelte sie. Er lachte leise, und das warme Geräusch strich über ihre Haut. „Wofür?“ „Dafür, dass du mir vertraut hast“, sagte sie. „Dafür, dass du mich dich sehen lassen hast.“ Lyon antwortete nicht. Stattdessen berührte er mit den Lippen einmal ihre Schläfe – ein sanfter, nachklingender Kuss –, bevor er sie behutsam an seine Brust zog. So blieben sie schweigend sitzen, gebadet in silbernem Licht, während der Mond Zeuge von etwas Heiligem wurde – zwei Seelen, verbunden durch Magie, Erinnerung und stilles Verständnis. ** Die Welt schien nach jener Nacht mit Lyon weicher geworden zu sein. Die folgenden Tage entfalteten sich wie das langsame Ausatmen nach einem Sturm. Das Training füllte noch immer ihre Vormittage, Besprechungen und Strategiediskussionen ihre Nachmittage, doch die Kanten von allem hatten sich verändert – wärmer, vertrauter. Die Luft um das Anwesen summte weniger nach Spannung als nach einem Herzschlag. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte Charise sich, als gehöre sie wirklich dazu. Sie stand barfuß im Innenhof, Sonnenlicht fiel durch die Bäume und zeichnete Muster auf den Boden. Ihr Haar war noch feucht von einer späten Morgendusche. Lyon saß an dem Tisch nahe dem Brunnen, die Ärmel hochgekrempelt, und schnitt mit unnötiger Präzision Obst. Merrick lehnte an einer nahegelegenen Säule, seine Haltung entspannt, seine Augen jedoch wie immer aufmerksam, während er etwas auf seinem Datenpad las. Und Pagan – Pagan versuchte erfolglos, den Außengrill mit Magie anzuzünden. „Benutz einfach das Feuerzeug“, sagte Charise und beobachtete ihn von den Stufen aus. Pagan grunzte, den Kiefer angespannt. „Ich hab’s gleich.“ „Du hast es seit fünfzehn Minuten gleich“, neckte sie ihn und stemmte die Hände in die Hüften. „An diesem Punkt schikanierst du nur noch das Anzündholz.“ Lyon blickte auf, und Belustigung blitzte in seinen Augen auf. „Sie hat nicht Unrecht.“ Merrick sah nicht einmal von seinem Datenpad auf. „Das wird er niemals zugeben.“ Pagan warf ihnen allen einen Blick zu, der schwächere Wölfe wahrscheinlich eingeschüchtert hätte. Charise grinste nur noch breiter. Ein schwacher Funke Magie flackerte in seiner Hand auf, und schließlich – endlich – fing die Flamme Feuer und loderte auf. Er atmete aus, halb Triumph, halb Knurren. „Na also?“ „Hm.“ Charise verschränkte die Arme. „Fünfzehn Minuten für ein Feuer. Ich gebe dir zwanzig, bevor du irgendetwas niederbrennst.“ Pagans Antwort war ein Grinsen voller Zähne. „Vorsicht, kleiner Sturm. Das klang wie eine Herausforderung.“ Ihr Herz schlug einmal fest – nicht aus Angst, sondern wegen des vertrauten Kribbelns, wenn seine Aufmerksamkeit sich vollständig auf sie richtete. „Du interpretierst da zu viel hinein“, sagte sie mit einem leichten Schulterzucken. „Das tue ich immer“, murmelte er. Lyon schnaubte leise. „Ihr zwei könnt später flirten, wenn das Essen nicht mehr Gefahr läuft, zu Holzkohle zu werden.“ Merrick blickte endlich auf, sein Ausdruck irgendwo zwischen Geduld und Resignation. „Das setzt voraus, dass überhaupt noch Essen übrig ist, wenn sie damit fertig sind, sich gegenseitig anzustacheln.“ Charise drehte sich mit gespielter Empörung zu ihm um. „Ach, und jetzt bin ich also das Problem?“ Er hob eine Augenbraue. „Du bist immer das Problem.“ Ihr Mund fiel in gespielter Entrüstung auf, und Pagan bellte ein Lachen. Lyon lächelte nur und schüttelte den Kopf, während er nach einer weiteren Schüssel griff. Das Geplänkel bewegte sich um sie herum wie eine Strömung – neckend, vertraut, lebendig. Sie bemerkte ihr eigenes Lachen erst, als es ihr entwich. Hell. Ungezwungen. Ein Klang, den sie seit Jahren nicht mehr von sich gegeben hatte. Es überraschte sie fast genauso sehr wie die anderen. Alle drei Alphas erstarrten. Merricks Datenpad senkte sich um einige Zentimeter. Lyons Messer blieb mitten in der Bewegung stehen. Pagans Grinsen wurde weicher und verwandelte sich in etwas, das verdächtig nach Ehrfurcht aussah. „Was?“, fragte Charise und lächelte trotz sich selbst weiter. Lyons Augen wurden wärmer, seine Stimme sanfter. „Nichts. Es ist nur … wir haben das noch nie gehört.“ Sie blinzelte verwirrt. „Was gehört?“ „Dein Lachen“, sagte Merrick leise. Pagan trat näher, während die Schatten des Innenhofs über sein Gesicht glitten. „Es ist ein schöner Klang“, murmelte er. „Mach das noch mal.“ Charise verdrehte die Augen, doch ihre Wangen wurden rot. „Man kann niemandem einfach befehlen zu lachen, Pagan.“ Er zuckte mit den Schultern. „Doch, kann man. Hat bei Lyon einmal funktioniert.“ Lyon blickte nicht auf. „Das war ein Bellen, kein Lachen.“ Merrick grinste und legte sein Datenpad beiseite. „Und jetzt bereue ich jede einzelne Entscheidung, die mich hierhergebracht hat.“ Das Lachen, das darauf folgte, war leicht und echt – ein gemeinsamer Klang, der durch die Luft rollte und sich in ihrer Brust festsetzte wie Licht. Es fühlte sich verdient an. Nicht erzwungen. Nicht höflich. Sondern echt.
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