Kapitel 111

1149 Words
Lyon schluckte schwer. „Dann werden wir hier sein, wenn sie gewinnt.“ Merrick nickte einmal. „Immer.“ Und durch die offenen Balkontüren strich der Nachtwind herein – der Duft von Kiefern, Erde und Sturm legte sich wie ein Schwur um sie. Pagan blieb dicht bei ihr, kniete an ihrer Seite, seine Hand ließ die ihre niemals los. Jedes Zucken, jeder flache Atemzug, den sie machte, setzte seine Nerven in Brand. Sein Wolf kreiste rastlos, drängte gegen seine Kontrolle an. Er wollte brüllen. Er wollte alles zerreißen, was sie berührt hatte. Doch Merricks Hand auf seiner Schulter hielt ihn gerade noch fest verankert. Merrick saß steif auf der Bettkante. Seine blassgrauen Augen wanderten über ihr Gesicht, als könnte er sie aus den Tiefen ihrer Bewusstlosigkeit zurücklesen. Jede Linie. Jeder Schatten von Anspannung. Jedes Flattern ihrer Wimpern unter der Haut. Alles waren Signale, die er besessen studierte. Sein Kiefer war vor Zurückhaltung angespannt. Tief in ihm knurrte sein Wolf leise, frustriert und wütend über das, was es gewagt hatte, sie zu erreichen, bevor sie es konnten. Lyon lehnte sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes leicht vor. Seine Hände schwebten in der Luft, als könnte die schwache Wärme ihrer Aura mit der richtigen Berührung wieder zum Leben erwachen. Seine Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Und zum ersten Mal seit Stunden erlaubte er sich, die Angst zuzugeben, die er empfand. Nicht um sich selbst. Nicht um die Kontrolle. Sondern um sie. Er konnte die Bindung noch spüren, die weiterhin schwach pulsierte. Doch sie war gedämpft. Ihre Magie, die normalerweise lebendig um ihn herum schimmerte, wirkte matt und zerbrechlich. „Sie ist zu stark, als dass sie daran zugrunde gehen würde“, murmelte Lyon mehr zu dem Raum über ihr als zu den anderen. „Sie wird zurückkommen.“ Merricks Hand presste sich so fest auf sein Knie, dass sich eine Falte in den Stoff seiner Hose grub. „Das tut sie immer“, sagte er mit ruhiger, aber spröder Stimme. „Aber wir dürfen nicht unterschätzen, was das war. Wer auch immer – oder was auch immer – diese Hexe ist, sie ist gefährlich. Berechnend.“ Pagans Kiefer zuckte. Er verstärkte seinen Griff um Charises Hand, seine Finger strichen über den feinen Knochen ihres Handgelenks. „Es ist mir egal, wie gefährlich sie ist. Charise wird sich ihr nicht allein stellen.“ Lyons Augen wurden trotz der Anspannung weicher. Ein kurzer Funken Wärme huschte über seine Züge. „Und auch nicht ohne uns“, fügte er leise hinzu. Die Bindung summte schwach zustimmend, zog sich durch den Raum und verband sie alle in stiller Wachsamkeit. Die Nachtluft bewegte sich sanft durch die offene Balkontür und trug den fernen Duft von Regen und Kiefern mit sich. Der Wind strich flüsternd gegen die Vorhänge. Weich. Zerbrechlich. Und doch wirkte er beinahe trotzig gegen die Dunkelheit, die an den Rändern des Zimmers lauerte. Sie blieben so sitzen, was sich wie Stunden anfühlte. Vier Herzen, miteinander verbunden. Jeder Muskel. Jeder Nerv. Alles lebendig vor der gemeinsamen Anspannung des Wartens. Pagans Kiefer blieb angespannt, doch er weigerte sich, ihre Seite zu verlassen. Merricks Blick löste sich nicht von ihrem Gesicht. Berechnend. Immer berechnend. Lyon hielt das kaum wahrnehmbare Summen seiner Magie im Raum aufrecht. Beständig. Beschützend. Ein sanfter Puls gegen die Stille. Jedes kleine Zucken von Charises Fingern. Jeder leise, flache Atemzug. Ließ sie alle gleichzeitig zusammenzucken. Jeder von ihnen wusste, dass sie jeden Augenblick erwachen konnte. Der Raum schien gemeinsam mit ihr den Atem anzuhalten und sie wie ein schützender Kokon zu umhüllen. Und für einen Moment gab es nichts außer dem stillen Sturm ihrer gemeinsamen Sorge. Der Bindung, die schwach unter ihrer Haut summte. Dem Versprechen, dass sie sie nie wieder fallen lassen würden – egal, was es kosten mochte. Der Raum war still. Fast bedrückend still. Die Bindung vibrierte schwach in jedem von ihnen. Pagans Finger schlossen sich ein wenig fester um ihre Hand, als hätte er die geringste Veränderung gespürt, noch bevor sie geschah. Merricks Augen verließen ihr Gesicht nicht. Er registrierte das leichte Heben ihrer Brust. Den flachen Luftzug durch ihre Nase. Lyon verharrte über ihr. Seine Hände schwebten knapp über ihrer Haut. Er versuchte, ihr Wärme und Energie zu schenken, ohne sie zu berühren. Ein leichtes Zittern durchlief ihre Finger. So klein, dass man es für eine Bewegung der Bettdecke hätte halten können. Doch jede Schwingung der Bindung um sie herum veränderte sich. Alarmiert. Resonierend. Summend. Pagans Wolf knurrte tief. Seine Sinne schrien ihm zu, dass sie nahe war. Ganz nahe. Nur noch nicht vollständig zurückgekehrt. „Sie bewegt sich“, flüsterte Lyon. Seine Stimme war kaum hörbar. Ehrfürchtig. Merricks blassgraue Augen verengten sich. „Langsam …“, sagte er mit knapper Stimme, die vor Spannung vibrierte. Ein leiser Atemzug. Fast ein Seufzer. Entwich Charise. Ihre Lippen öffneten sich leicht. Ein kaum wahrnehmbarer Atemstoß. Und plötzlich hämmerten ihre Herzen. Ihre Hand zuckte erneut. Pagans Handfläche presste sich instinktiv gegen ihre. Erdend. Festhaltend. Verbindend. Die Bindung pulsierte nun etwas stärker. Eine zarte, zitternde Schwingung, die sich durch jeden Alpha zog. Lyon stieß leise die Luft aus. Erleichterung, die er kaum zurückhalten konnte. Merricks Kiefer spannte sich an. Nach außen hin blieb er gefasst. Doch in ihm tobte bereits ein Sturm. Er kalkulierte sorgfältig, wann und wie sie zu ihnen zurückkehren würde. Ihre Wimpern flatterten. Strichen über ihre Wangen. Doch ihre Augen blieben geschlossen. Ein leises Stöhnen glitt über ihre Lippen. Unsicher. Schwach. Ihr Körper bewegte sich leicht unter den Decken. Pagans Finger schlossen sich erneut fester um ihre Hand. Er gab ihr Halt. „Du bist hier“, murmelte er leise. Seine Stimme war zugleich Befehl und Zärtlichkeit. „Wir sind direkt hier.“ Wieder eine sanfte Bewegung. Ihre Finger krümmten sich leicht um seine. Ihre Lippen öffneten sich erneut, als würde sie die Luft kosten. Und das schwache Summen ihrer Magie regte sich. Es strich an den Rändern der Bindung entlang. Lyon senkte seine Hände ein wenig. Er umschloss die Wärme, die von ihrer Haut ausging. Ließ sie ihn spüren. Ließ sie sie alle spüren. Merricks Augen wurden einen Hauch weicher, als er nach ihrer Schulter griff und sie leicht berührte. Gerade genug, damit sie seine Anwesenheit wahrnehmen konnte. Die Bindung flammte etwas heller auf. Sie pulsierte durch den Raum wie ein Herzschlag. Synchronisierte sich mit ihrem. Nun bewegte sich ihr Körper bewusster. Sie drehte sich leicht zu Pagan. Neigte den Kopf, als würde sie prüfen. Erkennen. Sich an ihrer Gegenwart verankern. Und dann öffneten sich ihre Augen. Graugrün. Zuerst fanden sie die ihren. Sie blinzelte langsam. Erkenntnis dämmerte in ihrem Blick, während die Bindung vollständig pulsierte. Sanft. Aber beharrlich. Ein zitternder Atem entwich ihr. Ihre Glieder waren noch schwer. Ihr Herz hämmerte. Und mit ihr atmete auch der Raum aus. Jede Spannung in den Alphas löste sich ein wenig auf, als dieser zerbrechliche, hart errungene Moment der Rückkehr endlich Wirklichkeit wurde.
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