Kapitel 106

1184 Words
Merricks Mundwinkel zuckte. „Ein gefährliches.“ Bevor sie kontern konnte, trat eine weitere Präsenz hinter ihm ein – Lyon, wie immer leise. Sein Haar war noch feucht von einer Dusche, die Locken klebten an seinen Schläfen. Er brachte die Wärme des Feuers mit sich, etwas Sanftes und Beständiges, das den Raum wie ein Herzschlag erfüllte. „Ihr zwei solltet euch nach dem Training ausruhen“, sagte er gelassen und stellte ein kleines Glas Honig auf die Arbeitsfläche. „Nicht für das ganze Haus kochen.“ „Ich habe Hunger“, sagte Charise und zog das Brot wieder zu sich. „Und du tauchst immer auf, wenn Essen im Spiel ist.“ Lyon lächelte schwach und nahm ihr das Messer mit einer Sanftheit aus der Hand, die sie immer wieder überraschte. „Lass mich.“ Sie ließ ihn gewähren. Beobachtete, wie seine großen Hände mit überraschender Feinfühligkeit arbeiteten, den Laib in gleichmäßige Scheiben schnitten, Öl und Kräuter darauf verteilten und ihn anschließend in den Ofen schoben. Merrick hatte sich inzwischen bereits ein Glas Rotwein eingeschenkt und lehnte an der Arbeitsfläche, während er die beiden mit seiner kontrollierten Ruhe beobachtete – halb Beobachtung, halb Belustigung. Eine Weile sprach niemand. Die einzigen Geräusche waren das leise Knistern des Feuers, das tiefe Summen des Ofens und das schwache Klirren von Lyons Ring gegen den Griff des Messers. Dann brach Merrick das Schweigen. „Pagan kam zurück, als hätte er gegen einen Sturm gekämpft und verloren.“ Charise blickte nicht von der Schüssel auf, die sie gerade umrührte. „Definiere verloren.“ Merricks Grinsen vertiefte sich. „Er wollte nichts dazu sagen. Das bedeutet, dass er definitiv verloren hat.“ Lyon blickte neugierig zwischen ihnen hin und her. „Ihr habt trainiert?“ „So ähnlich.“ Merrick gab ein leises Brummen von sich. „Eher hat er sie durch die halben südlichen Wälder gejagt.“ Charise warf ihm einen Blick zu. „Du hast zugesehen?“ „Ich habe es gehört“, korrigierte Merrick. „Der ganze Wald hat es gehört.“ Lyons Lachen – leise und tief – durchbrach die Stille, bevor sie widersprechen konnte. Es war die Art von Klang, die ihre Schultern entspannte, ohne dass sie es bemerkte. „Das tut ihm gut“, sagte er schließlich. „Er ist weniger unerträglich, wenn du ihn auspowerst.“ „Freut mich, behilflich sein zu können“, sagte sie trocken, obwohl das leichte Lächeln an ihren Lippen sie verriet. Als das Brot fertig war, zog Lyon das Blech heraus und streifte ihre Finger, als er ihr ein Stück reichte. Warm, knusprig, mit Honig beträufelt. Erst beim ersten Bissen wurde ihr bewusst, wie hungrig sie war – die Süße, das Salz und die Wärme erdeten sie mehr, als sie erwartet hatte. Merrick schenkte ihr ungefragt ein Glas Wein ein und reichte es ihr. „Für die Verletzungen, die du morgen definitiv haben wirst.“ Sie nahm das Glas entgegen, ihre Finger berührten sich kurz. „Du gehst davon aus, dass ich Pagan das nächste Mal gewinnen lasse.“ Merricks Augen blitzten über dem Rand seines Glases. „Das hast du bereits. Nur nicht auf die Weise, die du denkst.“ Die Bemerkung traf sie härter, als sie erwartet hatte – zu scharfsinnig, zu wissend. Doch bevor sie antworten konnte, legte Lyon eine Hand leicht auf ihren unteren Rücken. Eine einfache Berührung. Beständig. Still beschützend. „Iss“, sagte er leise. „Reden können wir später.“ Sie nickte und ließ den Moment auf sich wirken – die Wärme, die Sicherheit, das schwache Summen der Bindung in der Luft, die sie alle miteinander verband. Es war kein Frieden, nicht wirklich. Aber es kam ihm nahe genug. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte es sich wie etwas an, dem sie vertrauen konnte. Die Nacht legte sich sanft über das Lunaris-Anwesen, die Luft kühl und schwer vom Duft der Kiefern. Die drei blieben noch in der Küche, bis die Kerzen heruntergebrannt waren – Gespräche gingen allmählich in den einfachen Rhythmus eines gemeinsamen Schweigens über. Merrick entschuldigte sich schließlich als Erster. Mit einem Glas in der Hand murmelte er etwas über Strategienotizen und darüber, nachsehen zu müssen, ob Pagan den Trainingsring nicht schon wieder zerstört hatte. Nach seinem Weggang blieben nur das ferne Echo seiner Schritte und die Wärme des Kamins zurück. Lyon blieb. Er füllte den Raum nicht mit Worten. Das tat er nie. Stattdessen säuberte er die Arbeitsflächen, füllte den Wasserkessel nach und stand neben ihr, während sie die letzten Brotstücke in ein Tuch wickelte. Ihre Ellbogen streiften sich ein-, zweimal – kleine, erdende Berührungen, die mehr sagten als jedes Gespräch. Als sie schließlich aufsah, ruhte sein Blick bereits auf ihr. Nicht prüfend. Nicht suchend. Einfach nur sehend. „Du hast ihn heute gefordert“, sagte er leise. Sie nickte. „Er brauchte das.“ Lyons Mund verzog sich zum Hauch eines Lächelns. „Du auch.“ Charise stieß ein leises Lachen durch die Nase aus und stellte die Schüssel beiseite. „Vielleicht.“ Zwischen ihnen zischte leise der Wasserkessel. Er schenkte zwei Tassen Tee ein, schob ihr eine zu und lehnte sich neben ihr gegen die Arbeitsfläche, seine Schulter als beständiges Gewicht in ihrer Nähe. Das Schweigen, das folgte, war nicht unangenehm – es war erfüllt. Die Art von Schweigen, die von unausgesprochenem Verständnis summte, vom Nachklang gemeinsamer Erschöpfung und von etwas Wärmerem, das sich darunter hindurchzog. Als sie sich schließlich von der Arbeitsfläche abstieß, war das Haus still geworden. Die Flure lagen im Halbdunkel und wurden nur vom schwachen Flackern der Wandlampen erhellt. „Gute Nacht, Lyon“, murmelte sie. Er neigte den Kopf. „Ruh dich aus, Charise.“ Etwas an der Art, wie er ihren Namen aussprach – tief, sanft, beschützend – begleitete sie die Treppe hinauf. ** Die Nacht war still geworden, jene Art von Stille, die nach langer Hitze und Donner kam. Der Mond stand hoch am Himmel, voll und unnatürlich hell, und ergoss silbernes Licht über den Balkon. Charise lehnte sich nach vorne über das Geländer, die Ellbogen abgestützt, den Blick zum Mond erhoben. Ihre Magie summte unter ihrer Haut – nicht laut, nicht wild – sondern als ein leises Pochen der Wahrnehmung. Die Anziehungskraft des Mondes war vertraut, beruhigend. Sie floss durch ihre Adern wie ein Puls, der nicht ganz ihr eigener war, und stimmte ihren Atem auf den Rhythmus der Welt draußen ab. Hinter ihr bewegten sich die Vorhänge, ein sanftes Flüstern von Luft. Sie drehte sich nicht um. Sie musste es nicht. Lyons Präsenz war unverwechselbar – leise wie ein Atemzug, weich wie Rauch, unmöglich zu verwechseln. Einen Moment lang sagte er nichts. Sie spürte, wie er nahe der Schwelle innehielt, als würde er abwägen, ob er sprechen oder sie der Nacht überlassen sollte. Dann erklang das Geräusch seiner Schritte auf dem Steinboden – unaufgeregt, sicher. Er trat hinter sie. Seine Wärme streifte ihren Rücken, noch bevor seine Hände sich leicht auf ihre Arme legten. Seine Berührung war weder besitzergreifend noch beanspruchend. Sie war erdend. Als wüsste er genau, wie er sie berühren musste, ohne die Stille zu zerstören.
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