Kapitel 85

1154 Words
Tal der Ruinen — Früher Morgen Die Dämmerung kam langsam und golden, das Licht streckte sich in dünnen Bändern über das Tal und fing sich an den Kanten der Ruinen. Die Luft roch schwach nach Asche und feuchtem Gras. Irgendwo jenseits des Grats rief ein Habicht, scharf und kurz — ein Laut, der die Stille durchschnitt wie eine Erinnerung daran, dass die Welt außerhalb dessen, was hier geschehen war, noch existierte. Charise regte sich. Ihre Wange drückte gegen etwas Festes und Warmes — das stetige Heben und Senken von Pagans Brust. Sein Arm lag über ihrer Taille, beschützend selbst im Schlaf. Sie blinzelte langsam, die Überreste des silbernen Lichts flackerten noch am Rand ihres Bewusstseins. Lyon bemerkte als Erster, dass sie aufwachte. Er saß in der Nähe, die Beine gekreuzt, die Augen halb geöffnet in dieser sanften, wachsamen Art, die ihm eigen war. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte er schwach, stilles Verständnis in seinem Ausdruck. „Guten Morgen, lumière“, murmelte er. Charise atmete aus, halb Seufzer, halb Unglaube. „Es war nicht nur ein Traum, oder?“ Lyons Lächeln vertiefte sich, obwohl seine Augen weicher wurden. „Nein. Das ist es nie, wenn es aus dem Band kommt.“ Merrick stand ein paar Meter entfernt, mit dem Rücken zu ihnen, und blickte zum Horizont. Er hatte noch kein Wort gesagt, doch seine Schultern waren entspannt — entspannter, als sie es seit Tagen gewesen waren. Der schwache goldene Schimmer unter seinem Schlüsselbein fing das Morgenlicht ein. Pagan bewegte sich unter ihr, blinzelte wach. Seine Stimme kam tief und rau, noch halb im Nebel des Schlafs. „Du bist warm.“ „Du bist schwer“, murmelte sie zurück, rückte aber nicht von ihm weg. Er grinste in ihr Haar, ein seltenes, flüchtiges Ding. „Gern geschehen.“ Lyons leises Lachen durchbrach die Anspannung. Sogar Merricks Mundwinkel zuckten, kaum merklich. Die Leichtigkeit zwischen ihnen fühlte sich jetzt … anders an. Weicher. Die scharfen Kanten waren abgeschliffen, der Raum zwischen ihnen durchzogen von etwas Ungesagtem — etwas Lebendigem. Charise setzte sich langsam auf und strich sich die Haare zurück. Ihre Finger hielten inne, als sie den schwachen Schimmer an ihrem Handgelenk bemerkte — einen dünnen Bogen aus silbernem Licht, geformt wie die Sichel eines Halbmonds. Er pulsierte einmal, als Reaktion auf ihre Berührung. Ihr stockte der Atem. „Es hat mich gezeichnet.“ Lyons Blick folgte ihrem. Er hob sein eigenes Handgelenk — dasselbe Mal leuchtete dort, schwach, aber unverkennbar. „Bei uns allen.“ Pagan drehte sein Handgelenk, um es zu sehen, und sogar Merrick wandte sich endlich um, das Mal sichtbar an seinem eigenen Handgelenk, wo das Licht einst am hellsten geflackert hatte. „Traumfeuer-Band“, sagte Merrick leise, die Worte trugen eine seltsame Schwere. „Es ist älter als die Rudelmagie. Ich habe nur in den Archiven davon gelesen.“ Charises Brauen zogen sich zusammen. „Du meinst … wir sind verbunden … ohne eine Paarungszeremonie, wie funktioniert das überhaupt?“ Pagans Hand strich über ihre — nicht besitzergreifend, sondern ruhig. „Wir waren bereits verbunden, Charise. Das hier hat es nur … real gemacht.“ Ihr Herzschlag setzte aus. „Real“, wiederholte sie leise. „Als hätte ich eine Wahl gehabt.“ Merrick begegnete ihrem Blick, fest. „Die hattest du. Das Band bildet sich nicht ohne Einwilligung — nicht einmal in Träumen.“ Das traf sie tief. Sie schaute wieder auf ihr Handgelenk, der schwache silberne Schimmer verblasste zur Farbe ihrer Haut. Ein ruhiger Puls antwortete auf ihre Gedanken — keine Worte, keine Befehle, nur Emotion. Wärme. Vertrauen. Wir sind hier. Zum ersten Mal schob sie es nicht weg. Pagan stand auf, streckte sich, warf einen letzten Blick auf die Ruinen, bevor er sie wieder ansah. „Wir sollten zurückfahren, bevor die anderen eine Suchmannschaft losschicken. Du hast Mareck schon genug zum Sorgenmachen gegeben.“ Lyon lachte leise. „Er läuft wahrscheinlich Löcher in den Boden.“ „Gut“, murmelte Pagan. „Die kann er selbst reparieren.“ Merrick schüttelte den Kopf, obwohl ein seltenes Lächeln an seinem Mund zog. „Ihr zwei seid unmöglich.“ Charise stemmte sich hoch und strich Gras von ihrer Jeans. „Ihr liebt es“, sagte sie leise, halb neckend. Merricks Augen huschten zu ihr und wurden dann weich. „Vielleicht tun wir das.“ Sie gingen zurück zu den SUVs, während die Sonne höher stieg und der Morgenwind durch das Tal fegte. Keiner von ihnen sprach viel. Doch als sie sich den Fahrzeugen näherten, wurde Merrick langsamer und ließ die anderen vorgehen. „Charise“, sagte er leise. Sie hielt inne und drehte sich zu ihm um. Er musterte sie einen langen Moment — nicht wie ein Alpha, der eine Untergebene prüft, sondern wie ein Mann, der etwas sah, das er nicht erwartet hatte. „Was auch immer letzte Nacht war … es war keine Verpflichtung. Du hast uns nichts geschuldet.“ „Ich weiß.“ Ihre Stimme klang fester, als sie erwartet hatte. „Ich glaube, genau deshalb … fühlt es sich anders an.“ Merricks Ausdruck wurde weicher, und er nickte kurz, bevor er den anderen folgte. Während sie zurück zum Anwesen fuhren, saß Charise wieder auf dem Rücksitz — diesmal zwischen Pagan und Lyon. Die Stadt tauchte durch die Windschutzscheibe auf, goldenes Licht ergoss sich über die Dächer, das Summen des Lebens kehrte zurück. Ihr Blick senkte sich erneut auf ihr Handgelenk. Das Mal schimmerte schwach, als hätte der Mond selbst seine Signatur auf ihrer Haut hinterlassen. Pagans Hand fand ihre, sein Daumen strich über das Mal. Lyon drehte sich leicht, sein Blick traf ihren. Und im Spiegel huschten Merricks Augen für einen Herzschlag zu ihren. Drei Fäden. Ein Zentrum. --- Die Rückfahrt war ruhiger, als er erwartet hatte. Das Summen des Motors erfüllte den SUV, stetig, ein tiefer Klang, der jemanden dazu verleiten konnte, das Gewicht zu vergessen, das auf der anderen Seite der Stille wartete. Merrick saß auf dem Fahrersitz, eine Hand am Lenkrad, die andere locker gegen seinen Oberschenkel gedrückt — er versuchte, den subtilen, anhaltenden Puls unter der Haut zu ignorieren, wo nun das Bandmal lebte. Es brannte im Rhythmus seines Herzschlags, ein langsames, resonantes Dröhnen, das ihn selbst ohne hinzusehen an sie band. Aber er schaute hin. Oft. Im Rückspiegel lehnte Charise sich gegen den Sitz zwischen Lyon und Pagan zurück, die Augen halb geschlossen, das Gesicht zum Fenster gewandt. Sonnenlicht fiel entlang ihrer Kinnlinie und machte ihren Ausdruck weich, sodass er fast … friedlich wirkte. Merrick konnte sich nicht erinnern, wann er sie zuletzt so gesehen hatte. Lyons Hand strich leicht über ihre, wo sie zwischen ihnen ruhten, eine kleine, beruhigende Berührung, die sie trotz der Bewegungen des Autos geerdet hielt. Pagans Arm lag lässig entlang der Rücklehne des Sitzes, nah, aber nicht besitzergreifend, sein Blick huschte gelegentlich zu ihr, bevor er zum Fenster zurückkehrte und den Horizont aus Gewohnheit mehr als aus Sorge scannte.
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