Kapitel 86

1238 Words
Merricks Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie zusammen. Das Band hatte sie alle verändert. Er konnte spüren, wie es in der Luft summte — subtil, aber lebendig, ein ständiger Strom, der sich durch die vier von ihnen zog, als wäre der Raum zwischen den Herzschlägen zu klein für Trennung geworden. Es war noch nicht überwältigend, aber es war da, unbestreitbar. Die Lichter der Stadt wurden spärlicher, während sie die lange Straße hinauffuhren, die zum Lunaris-Anwesen führte. Die Mauern ragten vor ihnen auf, hoch und sauber vor der Dunkelheit. Es hätte sich wie Heimkommen anfühlen sollen, doch Merrick spürte bereits die Anspannung, die jenseits der Tore wartete. Der Geruch davon — die scharfe Kante der Unruhe — traf ihn, noch bevor er die Gestalt sah, die nahe dem Haupttorbogen stand. Mareck. Die Haltung des Mannes war angespannt, die Schultern gestrafft, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Kurz flackerte Erleichterung über sein Gesicht, als die Scheinwerfer über ihn strichen, doch sie verschwand, sobald Merrick den Motor abstellte. „Schön, euch lebendig zu sehen“, sagte Mareck, als sie ausstiegen, sein Ton balancierte auf der scharfen Kante zwischen echt und vorwurfsvoll. „Es wäre besser gewesen, wenn einer von euch erwähnt hätte, dass ihr fast einen ganzen Tag vom Netz verschwunden seid.“ Pagan trat als Erster vor, seine Stimme tief, aber reuelos. „Du machst dir zu viele Sorgen, alter Mann.“ Marecks Brauen schossen hoch. „Ihr verschwindet ohne Kommunikation, nehmt die Luna mit und ich soll mir keine Sorgen machen? Verzeih mir, wenn ich dein Level an Chill nicht habe, Alpha.“ Lyon lächelte schwach, doch Merrick spürte die Zurückhaltung dahinter. Er trat vor und umfasste Marecks Schulter. „Wir sind nicht weit weg gewesen. Die Schutzzauber des Rates hätten uns sowieso nicht erreicht. Es war … notwendig.“ Mareck musterte ihn, dann atmete er durch die Nase aus. „Notwendig“, wiederholte er. „Nennen wir es jetzt so?“ Sein Blick huschte kurz zu Charise, als sie aus dem SUV stieg, das Mondlicht strich wie ein stiller Segen über sie. Etwas war anders an der Art, wie sie stand — verwurzelt, furchtlos, ihre Augen begegneten Marecks ohne Zögern. Die Haltung des Betas wurde weicher. Nur ein wenig. „Geht es dir gut?“ „Ja“, sagte sie schlicht. „Danke.“ Er nickte einmal und akzeptierte das vorerst. Dann veränderte sich sein Ausdruck, die Leichtigkeit war verschwunden. „Ihr solltet wissen — der Rat hat eine Notfallsitzung einberufen. Morgen früh.“ Die Worte trafen wie ein Blitzschlag durch das Band. Lyons Kiefer spannte sich an. Pagans Schultern versteiften sich. Merricks Puls beschleunigte sich, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Haben sie gesagt, warum?“ „Das mussten sie nicht.“ Marecks Blick wanderte zwischen den dreien hin und her, dann wieder zu Charise. „Ihr habt die Stadt ohne Ankündigung verlassen. Die Wintercrest-Nachwirkungen sind noch frisch. Und jetzt … das hier.“ Merrick entging nicht, wie Mareck vermied, zu benennen, was „das hier“ war. Er spürte die Loyalität des Mannes, aber auch seine Sorge — eine Sorge, die nicht aus Misstrauen geboren war, sondern aus dem Verständnis dafür, wie politisch die Welt außerhalb ihrer Mauern sein konnte. Pagan murmelte etwas vor sich hin, das Merrick nicht verstand, doch es trug genug Knurren in sich, um Marecks Augen zu verengen. „Fangt keinen Streit mit dem Rat an, bevor das verdammte Treffen überhaupt stattfindet“, warnte der Beta. „Sie werden auf Blut aus sein. Und nicht auf ihres.“ Lyons Magie flackerte an seinen Fingerspitzen, schwach und zurückgehalten, doch Merrick spürte das Echo davon durch das Band wie ein Schaudern entlang seiner Wirbelsäule. „Sollen sie doch schauen“, sagte Lyon leise. Merrick warf ihm einen subtilen Blick zu — nicht hier. Mareck rieb sich mit einer Hand über das Gesicht. „Was auch immer da draußen passiert ist, ich hoffe, es war es wert. Denn morgen früh werdet ihr vor zwölf Alphas stehen, die bereits denken, dass das Lunaris-Rudel den Verstand verliert.“ „Es wäre nicht das erste Mal“, sagte Merrick trocken, doch ohne Humor darin. Mareck stieß ein humorloses Lachen aus. „Sorgt einfach dafür, dass es nicht das letzte ist.“ Er trat zurück und gab das Signal, die Tore zu öffnen. Als die schweren Eisentore weit aufschwangen, spürte Merrick den schwachen Zug von Charises Gegenwart in seinem Rücken. Er blickte über die Schulter und fing ihren Blick für einen flüchtigen Sekundenbruchteil ein. Das Mal an seinem Handgelenk pulsierte im gleichen Takt wie ihres. Wir werden uns dem gemeinsam stellen, sagte sie nicht laut — doch das Band flüsterte es trotzdem. Merrick wandte sich zurück zum Anwesen, als die Tore sich hinter ihnen schlossen, das Echo von Metall auf Stein hallte wie ein Versprechen — oder eine Warnung. Morgen würde der Rat Antworten fordern. Und diesmal würde es kein Verstecken mehr geben vor dem, was sie geworden waren. ** Das Anwesen war bereits still geworden, als Merrick den Weg zum Kriegsraum fand. Die Stunde war spät genug, dass selbst die Wachen mit leisen Stimmen sprachen, das Geräusch von Stiefeln und Murmeln hallte schwach durch die Flure, bevor es in der Ferne verblasste. Im Kriegsraum brannte das Feuer niedrig im Kamin und warf unruhiges Licht über Karten, Pergamente und ein paar leere Gläser. Lyon war bereits dort, lehnte sich gegen den langen Eichentisch, die Ärmel hochgerollt, die Augen auf das Fenster gerichtet, wo die Nacht dicht heranrückte. Der silberne Faden seiner Magie flüsterte schwach durch die Luft, aufgewühlt, unfähig, zur Ruhe zu kommen. Pagan lief auf und ab, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, als würde er sich zurückhalten, etwas — oder jemanden — zu zerbrechen. Seine Energie war ein kaum eingedämmter Sturm, die Art, die die Luft selbst aufgeladen wirken ließ. Merrick schloss die Tür hinter sich, das Klicken klang lauter, als es sollte. Pagans Augen schnellten zu ihm. „Sag mir, dass du einen Plan hast.“ Merrick zog eine Braue hoch. „Ich dachte, das wäre dein Fachgebiet.“ Lyons Mundwinkel zuckten, ein Schatten von Humor durchschnitt die Anspannung. „Heute nicht. Er läuft auf und ab, seit Mareck gegangen ist.“ „Weil der Rat sich nicht mit einer Warnung zufriedengeben wird“, schoss Pagan zurück. „Sie werden drängen. Sie werden Antworten fordern zu Wintercrest, zum Rückzug, zu ihr.“ Merrick trat näher, sein Ton ruhig, aber scharf. „Sie werden Kontrolle wollen, keine Antworten.“ Er blieb neben dem Tisch stehen und legte die Hände auf das glatte Holz. „Und wir werden ihnen weder das eine noch das andere geben.“ Lyon drehte sich nun um und begegnete endlich Merricks Blick. „Glaubst du, sie werden gegen uns vorgehen?“ Merrick zögerte nicht. „Sie werden es in Betracht ziehen. Sie haben auf einen Grund gewartet, und wir haben ihnen gerade einen geliefert, verpackt in silbernem Licht und Prophezeiung.“ Pagan schnaubte. „Du machst es klingen wie Poesie.“ „Es ist Politik“, korrigierte Merrick gleichmäßig. „Poesie bringt einen nicht um.“ Lyons Kiefer arbeitete. „Sie werden sie benutzen. Sie gegen uns verdrehen, wenn sie können.“ Seine Stimme war jetzt leiser, doch die Worte trugen mehr Gewicht. „Sie werden ihre Anwesenheit infrage stellen, ihre Blutlinie, ihre Magie. Und wenn sie sie nicht brechen können, werden sie versuchen, den Glauben des Rudels an uns zu brechen.“
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