Kapitel 87

1321 Words
Merrick musterte ihn einen Moment lang. „Du liegst nicht falsch.“ Pagan hörte auf, auf und ab zu laufen, sein Blick wanderte zwischen ihnen hin und her. „Dann halten wir sie da raus.“ Lyon atmete langsam aus und verschränkte die Arme. „Glaubst du, sie bleibt zurück, wenn wir ihr das sagen?“ Pagans Schweigen war Antwort genug. Merrick rieb sich mit einer Hand über das Kinn und spürte das dumpfe Pulsieren des Bandes, das noch schwach unter seiner Haut klopfte. „Es geht nicht mehr darum, sie in Sicherheit zu bringen. Es geht um Wahrnehmung. Dem Rat ist egal, was wahr ist — sie interessiert nur, was sie kontrollieren können. Wenn sie dort ist, wird sie zu einem Symbol. Zu einer Ablenkung. Vielleicht sogar zu einer Bedrohung.“ „Sie ist eine Bedrohung“, sagte Pagan dunkel. „Für sie.“ „Genau“, sagte Merrick. „Und das ist das Problem.“ Das Feuer knackte scharf und versprengte ein paar Funken. Einen Moment lang sprach keiner von ihnen. Lyon bewegte sich schließlich, trat näher an den Tisch. „Du hast recht. Wenn sie diesen Raum betritt, werden sie sie testen. Schauen, wie weit sie gehen können, bevor einer von uns bricht. Und du weißt verdammt genau, dass es nicht viel brauchen wird.“ Pagans Fäuste ballten sich. „Dann sorgen wir dafür, dass sie diesen Raum nicht betritt.“ Merricks Blick huschte zu ihm, ruhig, aber fest. „Und wenn sie fragt, warum?“ „Sie muss den Grund nicht wissen“, knurrte Pagan. Lyons Ausdruck veränderte sich — scharf, warnend. „Glaubst du, sie lässt das durchgehen?“ Pagan starrte ihn an, doch Lyon zuckte nicht zurück. Merrick ließ sie einen Moment lang Blicke wechseln, bevor er sich einmischte, seine Stimme tief, aber bedacht. „Sie ist nicht mehr dieselbe Frau, die wir in Wintercrest getroffen haben. Du kannst ihr keine Befehle erteilen und Gehorsam erwarten. Das ist nicht, wer sie ist.“ „Und was dann?“, verlangte Pagan zu wissen. „Wir lassen sie einfach in eine Höhle voller Wölfe marschieren, die nur darauf warten, sie in Stücke zu reißen?“ Merrick sah ihn gleichmäßig an. „Nein. Wir bereiten uns auf jedes mögliche Szenario vor und sorgen dafür, dass sie es bereuen, wenn sie es versuchen.“ Lyons Lippen verzogen sich schwach, doch der Humor erreichte seine Augen nicht. „Du schlägst vor, dass wir sie trotzdem mitnehmen.“ „Ich schlage vor, dass wir planen, als würde sie darauf bestehen mitzukommen“, sagte Merrick. „Denn das wird sie.“ Schweigen. Dann ein leiser Fluch von Pagan. Lyon stieß sich schließlich vom Tisch ab, Magie funkelte schwach an seinen Fingerspitzen. „Der Rat ist bereits gespalten. Wenn sie das Band sehen — wenn sie es spüren —, gibt es kein Verstecken mehr.“ Merricks Stimme wurde weicher, obwohl die Worte Eisen enthielten. „Dann verstecken wir es nicht. Nicht vor ihnen. Nicht vor uns selbst.“ Pagan starrte ihn an, etwas fast wie Unglaube huschte über sein Gesicht. „Du meinst das ernst.“ Merrick begegnete seinem Blick, ohne zu blinzeln. „Ich bin realistisch. Wir können nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Wir können nur entscheiden, wie wir darin stehen.“ Das Feuer brannte wieder niedriger, Schatten zogen sich lang über den Tisch. Merrick konnte das Gewicht dessen spüren, was jenseits der Dämmerung wartete und näher rückte, der Geruch von Anspannung durchzog die Luft wie Sturmwind vor einem Einschlag. Lyon atmete schließlich aus. „Dann halten wir sie morgen nah bei uns. Aber nicht ungeschützt.“ Die Worte klangen hohl, noch während er sie aussprach — denn irgendwo tief in seiner Brust, unter den rationalen Schichten, hinter denen er lebte, pulsierte das Band einmal warnend, als wollte es ihn erinnern: Du kannst sie nicht schützen, indem du sie im Dunkeln lässt. Das Feuer war zu Glut heruntergebrannt, als die Tür sich öffnete. Merrick hörte sie nicht kommen — keiner von ihnen tat es. Ihr Duft drang zuerst herein, scharf nach Regen und Stahl und etwas schwach Wildem darunter. Dann trat Charise in den Kriegsraum, als gehöre sie dorthin — barfuß, das Haar offen, ein übergroßes schwarzes Shirt, das ihre Oberschenkel streifte. Ihre Augen waren ruhig, die Art von Ruhe, die ihren eigenen stillen Befehl trug. Merrick richtete sich sofort auf, jeder Instinkt sprang in Alarmbereitschaft. Pagan erstarrte mitten in der Bewegung, und Lyons Hand senkte sich von der Stelle, an der er Funken über die Karte gezogen hatte. „Der Rat will sich treffen.“ Keine Frage. Kein Zögern. Merricks Kiefer spannte sich an. „Charise —“ „Ich komme mit“, sagte sie und schnitt ihm mit einem Heben ihres Kinns das Wort ab. Die Worte trafen wie eine Herausforderung. Pagans Reaktion kam sofort — scharf, ungefiltert. „Auf gar keinen Fall.“ Lyons Mund wurde schmal. „Charise…“ Er klang zerrissen, nicht wütend, doch die Warnung war da. Merrick atmete durch die Nase aus und hielt seinen Ton gemessen. „Du verstehst nicht, wie dieser Raum ist. Es ist nicht —“ „Nicht“, unterbrach sie ihn, eine Braue gehoben. „Sag mir nicht, was ich verstehe oder nicht verstehe.“ Pagans Augen blitzten. „Das geht nicht um Stolz, es geht um Sicherheit.“ „Und mich zu verstecken soll sicherer sein?“, schoss sie zurück, ihre Stimme ruhig, aber schneidend. „Denn das hat ja bisher so gut funktioniert.“ Lyon verzog das Gesicht und schaute zwischen ihnen hin und her. „So hat er es nicht gemeint.“ „Was hat er dann gemeint?“, fragte Charise, ihr Blick landete auf Pagan. „Glaubst du, sie finden nicht heraus, dass ich hier bin? Dass es mich weniger zum Problem macht, wenn ich hinter diesen Mauern versteckt bleibe?“ „Charise“, begann Merrick, sein Ton noch immer kontrolliert, diplomatisch aus Gewohnheit. „Das liegt nicht an dir.“ Sie drehte sich langsam zu ihm um, die Arme vor der Brust verschränkt. „Ach wirklich?“ Ihr Wolf regte sich unter ihrer Haut — Merrick konnte es durch das Band spüren, ruhig und wild. Sie trat einen Schritt näher, die Stimme täuschend leise. „Gehen wir das noch einmal durch. Ihr seid nach Wintercrest gekommen. Ihr habt Darius verurteilt. Ihr habt sein Rudel aus dem Schutz des Rates herausgezogen, nach einem Angriff von Abtrünnigen — und das alles, nebenbei bemerkt, ist wegen mir passiert.“ Sie machte eine Pause, das schwächste Lächeln huschte über ihre Lippen. „Also habt ihr recht. Es liegt nicht an mir. Es liegt an euch … und mir.“ Merrick hatte keine Antwort darauf. Lyons Blick huschte zu ihm, unergründlich. Pagan murmelte einen Fluch vor sich hin und lief wieder auf und ab, den Kiefer angespannt. Charises Ausdruck wurde etwas weicher — nicht genug, um ihre Haltung zu brechen, aber genug, um zu zeigen, dass es kein Zorn war. Es war Klarheit. „Hört zu, ich verstehe es. Der Rat vertraut mir nicht. Die Hälfte der Rudel hält mich wahrscheinlich für irgendeine Hexen-Wolf-Missgeburt. Das ist in Ordnung. Es ist nichts Neues.“ Sie stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. „Aber ihr drei, die ihr so tut, als ginge es nicht um mich, macht es nicht verschwinden. Und mich aus dem Raum herauszuhalten, macht es nicht besser. Wenn sie über mich reden wollen, dann sollte ich verdammt noch mal wenigstens im Raum sein.“ Die Präsenz ihres Wolfs drückte sich schwach an den Rändern des Bandes — ruhig, verankerte ihre Worte eher, als sie anzuheizen. Der Raum wurde still. Merrick konnte sehen, wie sich das Gegenargument hinter Pagans Augen formte, der Beschützerinstinkt sträubte sich wie eine gezogene Klinge. Lyons Magie regte sich wieder schwach, reagierte auf die Schärfe ihres Tons, und Merrick … Merrick beobachtete sie einfach nur. Es war keine Angst mehr in ihr. Nur Überzeugung.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD