Kapitel 88

1252 Words
Ihre Finger strichen über ihr Handgelenk — wo sein Mal, ihr Band, schwach unter der Oberfläche pulsierte. Sie atmete aus, leise, aber bewusst. Und dann, nach einer Pause, die bewusst genug wirkte, um jeden Blick auf sich zu ziehen, fragte sie: „Habt ihr vor, mich zu markieren?“ Die Frage landete wie eine Klinge, die mitten in den Raum geworfen wurde. Pagan blinzelte. „Was?“ Merricks Kehle wurde trocken. Charises Lippen zuckten, als wüsste sie genau, wie sehr sie sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. „Wenn das alles vorbei ist“, sagte sie, ihre Stimme ruhig und fest, „habt ihr dann vor, mich zu markieren? Wollt ihr mich an eurer Seite, eure Luna?“ Lyons Mund öffnete sich, schloss sich wieder. Merrick konnte spüren, wie sein Puls an seiner Schläfe hämmerte. Pagan starrte sie nur an, hin- und hergerissen zwischen Unglauben und Bewunderung. Charise neigte den Kopf. „Es ist eine Ja-oder-Nein-Frage.“ Merrick schluckte und zwang die Worte durch ihr Gewicht hindurch. „Ja.“ Lyon nickte einmal, seine Stimme tief, aber sicher. „Ja.“ Pagans Antwort kam rauer, unverblümt. „Offensichtlich.“ Ein langsames Lächeln zog sich über ihre Lippen — Erleichterung, vielleicht, oder stille Genugtuung — aber es war nicht selbstgefällig. Nur wissend. „Gut“, sagte sie, das Wort leise, aber fest. „Dann, wenn ihr das wirklich so meint — wenn ich eure Luna bin —, dann komme ich mit.“ Pagan knurrte leise, doch der Kampf war bereits aus seinem Ton verschwunden. Lyon sah aus, als wäre er nur einen Atemzug davon entfernt, zu lachen, und Merrick starrte sie einfach nur an, resigniert und widerwillig beeindruckt. „Hast du uns gerade in eine Falle gelockt, Silver?“, fragte er schließlich. „Absolut, das habe ich“, sagte sie, ohne einen Schlag auszusetzen. „Und es hilft, euch sagen zu hören, dass ihr mich länger als ein paar Wochen um euch haben wollt … aber ja, ich habe euch zu einhundert Prozent reingelegt.“ Lyon hustete in seine Hand und konnte seine Belustigung nicht verbergen. Pagan murmelte etwas, das ein Fluch gewesen sein könnte. Merrick schüttelte den Kopf, das kleinste Lächeln zog trotz allem an seinem Mund. „Das ist eine schlechte Idee“, sagte er leise. „Ich bin ganz deiner Meinung“, antwortete Charise leichthin. „Es ist eine furchtbare Idee. Ich bin mir sicher, dass ich es in dem Moment bereuen werde, in dem ich diesen Raum betrete.“ Ihre Stimme wurde dann weicher, das Feuer unter dem Humor ruhig und echt. „Aber wenn sie euch wegen eurer Handlungen meinetwegen angreifen wollen … dann will ich dabei sein. Ich verdiene es, dabei zu sein.“ Lyon gab ein leises, langsames Nicken. „Gut gespielt.“ Sie begegnete seinem Blick und lächelte schwach. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Pagan, der immer noch finster dreinblickte. Ihr Wolf drängte nach vorn — spielerisch, prüfend. „Und wenn das wirklich scheiße läuft“, fügte sie hinzu, ihr Ton leicht, aber mit einem Versprechen unterlegt, „dann müsst ihr euch wohl einfach überlegen, wie ihr es wiedergutmachen könnt.“ Die Veränderung im Raum war sofort spürbar — Hitze und Anspannung stiegen in der Luft, das Band pulsierte lebendig zwischen ihnen. Ihre Augen huschten einmal zwischen den drei Alphas hin und her, zufrieden, bevor sie sich zur Tür wandte. Sie hielt nur lange genug inne, um über die Schulter zurückzublicken, ein spöttisches Lächeln huschte über ihre Lippen. „Versucht nicht, zu viel darüber nachzudenken, Jungs.“ Dann ging sie, das leise Klicken der Tür hinter ihr durchbrach die verblüffte Stille. Merrick fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Wir stecken so tief in der Scheiße.“ Lyon stieß ein leises Lachen aus. „Du meinst, du steckst in der Scheiße. Sie hat dich gespielt.“ Pagan knurrte tief und lief wieder auf und ab. „Sie hat uns alle gespielt.“ Merricks Blick blieb an der Tür hängen, wo ihr Duft noch in der Luft hing. „Und sie wird in dieses Treffen marschieren, als gehöre es ihr.“ Lyons Lippen verzogen sich schwach. „Das tut es bereits.“ Die Fahrt verlief ruhig — viel zu verdammt ruhig. Pagan saß auf dem Rücksitz, die Schultern gegen das Fenster gedrückt, die Augen starr auf den verschwommenen Baumvorhang gerichtet, der vorbeiflog. Das Summen des Motors erfüllte den Raum zwischen ihnen, tief und stetig, konnte aber das Geräusch seines eigenen Pulses nicht übertönen. Sie hatte es getan. Charise f*****g Lancaster hatte alle drei von ihnen wie eine verdammte Geige gespielt, sie mit einer einzigen Frage und einem Blick in die Ecke gedrängt, der jede Unze Logik aus Merricks Mund geschmolzen hatte. Und jetzt waren sie hier — auf dem Weg zu dem Rats-Treffen, auf dessen Teilnahme sie bestanden hatte. Merrick fuhr mit seiner üblichen Gelassenheit, die Hände ruhig am Lenkrad, die Augen geradeaus gerichtet. Neben ihm saß Charise mit übereinandergeschlagenen Beinen, die Haltung aufrecht, der Blick unbeirrt, während die Lichter der Stadt einer langen Strecke Waldstraße wichen, die in neutrales Gebiet führte. Lyon saß ebenfalls vorne, leicht zum Fenster geneigt, tat so, als würde er durch sein Tablet scrollen, las aber verdammt noch mal kein einziges Wort. Pagan konnte denselben leisen Brodeln von ihm ausgehen spüren — Frustration, durchzogen von widerwilliger Ehrfurcht. „Immer noch sauer?“, murmelte Lyon, ohne sich umzudrehen. Pagan brummte. „Sie hat uns in die Ecke gedrängt.“ „Du sagst das, als wäre es schwer für sie gewesen“, sagte Lyon leise, ein Hauch von Humor darin. Pagans Augen huschten zum Rückspiegel. Er fing dort ihr Spiegelbild ein — ruhig, gefasst, unergründlich. Ihr Haar, normalerweise wild und den Rücken hinunterfallend, war zu einem straffen Knoten zusammengezogen. Der Kragen ihrer schwarzen Bluse lag scharf an ihrem Hals, und diese beigen hochtaillierten Hosen umschmeichelten sie auf genau die falsche Weise, um das Konzentrieren schwer zu machen. Ihre Absätze — klein und scharf — tippten leicht im Rhythmus ihrer Nerven gegen den Boden des Autos. Sie sah aus, als wäre sie aus einem hochrangigen Rudeltreffen gekommen, bereit, die Welt an der Kehle zu packen. Doch durch das Band — den geteilten Puls, der seit Wintercrest fast unerträglich stark geworden war — spürte er die Wahrheit darunter. Das Pulsieren von etwas Kleinem und Rohem, das unter ihrer Selbstsicherheit pochte. Angst. Nicht die Art, die einen erstarren ließ. Die Art, die zu lange unter der Haut gelebt hatte. Angst vor Zurückweisung. Angst, wieder nicht genug zu sein. Er presste den Kiefer zusammen und wandte das Gesicht der dunklen Linie der Bäume zu. Sie sollte keine Angst haben. Nicht sie. Nicht nach allem. Lyon sprach erneut, diesmal leiser. „Du spürst es auch.“ Pagan antwortete nicht. Das musste er nicht. Merricks Stimme durchschnitt die Anspannung, gleichmäßig und knapp. „Wir sind in zehn Minuten da.“ Charise nickte einmal, die Augen immer noch geradeaus gerichtet. „Gut.“ Das war alles. Kein Smalltalk. Kein Geplänkel. Nur dieselbe rasiermesserscharfe Konzentration, die seit dem Moment, als sie letzte Nacht in den Kriegsraum gekommen war, die Oberhand gewonnen hatte. Sie hatte den Morgen damit verbracht, Berichte mit Merrick durchzugehen, Namen und politische Bündnisse auswendig zu lernen, war dann für eine Stunde in ihrem Zimmer verschwunden und wieder aufgetaucht und sah so aus — jede Faser eine Luna, bereit, dem Rat gegenüberzutreten. Pagan hatte sie von der Treppe aus beobachtet, die Arme verschränkt, halb bereit, sie aufzuhalten, und halb bereit, vor ihr auf die Knie zu gehen.
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