Kapitel 89

1136 Words
Jetzt wusste er nicht, welcher Drang gewann. Das Auto bog in die letzte Straßenstrecke ein, Kies knirschte unter den Reifen. Vor ihnen kamen die neutralen Ländereien in Sicht — ein ausgedehnter Stein-Komplex, umgeben von einem hohen Umzäunungszaun, alte Symbole in die Tore geschnitzt. Zwölf Banner hingen darüber, eines für jedes der herrschenden Territorien. Das Wappen der Lunaris — ein schwarzes Siegel, das durch Silber gebrannt war — hing am höchsten in der Mitte. Als sie zum Stehen kamen, näherten sich Wachen. Merrick ließ das Fenster herunter, wechselte ein paar leise Worte, dann schwangen die massiven Eisentore knarrend auf, das Geräusch hallte über den Hof wie der Beginn von etwas, das sie nicht mehr zurücknehmen konnten. Drinnen war die Welt kälter. Sauberer. Charises Atem stockte nur ganz leicht — nicht genug, dass es jemand anderem auffiel, aber Pagan spürte es durch das Band wie einen ausgesetzten Herzschlag. „Du kannst es dir immer noch anders überlegen“, sagte Merrick leise, die Augen weiter nach vorn gerichtet. „Das werde ich nicht“, sagte sie. Lyon warf ihr einen Blick zu, die Stirn gerunzelt. „Du musst ihnen nichts beweisen.“ Ihr Blick huschte zu ihm — weich für den Bruchteil einer Sekunde, dann wieder hart. „Es geht nicht darum, etwas zu beweisen. Es geht darum, gesehen zu werden.“ Das traf. Sogar Pagan konnte nicht dagegen argumentieren. Als das Auto vor den Haupttreppen anhielt, stellte Merrick den Motor ab. Einen Moment lang bewegte sich niemand. Die Stille hing schwer, ihr Band pulsierte wie ein Herzschlag, den sie alle teilten, aber nicht kontrollieren konnten. Dann griff Charise nach dem Türgriff. Ihre Finger zitterten einmal — so leicht, dass es ein Lichttrick hätte sein können —, doch Pagan sah es. Spürte es. Sie stieg als Erste aus. Das Geräusch ihrer Absätze auf dem Stein hallte durch den Hof — gemessen, ohne Eile, jeder Schritt bewusst. Köpfe drehten sich, als sie die Schwelle überschritten. Die Wachen versteiften sich; einige der Bediensteten flüsterten, als ihr Duft durch die Luft trug — Wolf, aber nicht ganz. Etwas mehr. Merrick trat an ihre Seite, gefasst und unergründlich. Lyon folgte, seine Energie zurückgehalten, aber scharf, und Pagan bildete die Nachhut, jeder Sinn in Alarmbereitschaft. Die Ratskammer ragte vor ihnen auf — ein uraltes Bauwerk aus schwarzem Stein und silbernen Einlagen, die schweren Türen bewacht von zwei Wölfen in zeremonieller Rüstung. Drinnen warteten zwölf Alphas aus den umliegenden Territorien — jeder dem Lunaris untergeordnet, aber mächtig genug, um Ärger zu machen. Charises Schultern strafften sich, als sie sich näherten, und für einen Herzschlag schmerzte Pagans Brust vor etwas, das er nicht benennen konnte. Sie sah aus wie ihre Luna, in jeder Hinsicht. Auch wenn die Hälfte des Raums drinnen sie niemals so sehen würde. Als die Türen sich öffneten, ergoss sich das Murmeln von Stimmen nach draußen — tief, erwartungsvoll, hungrig. Merrick blickte einmal zurück, seine Augen trafen Pagans. Ein stummer Austausch: Bleib nah. Pagan nickte einmal. Dann traten sie ein, die Temperatur fiel, als sich der Rat ihnen zuwandte. Und ganz vorne, unter dem geschnitzten Emblem der Zwölf, wartete Elder Varric — der Älteste des Rates und bei weitem der Gefährlichste. Sein Blick glitt an Merrick vorbei, an Lyon vorbei und landete auf Charise. „Ah“, sagte er, die Stimme glatt wie Öl. „Der Hybrid.“ Pagans Wolf knurrte tief in seiner Brust, gerade laut genug, dass Merricks Hand warnend zurückzuckte. Charise zuckte nicht zusammen. Sie hob nur das Kinn, die Augen fest auf Varric gerichtet. „Charise Lancaster“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, klar und trotzig. „Ihr solltet euch den Namen besser merken.“ Die Stille, die folgte, war elektrisch. Die Türen schlossen sich hinter ihnen mit einem Geräusch, das durch die weite Steinkammer hallte — tief, endgültig und schwer wie ein Urteil. Die Ratskammer hatte Merrick schon immer an eine Klinge erinnert — jede Linie des Ortes geschärft für Präzision, kein Platz für Wärme. Zwölf Sitze in einem Halbkreis erhoben sich auf der gestuften Empore vor ihnen, die Banner jedes Rudels hingen hinter ihren jeweiligen Alphas. Das Licht aus dem Oberlicht strömte wie kaltes Silber herab und schnitt durch den leichten Weihrauchnebel, der in den Ecken brannte. Charise Lancaster stand im Zentrum von allem, der Mittelpunkt jedes Blicks. Und das Flüstern begann sofort. „Hexengeboren.“ „Halbblut.“ „Leichtsinnig, sie hierherzubringen.“ „Ist es das, wozu es mit den Lunaris gekommen ist?“ Die Worte schnitten durch die Stille wie Klingen auf Stein. Merrick spürte, wie sie durch den Raum gingen — Wellen von Verachtung, Neugier, Ehrfurcht. Er entging nicht, wie Charises Schultern sich bei jedem neuen gezischten Wort versteiften, oder wie sie den Kopf nicht senkte. Sie versteckte sich nicht hinter ihm, obwohl Lyon näher an ihre linke Seite rückte und Pagan direkt hinter ihr aufragte wie ein Schatten, der nur darauf wartete zuzuschlagen. Sie stand dort — Wirbelsäule gerade, Kinn hoch, ihr Herzschlag ruhig unter dem Summen des Bandes. Merrick spürte sie durch all das. Ihr Puls war schnell, aber stark. Das Flackern von Unruhe, begraben unter Kontrolle. Die Hitze, die aufstieg, als seine Magie ihre zur Beruhigung streifte. Elder Varric, grau und falkenäugig, lehnte sich von seinem Platz an der Spitze der Empore vor. „Hohe Alphas“, begann er, seine Stimme durchschnitt das Murmeln, „ihr kommt und bringt den Hybrid in die heilige Kammer und erwartet, dass der Rat das als … Protokoll behandelt?“ Sein Blick schnitt erneut zu Charise — scharf, verächtlich. „Ihr prüft die Heiligkeit dessen, was unseresgleichen bindet.“ Merrick trat einen Schritt vor, jede Bewegung gemessen. „Wir prüfen nichts“, sagte er gleichmäßig. „Wir stehen dort, wo wir immer gestanden haben — vor diesem Rat, als Vertreter der Lunaris und ihrer Territorien.“ Varrics Lippen verzogen sich zu etwas wie einem Lächeln. „Und doch gehört eure Begleiterin nicht zu uns.“ „Das tut sie“, erwiderte Merrick, die Worte kamen, bevor er sie mäßigen konnte. „Durch Band und durch Wahl.“ Die Kammer explodierte. Aus dem Murmeln wurde offener Streit — die Hälfte der Alphas lehnte sich vor und forderte Gehör. Stimmen überlagerten sich in Empörung, Unglauben, dem Klappern von Stühlen auf Stein. Merricks Augen folgten denen, die schwiegen. Alpha Draven vom Frostmoor-Rudel — stoisch, nachdenklich — beobachtete Charise, nicht mit Verachtung, sondern mit Interesse. Seine Hand ruhte am Kinn, als studiere er ihre Magie statt sie zu verurteilen. Neben ihm lehnte Mira von den Hollowcrest-Wölfen sich in ihrem Sitz zurück, eine Braue gehoben, leichte Belustigung in den Mundwinkeln. „Leichtsinnig“, knurrte einer der anderen — Alpha Toren vom Redmarch, die Narbe in seinem Gesicht schimmerte im Licht. „Ihr bringt einen Hexen-Wolf auf neutralen Boden, Merrick Thorne, und sprecht von Einheit? Die Lunaris sind arrogant geworden.“
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