Er sehnte sich auch danach.
Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Es war einer seiner Leutnants, der etwas über einen Versorgungslauf ins äußere Dorf murmelte, Berichte, die unterschrieben werden mussten. Merrick antwortete geistesabwesend, sein Geist war woanders.
Als die Tür sich wieder schloss, goss er sich einen Drink aus der Karaffe auf seinem Schreibtisch ein – denselben Bourbon, den er zuvor gehabt hatte, das Glas noch leicht warm von seiner Hand.
Er war kein Mann, der sich Dingen hingab, die er nicht kontrollieren konnte. Aber bei ihr war Kontrolle nicht möglich. Sie veränderte das Gleichgewicht ihrer gesamten Verbindung, und das erschreckte ihn weit mehr, als er Pagan oder Lyon jemals zugeben würde.
Denn Merrick war derjenige gewesen, der dieses Gleichgewicht geschmiedet hatte – um ihre Instinkte aufeinander abzustimmen, ihre Macht vor dem Zerbrechen zu bewahren. Er hatte gesehen, was ungezügelte Alpha-Magie anrichten konnte, wie sie von innen heraus zerstörte.
Und jetzt war da sie.
Und irgendwie stabilisierte sie, was selbst er nicht immer kontrollieren konnte.
Er drehte den Gedanken langsam und bedächtig hin und her, wie man eine Klinge im Licht betrachtet. Es war nicht nur die Anziehung – obwohl das Bild von ihr, wie sie in seinem Arbeitszimmer stand, das Kinn erhoben und die Augen leuchtend, ihn verfolgte. Es war die Art, wie sie vor seiner Autorität nicht zurückwich. Die Art, wie sie ihn herausforderte, durch ihn hindurchsah und ihn nicht fürchtete.
Sie ließ ihn sich gesehen fühlen.
Merrick trank den letzten Schluck Bourbon und stellte das Glas mit einem leisen Klirren ab.
Er wusste, was das hier wurde – und was es kosten würde, wenn er das Gleichgewicht jetzt verlor. Er hatte seine Brüder durch Kriege, Blut und Verrat zusammengehalten. Wenn er zuließ, dass die Verbindung vollständig die Oberhand gewann, wenn er dem nachgab, was jeder Teil von ihm wollte, sobald sie in seiner Nähe war –
Er war sich nicht sicher, was von seiner Beherrschung übrig bleiben würde.
Und doch, als das Sonnenlicht über den Boden wanderte und ihre Energie schwach gegen seine pulsierte, flüsterte eine leise Stimme in ihm – sein Wolf, sein Herz, vielleicht beides – das, was er am wenigsten hören wollte.
Du bist nicht dazu bestimmt, diese Mauer für immer aufrechtzuerhalten.
Merrick schloss die Augen und atmete durch die Zähne aus. „Vielleicht nicht“, murmelte er leise.
Die Luft war jetzt kühler, schwer vom Duft der Pinien und der sanften Süße der Gärten unten. Die Sonne ging hinter der Baumlinie unter – Streifen aus Gold und Violett schnitten durch den Horizont wie verletztes Licht.
Charise stützte ihre Ellbogen auf das steinerne Geländer ihres Balkons, ihre Finger fuhren die abgenutzten Rillen in der geschnitzten Kante nach. Von hier aus wirkte das Anwesen endlos – Höfe und Pfade, die sich durch den Wald schlängelten, Wölfe, die wie Schatten zwischen den Gebäuden bewegten.
Es hätte friedlich wirken sollen.
Tat es aber nicht.
Ihr Wolf schritt gerade unter ihrer Haut auf und ab, ruhelos und wachsam. Sie sind alle zu weit weg, murmelte sie im Hinterkopf. Ich kann sie spüren, aber es ist schwach.
Charise schloss die Augen und griff nach innen. Die Verbindung regte sich sofort – drei Fäden, deutlich und doch verschlungen.
Pagans war am leichtesten zu finden: Hitze und Feuer, der Geruch von Rauch und Leder, ein ständiges Summen von Bewegung. Er war wieder im Hof, trainierte selbst nach Einbruch der Dämmerung. Typisch.
Lyons Energie floss darunter – ruhig, stetig, leuchtete schwach wie Mondlicht auf Wasser. Er war noch in der Klinik, dachte sie, seine Magie ein ruhiger Rhythmus aus Heilung und Geduld.
Und Merrick… Merricks Präsenz war Eisen und Befehlsgewalt, scharf und schwer, aber heute Abend war da noch etwas anderes – ein Flackern von Erschöpfung, Beherrschung, die zu straff gespannt war.
Sie atmete langsam aus. Ihr seid alle unmöglich, dachte sie, unsicher, welcher von ihnen es hören würde oder ob überhaupt einer.
Ihr Wolf summte ein leises Lachen. Du sorgst dich.
„Ich habe das nicht gesagt“, murmelte sie laut.
Die Verbindung pulsierte, fast neckend, als hätte einer von ihnen – wahrscheinlich Lyon – den Gedanken aufgefangen. Ihre Wangen wurden warm. Sie drehte ihr Gesicht dem verblassenden Licht zu, tat so, als würde es sie nicht berühren, tat so, als wollte sie die Verbindung nicht, selbst als diese sich wie unsichtbare Seide um sie legte.
Die Brise hob Strähnen ihres Haares an und strich sie über ihre Wangen. Ihre Haut erinnerte sich noch an Pagans raue Hand an ihrem Kinn, das tiefe Grollen seiner Stimme, als er gesagt hatte, niemand würde sie je wieder berühren. Und Merrick – Götter, Merrick – die Art, wie sein Blick ihren hielt, wie eine Herausforderung und ein Geständnis zugleich.
Sie war noch nie jemandem so nahe gewesen. Nicht so. Nicht so, dass die Mauern, die sie jahrelang aufgebaut hatte, nutzlos wirkten.
Ihr Wolf drängte wieder vor, diesmal sanfter. Sie stabilisieren dich. Du stabilisierst sie.
Charise antwortete nicht. Ihre Kehle fühlte sich eng an.
Stattdessen hob sie ihr Gesicht dem dunkler werdenden Himmel entgegen und beobachtete, wie die ersten Sterne durch den violetten Dunst stachen. Der Puls der Verbindungen wurde ruhiger, verblasste aber nicht. Sie waren immer noch dort draußen – ihre Alphas – und die seltsame, unausgesprochene Verbindung zwischen ihnen summte wie der Raum zwischen Herzschlägen.
Für einen Moment ließ sie sich hineinlehnen – in sie. In die Wärme, die davon kam, ohne Worte gekannt zu werden.
Ihre Lippen verzogen sich leicht. „Na gut“, flüsterte sie, kaum hörbar. „Vielleicht sorge ich mich ein bisschen.“
Die Verbindungen pulsierten als Antwort – drei deutliche Schläge in perfekter Synchronität.
Ihr Wolf schnurrte selbstzufrieden. Sie haben dich gehört.
Charise stöhnte leise und drückte ihre Handflächen aufs Gesicht. „Natürlich haben sie das.“
Aber selbst als sie sich umdrehte, um wieder hineinzugehen, konnte sie das Gefühl nicht ganz abschütteln, dass sich das Universum – oder die Verbindung – zu verändern begonnen hatte. Die Distanz zwischen ihnen war jetzt kleiner. Näher.
Und etwas sagte ihr, dass was auch immer als Nächstes kam, es kein Verstecken mehr davor geben würde.
Die Klinik war ruhig geworden. Nur noch wenige leise Stimmen waren übrig, Heiler, die flüsterten, während sie Instrumente fertig reinigten und die vorhangumhängten Kabinen schlossen. Der schwache, beißende Geruch von Antiseptikum mischte sich mit den vertrauteren Düften von Wolf – Blut, Schweiß und der Magie, die Lyon den ganzen Tag in offene Wunden gegossen hatte.
Er atmete langsam aus, rollte die Schultern zurück, um den Schmerz dazwischen zu lindern. Der Mondstein an seiner Kehle war zu einem sanften Blau gedimmt, sein früheres Leuchten jetzt nur noch ein schwacher Herzschlag auf seiner Haut.
Es hätte reichen sollen – die Arbeit, die Konzentration, die stille Disziplin des Heilens. Aber das tat es nicht.