Kapitel 63

1340 Words
Merricks Augen verdunkelten sich leicht, und für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich die Spannung zwischen ihnen – etwas Ungesagtes zog sich durch die Luft. Dann wandte sie sich ab und durchbrach sie zuerst, ging zum nächsten Wandteppich hinüber. „Entspann dich, Alpha“, sagte sie über die Schulter. „Ich schaue mich nur um.“ Sein leises Lachen folgte ihr, tief und rau genug, dass ihr Wolf als Antwort schnurrte. Und obwohl Charise sich nicht noch einmal zu ihm umdrehte, konnte sie das Gewicht seines Blickes spüren – beständig, prüfend, beschützend –, das ihr folgte, während das Feuer hinter ihnen leise knisterte. --- Er beobachtete sie, wie sie sich bewegte – wie ihre Finger langsam über die Fäden des Wandteppichs glitten, wie das Lampenlicht weich in ihrem Haar spielte. Charise Lancaster. Selbst wenn sie stillstand, strahlte sie Bewegung aus – wie ein Sturm, der noch nicht ganz losgebrochen war. Als er hierhergekommen war, hatte er sich eingeredet, er wolle nur seinen Kopf freibekommen. Sich eine ruhige Stunde nehmen, bevor Berichte und Strategien die Nacht wieder verschlangen. Doch in dem Moment, als er ihre Anwesenheit durch die Bindung gespürt hatte – schwach, neugierig, hartnäckig lebendig –, wusste er es besser. Sie war vom ersten Augenblick an unmöglich zu ignorieren gewesen. Die Jeans und die Lederjacke waren schlicht, doch die Art, wie sie sie trug, war alles andere als das. Die Kleidung saß an ihr, als wäre sie eigens für sie gemacht worden – obwohl er wusste, dass Lyon und Pagan wahrscheinlich über jedes einzelne Stück in dieser Garderobe diskutiert hatten. Ihr Haar, das sich an den Spitzen lockte, dort, wo es den Kragen ihrer Jacke berührte. Ihr Duft – wilde Luft und etwas Schärferes, Silbernes und Warmes – hing selbst über die Entfernung hinweg zwischen ihnen. Merrick nahm einen weiteren langsamen Schluck aus seinem Glas und musterte sie. Die Art, wie sie die Arme verschränkte, das Kinn hob, die Augen voller stiller Herausforderung. Die Bindung summte schwach unter seiner Haut und spiegelte ihre Energie wider – Trotz, eingehüllt in Erschöpfung. Verdammte Frau. Er hätte sich umdrehen und gehen sollen. Ihr ihren stillen Akt der Rebellion lassen sollen. Doch etwas in ihm – sein Wolf, seine Instinkte, der Alpha in ihm, der stets Kontrolle verlangte – wollte sich nicht bewegen. Also blieb er dort stehen und sah zu, wie sie erneut die Linien des Wandteppichs nachzeichnete, und irgendetwas daran, wie lange sie verweilte, ließ seine Brust eng werden. Sie betrachtete nicht einfach Geschichte. Sie verglich sich mit ihr. Der Gedanke traf ihn tiefer, als ihm lieb war. „Du denkst zu laut“, sagte er leise und trat vor. Sie warf ihm einen Blick zu, eine Augenbraue hochgezogen. „Und das kannst du von dort drüben hören?“ „Von hier“, murmelte er und schloss die letzten Schritte zwischen ihnen. „Ja.“ Charise wich nicht zurück. Ihr Wolf regte sich – er konnte es fühlen –, eine niedrige Schwingung durch die Bindung, zugleich vorsichtig und fasziniert. Merricks Blick glitt kurz zu ihrer Kehle – zu dem schwachen Puls dort, der sich unter seiner Aufmerksamkeit beschleunigte –, bevor er wieder ihre Augen fand. Keine Angst. Nur Neugier. Herausforderung. „Du magst es nicht, Luna genannt zu werden“, sagte er und las es direkt aus der Energie, die zwischen ihnen floss. Ihre Lippen zuckten. „Ich mag es nicht, etwas genannt zu werden, das ich nicht verstehe.“ Das war fair. Brutal fair. Merricks Kiefer spannte sich an, als er langsam nickte. „Dann werden wir dafür sorgen, dass du es verstehst.“ Draußen wurde das Geräusch des Regens stärker, ein gleichmäßiges Trommeln gegen die hohen Fenster. Charise wandte sich wieder dem Wandteppich zu, auf dem die drei Alphas vereint dargestellt waren. „Es ist seltsam“, sagte sie leise. „Zu sehen, was diesen Ort aufgebaut hat. Wie viel dafür geopfert wurde.“ Merrick folgte ihrem Blick. Seine Stimme blieb ruhig, aber nachdenklich. „Stärke kommt selten ohne Verlust. Einheit noch viel seltener.“ Da blickte sie zu ihm auf. Ihre Augen fingen das Feuerlicht ein – Grün durchzogen von Silber. Und für einen Herzschlag vergaß er zu atmen. „Du klingst, als hättest du das selbst erlebt“, sagte sie. Er erwiderte ihren Blick. „Habe ich.“ Etwas ging zwischen ihnen hindurch – still, schwer von Dingen, die keiner von beiden bereit war zu benennen. Charise verlagerte leicht ihr Gewicht und schob sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Bist du immer so poetisch nach Einbruch der Dunkelheit, Alpha?“ Merricks Mundwinkel hoben sich leicht, gerade genug, um den Schatten eines Lächelns zu zeigen. „Nur wenn ich von einer Frau verhört werde, die sich weigert, im Bett zu bleiben.“ Ihr Wolf summte zufrieden, und Merricks Puls machte einen Sprung, als das Echo ihn durch die Bindung erreichte – diese schwache Welle aus Wärme und Bewusstsein. Seine Selbstbeherrschung war aus Eisen. Doch selbst Eisen konnte erhitzt und gebogen werden. Er trat langsam einen Schritt zurück, bevor sich der Raum zwischen ihnen weiter verändern konnte. „Ruh dich aus, Charise. Morgen wartet weder auf dich noch auf mich.“ Ihr Grinsen kehrte zurück, diesmal leichter. „Ist das ein Befehl?“ Er hob sein Glas in einem halben Salut. Seine Stimme war tief. „Ein Vorschlag.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Mal sehen, wie das läuft.“ Merrick sah ihr nach, wie sie sich umdrehte, wie ihre Schritte sanft schwangen, während sie zur Tür ging, und wie ihr Duft hinter ihr zurückblieb – wild, ungezähmt, unerträglich lebendig. Sein Wolf brummte zustimmend tief in seiner Brust. Als sie verschwunden war, stellte er sein Glas auf den nahen Tisch und atmete durch die Nase aus, den Kiefer angespannt. Er hätte Erleichterung über die darauf folgende Stille empfinden sollen. Stattdessen spürte er die Bindung erneut summen – schwache silberne Fäden, verbunden und lebendig unter seiner Haut. Und er wusste, dass für keinen von ihnen heute Nacht Ruhe kommen würde. Der Regen hatte nicht aufgehört. Er flüsterte gegen die Fenster ihres Zimmers, gleichmäßig und sanft – ein Rhythmus, dem ihr erschöpfter Körper sich endlich hingeben konnte. Charise erinnerte sich nicht daran, eingeschlafen zu sein. Sie erinnerte sich an das schwache Leuchten der Lampe neben dem Bett, an die Wärme der Decken, an das stetige Pochen in ihrer Brust, das nicht ganz ihr eigenes war. Es war die Bindung – rastlos und lebendig selbst in ihrer Erschöpfung. Als sie wieder zu sich kam, fühlte sich die Luft anders an. Schwerer. Geladen. Sie bewegte sich unter den Laken und blinzelte in das Halbdunkel. Das Mondlicht ergoss sich wie blasses Silber über die Dielen, und genau da spürte sie sie. Drei unterschiedliche Fäden, die durch sie summten. Merrick. Pagan. Lyon. Es war nicht so, dass sie sie sehen konnte. Sie konnte sie fühlen. Ihre Wölfe drängten sanft an die Ränder ihres Bewusstseins, als hätten sich alle drei gleichzeitig ihr zugewandt. Ihr Herz setzte aus. Das Gefühl war beinahe zu viel – eine Welle aus Wärme und Halt, jede Präsenz anders und doch unverkennbar. Lyon war beständige, stille Stärke – Wärme an ihrer Wirbelsäule, beschützend und sicher. Pagans Präsenz brannte heißer – ein Auflodern rastloser Energie, das ihr den Atem raubte. Merricks war tiefer, schwerer und zog sich wie die Schwerkraft durch alles andere hindurch. Ihr Wolf hob den Kopf in ihr und ein tiefes Schnurren vibrierte in ihrer Brust. Sie sind nah. Die Tür öffnete sich knarrend, leise genug, dass sie es vielleicht überhört hätte, wenn die Bindung nicht als Antwort aufgeflammt wäre. Pagan zuerst – trotz seiner Größe lautlos, oberkörperfrei, begleitet vom schwachen Duft von Kiefer und Regen. Lyon folgte, langsamer, sein Blick glitt über sie, als müsste er überprüfen, ob sie wirklich da war. Merrick kam zuletzt, die stille Autorität in seinen Schritten, ohne den Frieden des Raumes zu stören. Charise stützte sich auf einen Ellbogen und blinzelte ihnen im dämmrigen Licht entgegen. „Gibt es einen Grund, warum ihr drei mitten in der Nacht in meinem Zimmer steht?“
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