Pagan kratzte sich im Nacken.
„Konnte nicht schlafen.“
Lyon sprach leiser.
„Die Bindung ... sie hat gezogen. Wir dachten—“
Merrick beendete den Satz für ihn, ruhig, doch darunter lag etwas Unverfälschtes.
„Dass du es vielleicht auch spürst.“
Charises Kehle wurde eng, die Wahrheit dieser Worte drückte gegen ihre Rippen. Sie spürte es. Sie hatte es gespürt.
Und vielleicht hätte sie ihnen sagen sollen zu gehen – ihr Raum zu geben, es nicht noch seltsamer zu machen, als es ohnehin schon war. Doch ihr Körper hatte andere Vorstellungen.
Die Erschöpfung, das Ziehen in ihrer Brust nach Tagen voller Anspannung, die Wärme der Bindung, die wie ein Herzschlag zwischen ihnen summte – all das verschmolz zu etwas zutiefst Menschlichem.
Ohne ein Wort bewegte sie sich leicht und schlug die Decke zur Seite – eine stumme Einladung.
Pagan bewegte sich zuerst und ließ sich zu ihrer Linken nieder.
Lyon nahm die andere Seite ein, seine Wärme wirkte sofort beruhigend.
Merrick blieb einen Moment am Rand stehen, doch als ihre Blicke sich trafen, wurde etwas in seinen Augen weicher.
Er kam als Letzter dazu – vorsichtig, beherrscht, obwohl sein Wolf beinahe vor Zurückhaltung vibrierte.
Für einen Moment sprach niemand.
Die Stille war ihre eigene Sprache.
Der Regen.
Ihr Atem.
Die Bindung, die nun gleichmäßig pulsierte, während sich ihre Herzschläge synchronisierten.
Charise atmete langsam aus.
Die Wärme schloss sich um sie, und zum ersten Mal, seit sie an diesen Ort gebracht worden war, hatte sie nicht das Gefühl, jeden Augenblick zu zerbrechen.
Ihr Wolf seufzte zufrieden.
Das ist richtig.
Sie wollte widersprechen, doch die Müdigkeit holte sie wieder ein, bevor sie es konnte.
Ihr letzter Gedanke, bevor der Schlaf sie forttrug, war das Gefühl von drei unterschiedlichen Herzschlägen – stark, beständig, vertraut –, die sich mit ihrem eigenen verflochten.
**
Der Morgen schlich langsam heran, golden und sanft.
Charise spürte es zuerst – die Wärme.
Eine beständige, feste Wärme drückte von allen Seiten gegen sie.
Ihre Wange ruhte auf etwas Hartem und Warmem, das ganz sicher nicht ihr Bett war, und der gleichmäßige Rhythmus unter ihrem Ohr gehörte ebenfalls nicht ihr.
Verschlafen blinzelte sie.
Der schwache Duft von Zedernholz, Rauch und Gewürzen verriet ihr sofort, wem er gehörte.
Pagan.
Er schlief noch immer, ein Arm schwer um ihre Taille gelegt, sein Atem tief und gleichmäßig.
Ein Bein lag lässig über ihrem.
Seine Haut war heiß an ihrer, und die feinen Haare auf seiner Brust kitzelten ihre Wange bei jedem Ausatmen.
Und da wurde ihr etwas bewusst—
Eine weitere Hand ruhte leicht auf ihrer.
Breiter.
Kühler.
Lyon.
Seine Finger hatten sich gerade eben um ihr Handgelenk gelegt, der sanfte Energiepuls war noch immer da – beständig, beruhigend.
Er war ihr zugewandt eingeschlafen, sein blondes Haar leicht zerzaust, sein Hemd vom Vorabend halb aufgeknöpft.
Und Merrick—
Merrick war wach.
Sie spürte seinen Blick, noch bevor sie die Augen ganz öffnete.
Er lehnte am Fußende des Bettes, während das frühe Licht über seine Brust fiel, wo sein Hemd offenstand.
Die Ärmel waren noch immer hochgekrempelt, die Unterarme verschränkt, ein Buch lag vergessen neben ihm.
Seine Augen – diese tiefen sturmgrauen Augen – ruhten auf ihr.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann holte ihr Verstand ihren Körper ein, und Hitze kroch ihren Hals hinauf.
Sie bewegte sich leicht – und Pagan regte sich, ein tiefes Brummen vibrierte in seiner Brust.
„Morgen“, krächzte er mit schlafrauher Stimme.
„Morgen“, murmelte sie zurück, ihre Stimme noch schwer vom Schlaf.
Lyons Lippen hoben sich leicht, als seine Augen aufgingen.
„Du bist warm“, sagte er sanft, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.
Charise warf ihm einen Blick zu, halb amüsiert, halb verlegen.
„Das liegt daran, dass drei von euch im Bett liegen.“
Merricks Mundwinkel zuckten – kaum merklich.
„Technisch gesehen hast du uns eingeladen.“
Ihre Braue hob sich.
„Du solltest mir eigentlich nicht zustimmen.“
Das entlockte Pagan ein leises Schnauben, während er sich auf den Rücken rollte und sich mit einem gedämpften Knurren streckte.
„Du schläfst wie ein verdammter Stein“, murmelte er und warf ihr einen Blick zu. „Die ganze Nacht nicht bewegt.“
„Ich wollte im Schlaf nicht zerfleischt werden“, sagte sie trocken.
Lyon lachte leise, seine Stimme noch halb verschlafen.
„Das sagst du, aber dein Wolf schien nichts dagegen zu haben.“
Charise erstarrte.
Der Puls der Bindung flackerte schwach zwischen ihnen auf – sanft, leuchtend, unbestreitbar.
Ihre Energien waren noch immer von der vergangenen Nacht miteinander verflochten.
Merricks Stimme durchbrach die Stille.
Leiser jetzt, aber beständig.
„Sie ist heute Morgen stärker.“
Sie sah ihn an.
„Die Bindung?“
Er nickte einmal.
„Sie synchronisiert sich schneller als erwartet. Je näher wir uns sind, desto stabiler wird sie.“
„Also was“, sagte sie und setzte sich vorsichtig auf, „du willst mir sagen, dass ich Gruppenschläfchen einplanen muss, damit alle geistig gesund bleiben?“
Lyon lächelte schwach.
„Wenn du es so nennen möchtest.“
Pagan schnaubte.
„Für mich in Ordnung.“
Sie verdrehte die Augen, obwohl ihre Wangen sich verräterisch röteten.
„Ihr seid alle unmöglich.“
Merricks Ton wurde weicher.
„Du hast geschlafen“, sagte er.
Es war keine Frage.
Es war eine Feststellung.
Eine stille noch dazu, aber sie traf sie härter, als sie erwartet hatte.
Denn er hatte recht.
Zum ersten Mal seit Wintercrest hatte sie die ganze Nacht durchgeschlafen, ohne panisch aufzuwachen.
Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen.
„Ja“, sagte sie leise. „Das habe ich.“
Die folgende Stille war nicht unangenehm.
Sie war erfüllt.
Warm, geerdet, auf ihre eigene stille Weise aufgeladen.
Schließlich warf Pagan ein Kissen nach Merrick.
„Also, Frühstück? Oder sitzen wir hier einfach weiter herum und starren uns an wie bei einer seltsamen Rudel-Therapiesitzung?“
Merrick fing das Kissen mühelos auf, ein kaum sichtbares Lächeln huschte über seine Lippen.
„Frühstück. Danach Training. Und anschließend“, sein Blick glitt zu Charise, „werden du und ich unser Gespräch beenden.“
Charises Magen machte einen Satz.
„Das klingt bedrohlich.“
Merrick erhob sich mit langsamer, müheloser Eleganz vom Bett und knöpfte sein Hemd zu.
„Ist es normalerweise auch.“
Pagan lachte leise.
Lyon stand auf und hielt Charise die Hand hin. Seine Augen waren sanft.
„Komm, mein Licht. Lass uns erst einmal dafür sorgen, dass du etwas isst, bevor er entscheidet, dass wir noch vor Sonnenaufgang Übungen laufen.“
Charise zögerte.
Dann ergriff sie seine Hand.
Die Wärme, die sich durch die Berührung ausbreitete, war unbestreitbar.
Vertraut.
Und als die drei sich zur Tür bewegten, blieb sie noch einen Moment zurück und blickte auf das Bett, über dem die Fäden ihrer Bindung noch immer schwach in der Luft zu pulsieren schienen.
Ihr Wolf regte sich in ihrem Inneren.
Du bist nicht mehr allein.
Charise atmete langsam aus und erlaubte sich, daran zu glauben.
Für den Moment.