Kapitel 61

1346 Words
Merricks Augen verdunkelten sich leicht, und für einen Herzschlag veränderte sich die Spannung zwischen ihnen – etwas Ungesagtes zog sich durch die Luft. Dann wandte sie sich ab, durchbrach es als Erste und ging zum nächsten Wandteppich. „Entspann dich, Alpha“, sagte sie über die Schulter. „Ich schaue mich nur um.“ Sein Lachen folgte ihr, tief und rau genug, dass ihr Wolf daraufhin schnurrte. Und obwohl Charise sich nicht noch einmal zu ihm umdrehte, konnte sie das Gewicht seines Blickes spüren – beständig, prüfend, beschützend –, der ihr folgte, während hinter ihnen das Feuer leise knisterte. Er beobachtete sie – wie ihre Finger langsam über die Fäden des Wandteppichs glitten, wie das sanfte Licht der Lampen sich in ihrem Haar fing. Charise Lancaster. Selbst wenn sie stillstand, strahlte sie Bewegung aus – wie ein Sturm, der noch nicht ganz losgebrochen war. Er hatte sich eingeredet, als er hier heruntergekommen war, wolle er nur seinen Kopf freibekommen. Sich eine ruhige Stunde gönnen, bevor Berichte und Strategien die Nacht erneut verschlangen. Doch in dem Moment, als er ihre Anwesenheit durch die Bindung spürte – schwach, neugierig, eigensinnig lebendig –, wusste er es besser. Sie war vom ersten Moment an unmöglich zu ignorieren gewesen, seit sie sie gefunden hatten. Die Jeans und die Lederjacke waren schlicht, aber die Art, wie sie sie trug, war es nicht. Die Kleidung saß an ihr, als wäre sie für sie gemacht worden – obwohl er wusste, dass Lyon und Pagan wahrscheinlich über jede einzelne Auswahl in diesem Kleiderschrank diskutiert hatten. Ihr Haar, das sich an den Spitzen lockte, dort, wo es den Kragen ihrer Jacke berührte. Ihr Duft – wilde Luft und etwas Schärferes, Silbernes und Warmes – hing selbst über die Distanz zwischen ihnen hinweg in der Luft. Merrick nahm einen weiteren langsamen Schluck aus seinem Glas und musterte sie. Die Art, wie sie die Arme verschränkte, das Kinn hob, die Augen voller stiller Herausforderung. Die Bindung summte schwach unter seiner Haut und spiegelte ihre Energie wider – Trotz, umhüllt von Erschöpfung. Verdammte Frau. Er hätte sich umdrehen und gehen sollen. Hätte ihr ihre stille Rebellion lassen sollen. Doch etwas in ihm – sein Wolf, seine Instinkte, der Alpha in ihm, der immer Kontrolle verlangte – bewegte sich nicht. Er blieb stehen und beobachtete, wie sie erneut die Linien des Wandteppichs nachzeichnete, und irgendetwas an der Art, wie sie dort verweilte, ließ seine Brust enger werden. Sie betrachtete nicht die Geschichte. Sie maß sich an ihr. Der Gedanke traf ihn tiefer, als ihm lieb war. „Du denkst zu laut“, sagte er leise und trat vor. Sie blickte zu ihm zurück, eine Braue hochgezogen. „Und das kannst du von dort drüben hören?“ „Von hier“, murmelte er und schloss die letzten Schritte zwischen ihnen. „Ja.“ Charise wich nicht zurück. Ihr Wolf regte sich – er konnte es spüren – eine tiefe Schwingung durch die Bindung, zugleich vorsichtig und fasziniert. Merricks Blick glitt kurz zu ihrer Kehle – zu dem schwachen Puls dort, der sich unter seiner Aufmerksamkeit beschleunigte – und dann zurück zu ihren Augen. Keine Angst war darin. Nur Neugier. Herausforderung. „Du magst es nicht, Luna genannt zu werden“, sagte er und las es direkt aus der Energie heraus, die zwischen ihnen floss. Ihre Lippen zuckten. „Ich mag es nicht, etwas genannt zu werden, das ich nicht verstehe.“ Das war fair. Brutal fair. Merricks Kiefer spannte sich an, während er langsam nickte. „Dann werden wir dafür sorgen, dass du es verstehst.“ Draußen wurde der Regen stärker, ein langsamer Trommelrhythmus gegen die hohen Fenster. Charise wandte sich wieder dem Wandteppich zu, der die Vereinigung der drei Alphas zeigte. „Es ist seltsam“, sagte sie leise. „Zu sehen, worauf dieser Ort aufgebaut wurde. Wie viel geopfert wurde.“ Merrick folgte ihrem Blick. Seine Stimme blieb ruhig, aber nachdenklich. „Stärke kommt selten ohne Verlust. Einheit noch viel seltener.“ Sie sah zu ihm auf, ihre Augen fingen das Feuerlicht ein – Grün, durchzogen von Silber – und für einen Herzschlag vergaß er zu atmen. „Du klingst, als hättest du das selbst erlebt“, sagte sie. Er erwiderte ihren Blick. „Das habe ich.“ Etwas ging zwischen ihnen hindurch – still, schwer von Dingen, die keiner von ihnen bereit war zu benennen. Charise verlagerte leicht ihr Gewicht und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr. „Bist du nach Einbruch der Dunkelheit immer so poetisch, Alpha?“ Merricks Mundwinkel hoben sich leicht, gerade genug, um den Schatten eines Lächelns zu zeigen. „Nur wenn ich von einer Frau verhört werde, die sich weigert, im Bett zu bleiben.“ Ihr Wolf summte zufrieden daraufhin, und Merricks Puls beschleunigte sich, als das Echo ihn durch die Bindung erreichte – diese schwache Welle von Wärme, von Bewusstsein. Seine Selbstbeherrschung war aus Eisen, doch selbst Eisen konnte erhitzt und gebogen werden. Er trat langsam einen Schritt zurück, bevor sich der Raum zwischen ihnen weiter verändern konnte. „Ruh dich aus, Charise. Morgen wird auf keinen von uns warten.“ Ihr Grinsen kehrte zurück, diesmal leichter. „Gibst du mir einen Befehl?“ Er hob sein Glas leicht in einem halben Gruß. Seine Stimme war tief. „Einen Vorschlag.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Mal sehen, wie das läuft.“ Merrick sah ihr nach, wie sie sich umdrehte, das leichte Schwingen ihrer Schritte auf dem Weg zur Tür, das Echo ihres Duftes, das hinter ihr zurückblieb – wild, ungezähmt, verdammt lebendig. Sein Wolf grollte zustimmend tief in seiner Brust. Als sie fort war, stellte er sein Glas auf dem nahen Tisch ab und atmete durch die Nase aus, den Kiefer angespannt. Er hätte Erleichterung über die Stille empfinden sollen, die zurückblieb. Stattdessen spürte er die Bindung erneut summen – schwache silberne Fäden, die sich verbanden, lebendig unter seiner Haut – und wusste, dass für keinen von ihnen in dieser Nacht Ruhe kommen würde. Der Regen hatte nicht aufgehört. Er flüsterte gegen die Fenster ihres Zimmers, beständig und sanft – ein Rhythmus, dem sich ihr müder Körper endlich hingeben konnte. Charise erinnerte sich nicht daran, eingeschlafen zu sein. Sie erinnerte sich an das schwache Leuchten der Lampe neben dem Bett, an die Wärme der Decken, an das stetige Pochen in ihrer Brust, das nicht ganz ihr eigenes war. Es war die Bindung – rastlos und lebendig selbst in ihrer Erschöpfung. Als sie wieder erwachte, fühlte sich die Luft anders an. Schwerer. Geladen. Sie bewegte sich unter den Laken und blinzelte in die Halbdunkelheit. Das Mondlicht ergoss sich in blassem Silber über die Dielen, und da spürte sie es – sie. Drei unterschiedliche Fäden, die durch sie hindurch summten. Merrick. Pagan. Lyon. Es war nicht so, dass sie sie sehen konnte – sie konnte sie fühlen. Ihre Wölfe drängten schwach an die Ränder ihres Bewusstseins, als hätten sich alle drei gleichzeitig ihr zugewandt. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das Gefühl war beinahe zu viel – eine Welle aus Wärme und Halt, jede Präsenz anders und doch unverkennbar. Lyon war beständige, stille Stärke – Wärme entlang ihrer Wirbelsäule, beschützend und sicher. Pagan brannte heißer – ein Auflodern rastloser Energie, das ihr den Atem stocken ließ. Merricks Präsenz war tiefer, schwerer, durchzog alles andere wie die Schwerkraft selbst. Ihr Wolf hob in ihr den Kopf, ein tiefes Schnurren vibrierte in ihrer Brust. Sie sind nah. Die Tür knarrte leise auf, so sanft, dass sie es vielleicht überhört hätte, wenn die Bindung nicht als Antwort aufgeflammt wäre. Pagan zuerst – lautlos trotz seiner Größe, oberkörperfrei, mit dem schwachen Duft von Kiefer und Regen an sich. Lyon als Nächster, langsamer, sein Blick glitt über sie, als würde er prüfen, ob sie wirklich da war. Merrick kam zuletzt, die stille Autorität in seinen Schritten, ohne die Ruhe des Raumes zu stören. Charise stützte sich auf einen Ellbogen und blinzelte sie im schwachen Licht an. „Gibt es einen Grund“, fragte sie, „warum ihr drei mitten in der Nacht in meinem Zimmer seid?“
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