Kapitel 66

1121 Words
Er konnte spüren, wie ihr Atem sich beruhigte – vielleicht schlief sie, vielleicht tat sie nur so. Die Verbindung summte noch einmal, jetzt sanfter. Er hob die Hand und ließ einen Funken Energie durch seine Finger fließen. Die Luft schimmerte leicht – ein wortloses Versprechen, eine Fessel der Ruhe, die er zu ihr sandte. „Ruh dich aus, Charise“, murmelte er, seine Stimme kaum ein Flüstern. „Du bist hier sicher.“ Die Verbindung pulsierte einmal als Antwort. Eine stille Wärme. Dann Stille. Merrick stand noch eine Weile dort, bis die Sonne tief sank und das Bourbon-Glas leer war. Er blickte nicht noch einmal zur Tür zurück – aber er ging auch nicht weg. Denn so sehr er sich selbst einredete, dass Beherrschung seine Stärke sei, wusste er verdammt genau, dass sie bereits zerfaserte. Der Klang von Stahl durchschnitt erneut die Luft, scharf und sauber. Schweiß glänzte auf Pagans Schultern, als er seine Klinge in einem brutalen Bogen herabsausen ließ und der hölzerne Pfosten unter dem Aufprall splitterte. Der Waldrand roch nach Pinie und Eisen – normalerweise erdend. Heute nicht. Er konnte sie spüren. Es begann als Flackern im Hinterkopf – eine sanfte Wärme, die die scharfen Kanten seiner Gedanken streifte. Dann vertiefte es sich, pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags. Charise. Er schloss die Augen für einen halben Atemzug und lauschte darauf. Das Summen ihrer Präsenz. Die stille Unterströmung von Frieden, die vorher nicht da gewesen war. Lyons Energie hallte irgendwo in diesem Faden wider, ruhig und hell. Auch Merricks Stetigkeit, fern, aber immer gegenwärtig. Und sie. Weich, silberumrandet, lebendig. Pagan knurrte leise und rollte die Schultern. Das Geräusch ließ einen der jüngeren Krieger in der Nähe zusammenzucken. „Alles in Ordnung, Alpha?“ „Gut“, stieß er hervor, die Stimme tief. War es nicht. Nicht einmal annähernd. Er warf das Schwert beiseite und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Schweiß und Hitze klebten an seiner Haut, und er konnte sie immer noch in der Verbindung spüren – das Echo ihres Lachens von vorhin, die Wärme, die seitdem nachwirkte, seit sie am Morgen in den Trainingshof gekommen war, mit leuchtenden Augen und diesem störrischen halben Lächeln auf den Lippen. Er hatte nicht vergessen, wie sie ausgesehen hatte. Jeans, die sich an ihre Beine schmiegten. Feuchtes Haar, das sich leicht an ihrem Hals kräuselte. Dieses subtile silberne Schimmern in ihren Augen, wenn das Sonnenlicht sie traf. Es war verdammt lange her, dass irgendetwas seine Konzentration so hatte durcheinanderbringen können. „Alpha“, rief einer seiner Leutnants und riss ihn aus dem Gedanken. „Die Übungen sind beendet.“ „Gut“, sagte Pagan mit rauer Stimme. „Bring die Männer zur Rotation. Ich überprüfe den Perimeter.“ Der Leutnant nickte und stellte klugerweise keine Fragen. Pagan wandte sich dem Wald zu und ließ die Schatten ihn verschlucken. Er brauchte Abstand – musste es aus sich herauslaufen, es aus seinem Blut brennen, bevor die Verbindung ihn halb wahnsinnig machte. Er verwandelte sich halb, sein Wolf flackerte nah an der Oberfläche – Muskeln spannten sich, Instinkte schärften sich. Sie ist sicher, murmelte der Wolf. Wir spüren es. „Ja“, murmelte Pagan mit angespanntem Kiefer. „Ich weiß.“ Du willst in ihrer Nähe sein. Er atmete durch die Nase aus, die Brust hob und senkte sich schwer. „Wollen, ja. Aber sie braucht Zeit.“ Die Stimme des Wolfs war jetzt leiser, rau vor Verständnis. Du würdest sie ihr geben. „Jede verdammte Sekunde, die sie braucht.“ Er meinte es ernst. Auch wenn es ihn innerlich zerriss. Die Verbindung pulsierte erneut – diesmal sanfter, eine Welle des Trostes. Es war nicht absichtlich. Sie wusste nicht, dass sie es tat. Aber Götter, es stabilisierte ihn trotzdem. Die ruhelose Anspannung in seinen Muskeln ließ etwas nach. Er lehnte sich gegen einen Baum, neigte den Kopf zum Blätterdach und ließ das gefilterte Sonnenlicht auf sein Gesicht fallen. Der Wald war still. Nur sein Herzschlag und ihrer bewegten sich im Rhythmus durch die Verbindung. „Störrische, wilde, unmögliche Frau“, murmelte er, ein schwaches Lächeln umspielte seinen Mund. „Du wirst mich ruinieren, oder?“ Der Wolf schnaubte – halb amüsiert, halb zustimmend. Pagan blieb lange dort – lauschte, atmete, erdete sich in dem Gewicht dieser stillen Verbindung. Als er schließlich zum Anwesen zurückkehrte, war sein Temperament abgekühlt, aber seine Entschlossenheit nicht. Er würde ihr Raum geben. Er würde ihr Freiheit geben. Aber beim nächsten Mal, wenn sie ihn so ansah wie im Hof – hungrig, lebendig, trotzig – war er sich nicht sicher, ob er wieder würde weggehen können. Das Gelände des Anwesens erstreckte sich weit unter einem Himmel, der in weichem Gold gestreift war. Die Luft roch nach Erde, Pinie und einem Hauch von Flieder von den Hecken entlang des Gartenwegs. Charise wanderte barfuß über den Steinweg, die Wärme der Sonne hing noch darin. Sie strich mit den Fingern über eine Blüte nahe dem Brunnen, die Blütenblätter blassrosa und weich auf ihrer Haut. Ihr Wolf regte sich träge, zufrieden, aber wachsam. Sie sind wieder ruhig, murmelte ihr Wolf, die Stimme leise in ihrem Kopf. Du spürst es, oder? Charise nickte leicht, obwohl sie nicht laut antworten musste. Die Verbindung war lebendig, subtil und stetig – wie Fäden, die straff zwischen ihr und den drei Männern gespannt waren, die sie nun teilten. Lyons Präsenz war am leichtesten zu erkennen. Seine Magie summte tief und gleichmäßig, wie der Puls von Mondlicht durch Wasser – beständig, beruhigend, stark. Das Bild von ihm von vorhin – hochgekrempelte Ärmel, Licht in den Augen, als er den Welpen anlächelte – trieb durch ihren Geist. Diese stille Beständigkeit hatte eine Art, sie zu entwaffnen. Merricks Energie fühlte sich schwerer an. Ein stetiges Dröhnen von Kontrolle, Eisen unter Seide. Immer wachsam. Immer prüfend. Sie konnte ihn in seinem Büro spüren oder vielleicht immer noch auf dem Balkon – sein Geist eine Karte des Anwesens, seines Rudels. Aber unter der Disziplin war noch etwas anderes. Ein Flackern, das jedes Mal zu ihr zog, wenn ihre Fäden sich berührten. Und Pagan. Er war schwerer festzumachen. Seine Energie bewegte sich wie ein Lauffeuer – Hitze, Instinkt, Beschützerinstinkt, eingehüllt in kaum gezügelte Beherrschung. Selbst von der anderen Seite des Geländes konnte sie ihn spüren. Den tiefen, simmernden Puls von ihm nach dem Training. Dieselbe Anziehung, die ihr Herz am Morgen hatte stolpern lassen, als sie ihn nackt und konzentriert gesehen hatte, jeder Muskel unter der Sonne angespannt. Ihr Wolf grollte bei der Erinnerung. Du denkst immer wieder daran. „Fang nicht damit an“, murmelte sie und pflückte ein Blatt von der Hecke. Er ist stark. Das gefällt dir. Ihr Wolf lachte – oder das psychische Äquivalent davon – eine warme Vibration entlang ihrer Wirbelsäule.
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