Kapitel 67

1184 Words
Charise seufzte und setzte sich auf den Rand des Brunnens, den Apfel noch in der Hand von vorhin, rollte ihn geistesabwesend zwischen ihren Handflächen. Es war ruhig hier – kein Personal, keine Alphas, die herumschwebten. Nur sie und das Flüstern des Gartens. Trotzdem wollte die Verbindung sich nicht beruhigen. Sie pulsierte erneut – eine sanfte Wärme in ihrer Brust, die nicht ihre eigene war. Für einen flüchtigen Herzschlag erhaschte sie Blicke, die nicht ihre waren. Pagans Konzentration, die im Wald nachließ, Merricks stetige Gedanken auf dem Balkon, Lyons ruhiges, anhaltendes Summen. Sie atmete langsam ein. Die Verbindung verknüpfte nicht nur ihre Kräfte. Sie teilte auch ihre Emotionen – ihre Frustrationen, ihre Unruhe, ihre Sorgen. Und vielleicht, wenn sie ehrlich war, auch etwas von ihrem Sehnen. Der Gedanke ließ ihre Wangen erröten. „Großartig“, murmelte sie. „Jetzt wissen sie alle, dass ich wie eine Idiotin rot werde.“ Sie wissen es schon, neckte ihr Wolf selbstzufrieden. Denkst du, du bist die Einzige, die das spürt? Sie stöhnte leise und ließ den Kopf in ihre Hände sinken. „Ich habe nicht um drei Alphas und ihren emotionalen Stau in meinem Kopf gebeten.“ Vielleicht nicht, sagte ihr Wolf, der Ton wurde weicher. Aber sie lassen dich sich… gesehen fühlen. Das ließ sie innehalten. Denn es war wahr. Das taten sie. Auf unterschiedliche Weise – Merricks Beherrschung, Lyons Ruhe, Pagans Feuer – sie füllten Räume in ihr, von denen sie bis jetzt nicht gewusst hatte, dass sie leer waren. Und doch erschreckte sie das mehr als jede Wunde. Charise atmete aus und lehnte sich auf ihren Händen zurück, beobachtete, wie das Licht durch die Bäume wanderte. Die Wärme der Sonne vermischte sich mit dem leisen Summen der Verbindung, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie sich nicht, als würde sie darauf warten, dass etwas schiefging. Nur… warten. Sie war sich nicht sicher, worauf. Aber als das sanfte Streifen von Merricks Präsenz erneut durch die Verbindung zog – ein stilles Nachfragen, stetig, aber unbestreitbar auf sie gerichtet – stolperte ihr Puls, und ihr Wolf schnurrte leise. „Ja“, flüsterte sie, ein schwaches Lächeln zog an ihren Lippen. „Ich spüre dich auch.“ Er fand sie im Garten. Der Duft von Lavendel und frisch gemähtem Gras hing in der Luft und vermischte sich mit ihrer schwachen Spur – Wildblumen, Regen und etwas, das er nie ganz benennen konnte. Charise saß auf der niedrigen Steinumrandung des Brunnens. Ihr Haar fing das Sonnenlicht in dunklen Wellen ein, und als sie sich leicht umdrehte, blitzten ihre Augen in diesem ruhigen Grün auf, das seine Brust immer eng werden ließ. Er kündigte sich nicht an. Das brauchte er selten. Sie spürte ihn in dem Moment, in dem sein Schatten über den Weg fiel – ihre Wirbelsäule richtete sich auf, ihre Schultern strafften sich, als könnte sie sich körperlich gegen seine Präsenz wappnen. Merrick blieb einige Schritte entfernt stehen, eine Hand schob sich in seine Tasche. „Du bist weit weg von deinem Zimmer“, sagte er schließlich, sein Ton gleichmäßig, obwohl er rauer herauskam, als er beabsichtigt hatte. Charise blickte auf, ein Mundwinkel verzog sich leicht. „Du lässt es klingen, als wäre ich geflohen.“ Er zog eine Braue hoch. „Bist du das nicht?“ Sie neigte den Kopf, die Augen verengten sich leicht herausfordernd. „Vielleicht wollte ich einfach nur atmen, ohne dass jemand über mir schwebt.“ Merrick atmete durch die Nase aus, sein Blick glitt kurz über sie – die Jeans, die sich an ihre Hüften schmiegten, die Lederjacke, das Sonnenlicht, das Wärme auf ihre Haut malte. Es lag wieder Farbe auf ihren Wangen. Leben. Es erleichterte etwas in ihm, während es einen anderen Teil beunruhigte. Er trat näher, langsam, bedächtig. „Du solltest dich ausruhen“, sagte er, obwohl es kein Tadel war. „Gott, ich wünschte, ihr würdet alle aufhören, mir das zu sagen… Ich tue es“, murmelte sie, ihre Finger zeichneten den Stein neben ihr nach. „Nur nicht so, wie ihr es wollt.“ Seine Lippen zuckten trotz allem. Götter, sie war wütend machend. Und mutig. Und viel zu bewusst, wie ihre Trotzhaltung etwas Gefährliches in ihm weckte. Die Verbindung pulsierte, tief und stetig – eine Welle, die seine Sinne streifte. Ihre Emotionen sickerten schwach hindurch: die stille Erschöpfung, die anhaltende Schuld, die Wärme, die kam, wenn sie ihn spürte. Er musste nicht danach greifen. Sie fand ihn jetzt von allein. Merrick stellte sich neben sie, stellte sein Glas auf den Rand des Brunnens. Für einen langen Moment sprach keiner von ihnen. Das sanfte Plätschern des Wassers füllte die Stille zwischen ihnen. Schließlich blickte sie auf, ihre Augen trafen seine. „Du denkst zu laut“, sagte sie leise. Sein Kiefer spannte sich an. „Tue ich das?“ Sie zuckte leicht mit den Schultern. „Fühlt sich so an. Ich kann fast die Listen hören, die sich in deinem Kopf bilden – was repariert werden muss, wer gehandhabt werden muss, wo ich wahrscheinlich auf dieser Liste stehe.“ Sein Mund verzog sich, langsam und ironisch. „Du gehst davon aus, dass ich dich jemals auf eine Liste setzen würde.“ „Würdest du nicht?“ Er drehte sich leicht, stützte eine Hand auf den Brunnen neben ihr, nah genug, dass der Ärmel seines Hemdes ihren Arm streifte. „Du bist nichts, das man managen muss, Charise.“ Ihr Atem stockte – nur leicht. „Was bin ich dann?“ Merrick blickte auf sie herab, das Sonnenlicht fing sich in seinen Augen und färbte sie an den Rändern bernsteinfarben. „Die Frage, die ich nicht aufhören kann zu stellen.“ Die Stille dehnte sich. Die Verbindung summte erneut – diesmal stärker, die Ränder ihrer Gedanken streiften seine, weich und unsicher. Er spürte das Flackern ihres Wolfs, vorsichtig, aber neugierig. Charise sah zuerst weg, ihre Finger krallten sich auf dem Stein zusammen. „Du sagst ständig solche Dinge“, sagte sie leise. „Und dann gehst du zurück dazu, der Alpha zu sein – kalt, beherrscht, unnahbar.“ „Ich versuche, dich nicht zu überwältigen.“ Sie lachte humorlos. „Merrick, du bist überwältigend.“ Er hätte zurücktreten sollen. Tat er nicht. Stattdessen hob er die Hand – langsam genug, dass sie ihn aufhalten konnte – und strich eine Strähne Haar aus ihrem Gesicht. Seine Knöchel streiften ihr Kinn, die leichteste Berührung. Ihr Puls sprang unter seinen Fingern. „Du spürst es auch“, murmelte er. „Diese Verbindung – sie ist nicht nur Magie. Es ist Instinkt. Je mehr du dagegen ankämpfst, desto stärker zieht sie.“ Ihre Augen hoben sich, jetzt ruhig. „Vielleicht bin ich nicht bereit, mit dem Kämpfen aufzuhören.“ Seine Lippen verzogen sich leicht. „Dann warten wir.“ Ihre Stirn runzelte sich leicht, suchte in seinem Gesicht nach etwas, das sie bei ihm nicht oft fand – Geduld. Merrick ließ seinen Daumen die Kurve direkt unter ihrem Ohr nachzeichnen, die Stimme senkte sich. „Du musst nicht überstürzt Vertrauen fassen. Weder zu ihr noch zu uns. Aber verwechsle Beherrschung nicht mit Desinteresse, Charise.“
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