Kapitel 76

1128 Words
Merricks Gedanke kam als Letzter, sanfter als die der beiden anderen, und trug jenen stetigen Befehlston, der irgendwie auch Trost war. Du bist kein Fluch, Charise. Du gehörst uns. Der Rückweg war still. Nur das Flüstern der Blätter unter ihren Füßen, das Gewicht ihres schlaffen Körpers in Merricks Armen und das schwache Schimmern von Lyons Magie, die nah blieb, um sie ruhig zu halten. Pagan ging direkt hinter ihnen, seine Augen scannten die Bäume, als könnte er die Nacht selbst durch seinen Blick zur Unterwerfung zwingen. Sie sprachen nicht — nicht weil es nichts zu sagen gab, sondern weil Worte die zerbrechliche Friedlichkeit zerstört hätten, die sich endlich über sie gelegt hatte. Als sie das Packhaus erreichten, ging Lyon voraus, um die Tür zu öffnen, und hielt sie weit auf, während Merrick sie hineintrug. Die Flure waren gedimmt, in das weiche goldene Licht von Wandlampen getaucht. Der Duft von Regen hing in der Luft — Ruhe nach dem Sturm. Merrick brachte sie in ihr Zimmer und legte sie sanft auf das Bett. Sie gab im Schlaf einen leisen Laut von sich — kein Schmerz, sondern etwas wie ein Wimmern, gefangen zwischen Erschöpfung und Trauer. Lyon strich mit der Hand über ihre Schläfe und murmelte einen kleinen Zauberspruch unter seinem Atem. Die Magie wellte sanft durch die Luft — nicht um zu kontrollieren, nur um zu beruhigen. „Das wird ihr helfen, sich auszuruhen.“ Pagan blieb einen langen Moment an der Tür stehen, seine Brust hob und senkte sich mit einer stillen Wut, die nirgendwohin gerichtet war. Dann trat er näher, kniete sich neben das Bett und atmete scharf aus. „Sie sieht so verdammt klein aus so.“ Merrick sank auf die Kante der Matratze, die Ellbogen auf die Knie gestützt. „Sie ist nicht klein“, sagte er leise. „Sie ist einfach müde vom Kämpfen.“ Lyon richtete sich auf, seine Hand blieb über ihrem Herzen schweben. „Und sie denkt, sie sei der Grund für jede Wunde, die jemals jemand für sie erlitten hat.“ Sein Ton brach ein wenig. „Das ist der Teil, den ich nicht ertragen kann.“ Sie mussten nicht über das sprechen, was als Nächstes kam. Die Bindung führte sie. Merrick bewegte sich zuerst — er zog die Decke zurück und glitt neben sie, sein Körper eine stetige, erdende Präsenz. Lyon folgte, ließ sich auf ihrer anderen Seite nieder, die Luft um ihn herum trug dieses ruhige, sanfte Summen seiner Macht. Pagan nahm den letzten Platz hinter ihr ein, nah genug, dass seine Wärme ihren Rücken wie ein Schild umgab. Lange Zeit bewegte sich niemand. Sie berührten sie nicht für sich selbst — nicht dieses Mal. Jede Bewegung war vorsichtig und bewusst, gab ihr, was sie brauchte, ohne etwas im Gegenzug zu nehmen. Merricks Hand fand ihre, wo sie auf den Laken ruhte, sein Daumen zeichnete abwesende Kreise auf ihre Haut — Zusicherung ohne Erwartung. Lyons Finger strichen durch ihr Haar, langsam und rhythmisch, bis die Anspannung in ihrer Stirn nachließ. Pagans Arm legte sich um ihre Taille, seine Handfläche ruhte direkt unter ihren Rippen und hielt sie wie etwas, dem er der Welt nicht mehr zu zerbrechen vertraute. Der Schmerz in der Bindung wurde weicher. Nicht verschwunden, aber gedämpft zu etwas, das summte statt brannte. Merrick atmete langsam aus, seine Stimme ein Flüstern, das nur die Bindung tragen konnte. Sie fühlt sich an wie Gift. Lyon antwortete leise. Dann werden wir sie lehren, dass sie Medizin ist. Pagans Antwort war ein tiefes Knurren in ihrer Verbindung, zärtlich in seiner Heftigkeit. Und wenn jemals jemand sie glauben lässt, es sei anders, werde ich ihn in Stücke reißen. Die Stille dehnte sich. Ihr Atem beruhigte sich — zuerst flach, dann tiefer, fiel in den Rhythmus des Schlafs. Das Mondlicht glitt über die Dielen, silbern und kalt, berührte ihr Gesicht wie ein Kuss. Lyon blickte zum Fenster, seine Stimme kaum lauter als ein Atemzug. „Die Göttin wacht über sie.“ Merricks Hand schloss sich sanft fester um ihre. „Dann soll sie sehen, dass sie nicht allein ist.“ Und unter diesem sanften Licht veränderte sich etwas. Die Schatten vertieften sich, und das Zimmer schien zu verschwinden — ersetzt durch die Stille eines Traums, der kein Traum war. ** Sie stand in einem weiten Feld unter einem Mond, der unmöglich groß hing — leuchtend silberweiß, sein Licht sammelte sich auf dem Gras wie flüssiges Glas. Ihre bloßen Füße sanken in die weiche Erde. Die Luft roch nach Regen und Wildblumen, und die Stille war absolut. Dann tauchten vom Horizont drei Wölfe auf. Einer schwarz wie das Nichts, Augen grau wie ein Sturm. Einer silbergrau, geschmeidig und sicher. Einer mit tiefem Rostrot, wild und ungezähmt, Augen brannten golden. Sie bewegten sich in langsamer Einheit, umkreisten sie. Nicht als Jäger, sondern als Wächter. Die Bindung schimmerte in der Luft zwischen ihnen — Fäden aus Licht, die sich strafften, bis sie sich an ihrer Brust verbanden und sich um ihr Herz webten. Charise hob die Hand. Das silberne Leuchten in ihren Augen passte zum Licht des Mondes über ihr. Dann kam eine Stimme — sanft, melodisch, alt wie die Zeit. „Du bist kein Fluch, mein Kind. Du bist das Gleichgewicht zwischen ihrer Stärke. Die Ruhe in ihrem Sturm.“ Ihr Atem stockte, ihre Brust schmerzte. „Aber warum ich?“ Die Stimme lächelte — sie konnte es spüren, sanft und unendlich. „Weil sie dich gewählt haben, noch bevor du geboren wurdest. Und wenn die Dunkelheit kommt, wirst du sie im Gegenzug wählen.“ Die Wölfe hielten vor ihr an, jeder senkte den Kopf. Das Mondlicht wurde stärker, ergoss sich über sie, bis alles, was sie sehen konnte, silberne Fäden waren, die sich zu einem einzigen Mal verbanden, das schwach auf ihrer Haut brannte. Drei Wölfe. Ein Mond. Ein Versprechen. Eine Warnung. Eine Zukunft. Die Vision verblasste mit dem Flüstern des Windes durch ihr Haar. ** Als sie aufwachte, berührte die Dämmerung gerade den Horizont. Ihr Kopf ruhte an Merricks Schulter, Lyons Hand lag noch über ihrem Herzen, Pagans Wärme war fest an ihrem Rücken. Zum ersten Mal seit Wochen schmerzte ihre Brust nicht, wenn sie atmete. Und obwohl sie sich nicht an jedes Wort des Traums erinnerte, fühlte sie es — tief und sicher — das Echo der Stimme der Göttin, das noch irgendwo unter ihrer Haut lebendig war: Du bist kein Fluch, mein Kind. Du bist das Gleichgewicht zwischen ihrer Stärke. Die Ruhe in ihrem Sturm. Die Sonne berührte gerade den Horizont und ergoss blasses Gold durch die hohen Fenster ihres Zimmers. Sie blinzelte gegen das Licht, benommen, ihr Körper noch immer in die Wärme des Bettes gedrückt. Lange Zeit bewegte sie sich nicht, lauschte einfach — dem ruhigen Rhythmus des Atmens, tief und stetig, rings um sie herum.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD