Kapitel 75

1191 Words
Merrick widersprach nicht — aber Rache war nicht das, was sie jetzt brauchte. Durch die Verbindung verschwammen ihre Gedanken — Angst, Wut, Hilflosigkeit. Aber darunter lag dieselbe unausgesprochene Wahrheit: Dies war ihre Gefährtin, ihre Luna, die vor ihnen zerbrach. Dieselbe Frau, die dem Tod getrotzt und sich der Unterwerfung verweigert hatte. Und jetzt kniete sie da, flüsterte Entschuldigungen an Geister, die keiner von ihnen sehen konnte. Merrick schluckte schwer, seine Stimme leise. „Sie hat Angst davor, dass wir sie so sehen.“ Lyon nickte langsam, sein Ton ruhig, aber bestimmt. „Wir zeigen ihr, dass sie sich nicht mehr verstecken muss.“ Merricks Augen wurden weicher. Er atmete scharf ein, der Duft ihres Kummers schnitt direkt durch ihn hindurch. Pagan machte einen einzigen Schritt nach vorn, Anspannung durchlief ihn wellenartig. „Wenn ich mich bewege, wird sie zusammenzucken.“ Sie warfen sich einen stummen Blick zu — ein Verständnis durch die Verbindung, der Instinkt, der immer vor einer Jagd oder einer Rettung kam. Aber das hier war keine Verfolgungsjagd. Es war etwas Zerbrechlicheres. Die drei begannen, die Distanz zu verringern — barfuß im Gras, Schritte vorsichtig und leise. Und Merricks Brust schmerzte bei jedem Zittern, das ihren Körper durchfuhr. Ihre Schluchzer waren jetzt leise, aber noch vorhanden, und durch die Verbindung konnte er den Schatten ihrer Gedanken spüren: Ich verdiene das nicht. Ich verdiene sie nicht. Es ließ seinen Wolf knurren. Er drängte es zurück und zwang Sanftheit in jeden Atemzug. Der Wald atmete. Oder vielleicht war sie es. Charise konnte den Unterschied nicht mehr erkennen. Ihre Brust hob und senkte sich, jeder Einatmer blieb auf halbem Weg stecken, als weigerte sich die Luft selbst, sie aufzunehmen. Die Welt schwamm in und aus dem Fokus — silberne Adern aus Licht pulsierten noch über den Boden wie Venen unter ihren Handflächen. Ihre Finger zitterten, wo sie sich in die Erde drückten. Zuerst hörte sie sie nicht. Sie musste nicht — sie spürte sie. Drei deutliche Verbindungen, die durch die Bindung zogen, jede scharf und lebendig gegen das Chaos in ihr. Merricks eiserne Stabilität. Lyons beherrschte Ruhe. Pagans wildes Herzfeuer. Sie waren nah — zu nah — und ihr Puls stockte vor Panik. Sie konnte nicht zulassen, dass sie sie so sahen. Nicht offen gebrochen. Nicht schwach. „Charise.“ Lyons Stimme — leise, vorsichtig — erreichte sie durch das Verschwimmen. Der Klang hüllte ihren Namen ein wie ein Balsam, hielt aber das Zittern nicht auf. Ihre Kehle schloss sich. „Nicht —“ Das Wort kam roh und erstickt heraus. „Bitte, einfach — nicht.“ Merricks Füße drückten sich sanft ins Gras. „Wir können nicht einfach zurückstehen und nichts tun?“ Sie antwortete nicht. Konnte nicht. Stattdessen kamen die Tränen stärker. Pagan fluchte leise — ein tiefes, gutturales Geräusch, das keine Wut enthielt, nur Hilflosigkeit. Lyon ging zuerst in die Hocke, langsam und bedacht, wie man sich einem verletzten Wesen nähern würde. Die Luft um ihn herum schimmerte leicht im sanften Puls seiner Magie — nicht genug, um einzudringen, gerade genug, um zu verankern. Als seine Hand sie erreichte, berührte er ihre Haut nicht sofort. Er legte seine Handfläche auf die Erde neben ihre, ließ ihre Energien durch die Nähe aufeinander abgestimmt werden. Die Bindung flatterte. Vorsichtig. Suchend. „Ganz ruhig, mein Licht“, murmelte er. „Atme mit mir.“ Sie schüttelte den Kopf, der Atem stockte, Haare fielen ihr ins Gesicht. „Ich — kann nicht —“ Merrick kniete sich als Nächstes hin. Seine Präsenz war schwerer, erdend wie Stein. „Lass uns das für dich tun.“ Seine Stimme war leise, trug aber Autorität — nicht den Befehlston des Alphas, sondern den Ton von jemandem, der bereit war, das Gewicht zu tragen, das sie nicht tragen konnte. Pagan folgte, still, aber zitternd vor zurückgehaltener Wut — nicht auf sie, sondern auf das Unsichtbare, das ihr wehtat. Er bewegte sich hinter sie, hockte sich nah genug, dass seine Körperwärme ihre Wirbelsäule berührte. Sein Duft — Kiefer und Rauch — hüllte sie ein, instinktiver Schutz. Zwischen ihnen verdichtete sich die Luft — die Fäden der Bindung überlappten sich, webten sich um sie herum, bis sie kaum noch unterscheiden konnte, wo sie endete und sie begannen. Die Anspannung in ihrer Brust brach. Ein Schluchzer riss aus ihr heraus. Dann noch einer. Lyons Hand berührte sie endlich — Fingerspitzen strichen über ihren Unterarm, leicht wie Luft. „Wir haben dich“, flüsterte er. „Du musst auch nicht gegen uns kämpfen.“ Ihr Wolf regte sich schwach in ihrer Brust. Siehst du? Sie sind für uns gekommen. Das werden sie immer tun. „Ich verdiene nicht —“ keuchte sie, ihre Stimme brach. „Ich verdiene nicht —“ Merricks Hand kam hoch, fest und sicher, umfasste die Seite ihres Halses — sein Daumen strich über ihren Puls. „Beende diesen Satz nicht“, sagte er, Stimme leise, dunkel vor Überzeugung. „Du verdienst es. Das hast du immer.“ Pagans Stimme grollte direkt hinter ihrem Ohr. „Du machst mir manchmal eine Höllenangst, kleiner Sturm. Aber das bedeutet nicht, dass ich jemals aufhören werde, zu dir zu kommen, wenn du wegläufst.“ Etwas in ihr gab nach. Ihre Schultern sackten herab. Ihre Hände zitterten stärker, bevor sie sich ins Gras krallten. Die Schluchzer wurden zu flachen Atemzügen, ihr Körper lehnte sich langsam — zuerst an Lyons Schulter, dann brach sie ganz gegen ihn zusammen. Lyon fing sie mühelos auf, legte einen Arm um ihren Rücken. Merricks Handfläche glitt an ihre andere Seite, stabilisierte sie. Pagans Wärme drückte sich dicht von hinten an sie und vervollständigte den Kreis. Der Wald hielt den Atem an. Lange Zeit sprach niemand — nur das leise Geräusch ihres Atems, der sich mit ihrem synchronisierte. Lyons Stimme durchbrach schließlich die Stille, sanfter, als sie sie je gehört hatte. „Sie ist erschöpft. Wir müssen sie nach Hause bringen.“ Merrick nickte, die Augen noch immer auf Charises Gesicht gerichtet. „Wir reden später. Nicht heute Nacht.“ Pagan beugte sich vor, strich eine verirrte Haarsträhne von ihrer Wange — die Bewegung untypisch zärtlich für ihn. „Sie glüht richtig“, murmelte er mit angespanntem Kiefer. „Ihre Magie?“ Lyon nickte. „Und das Adrenalin. Es wird vergehen.“ Merrick lehnte sich näher, seine Hand glitt unter ihre Knie, als er sie mühelos in seine Arme hob. Sie gab einen leisen Laut von sich — nicht ganz Protest, nicht ganz Kapitulation — und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. „Schhh.“ Seine Stimme war kaum hörbar. „Du bist in Sicherheit.“ Die anderen beiden schlossen sich ihm an, als sie den Rückweg antraten. Der Wald war jetzt still — kein Wind, kein Laut von Nachtvögeln. Nur der weiche Rhythmus ihrer Schritte und das anhaltende Summen der Bindung, die sich Faden für Faden wieder zusammenfügte. Durch sie hindurch kam, schwach und unstet, ein Flüstern, das nicht laut ausgesprochen wurde — ihre Stimme in der Verbindung, zerbrechlich wie Atem: Es tut mir leid. Lyon antwortete zuerst, sein Ton ein sanfter Widerhall in ihrem Geist. Das musst du nicht. Pagan folgte, fest und beschützend. Lauf nur nie wieder vor uns weg.
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