Kapitel 74

1228 Words
Tränen verschleierten ihre Sicht. Sie grub ihre Hände in die Erde, zitternd. „Dies—“ Ihre Stimme brach. „Dies ist alles falsch.“ Die Erkenntnis, die sie durchfahren hatte, bevor sie weggelaufen war — die Bruchstücke von Erinnerung und Wut — verdrehten sich erneut, diesmal schärfer. „Er hat ihn getötet“, flüsterte sie, mit brechender Stimme. „Darius hat sie hereingelassen.“ Ihr Herz zog sich zusammen, als das Gesicht ihres Vaters hinter ihren Augen aufblitzte. Schnee. Blut. Das letzte Mal, als sie ihn lebend gesehen hatte. Ihre Magie pulsierte, wild und ungebunden, das silberne Leuchten kroch in ihre Sicht. „Hör auf“, flüsterte sie sich selbst zu, aber es war kein Befehl, dem ihre Magie gehorchte. Sie zog. Hart. Und der Wald verschwand. ** Die Welt formte sich um sie herum neu — nicht die Kälte der Nacht, sondern ein weiches goldenes Licht. Der Duft von Kiefern und Herdrauch. Ein Zuhause. Ihr Zuhause. Sie stand am Rand der Vision, barfuß, ihre Hand zitterte, als sie sie ausstreckte. Drinnen sprachen ihre Eltern — nicht streitend, noch nicht, aber Anspannung lag in der Luft wie ein unausgesprochenes Gewitter. Die Stimme ihres Vaters — Elias — tief und fest, aber durchzogen von Wut. Ihre Mutter — Evelyn — war ruhig, obwohl ihre Hände den Stoff ihres Rocks zwirbelten. „Sie ist zu jung“, sagte Evelyn leise. „Er stellt schon Fragen. Du weißt, was das bedeutet.“ „Ich weiß genau, was es bedeutet“, schnappte Elias und schritt durch den kleinen Raum. Seine Augen huschten zum Fenster, wo feiner Schnee herabrieselte. „Es bedeutet, dass er verzweifelt wird. Er gibt sich nicht mehr mit seinem Rang zufrieden. Er will mehr. Und er wird jeden benutzen, um es zu bekommen — sogar sie.“ Evelyns Atem stockte. „Du denkst, er würde —“ „Ich weiß, dass er es würde“, unterbrach Elias. Sein Kiefer spannte sich an. „Darius hat schon immer geglaubt, die Göttin schulde ihm etwas. Macht, Respekt, ein Vermächtnis. Er wird alles Heilige verdrehen, um es zu bekommen.“ Evelyn sank in einen Stuhl, Tränen liefen über ihre Wangen. „Es ist meine Schuld. Ich habe ihn in dieses Haus gebracht. Ich habe ihm vertraut.“ Elias kniete sich vor sie, seine Hände schlossen sich um ihre. „Nein. Wage es nicht, das auf dich zu nehmen. Er hat seine eigenen Entscheidungen getroffen. Du hast ihm Güte geschenkt — er hat sie in Ehrgeiz verwandelt.“ „Aber er weiß es“, flüsterte sie. „Er weiß, was sie ist. Was sie in sich trägt.“ Elias’ Gesicht verhärtete sich, der Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Dann muss er zuerst an mir vorbei.“ „Elias —“ „Nein.“ Seine Stimme erhob sich, scharf, aber zitternd. „Ich werde ihn nicht in ihre Nähe lassen. Er denkt, er kann mit höheren Mächten handeln? Soll er es versuchen. Ich werde den Boden niederbrennen, bevor ich ihn sie berühren lasse.“ Evelyn schluchzte leise und lehnte sich an seine Brust. „Sie ist unser Geschenk“, flüsterte sie. „Unser Segen.“ „Und ich werde sie beschützen“, murmelte Elias in ihr Haar. „Euch beide. Was auch immer nötig ist.“ Die Luft schimmerte leicht — silbernes Licht glitzerte an den Rändern ihrer Gestalten, als kämpfe die Vision selbst darum, sich zu halten. Charises Kehle schmerzte. Sie wollte die Hand ausstrecken, ihnen sagen, dass sie da war. Versprechen, dass sie den Kampf wert gewesen war. Aber die Szene zerbrach, die Stimmen zerfielen in Echos — Darius… Pläne… Macht… beschütze sie… Das Licht zersplitterte. ** Charise fiel mit einem heftigen Keuchen zurück in ihren Körper, ihre Handflächen schlugen auf den Boden. Ihre Brust hob und senkte sich in flachen, schnellen Stößen. Der Wald schwankte um sie herum, Schatten zitterten. Sie weinte, bevor sie es merkte — zitternd, mit stockendem Atem, silberne Flackern brannten noch in ihren Augen. Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Schädel wider — Ich werde sie beschützen. Was auch immer nötig ist. „Warum hast du es nicht getan?“, flüsterte sie gebrochen. Die einzige Antwort war das Flüstern des Windes durch die Bäume — und das schwächste Ziehen der Verbindung, ihre Alphas, die sich näherten. Die Waldluft knisterte silbern. Merrick war der Erste, der sie witterte — scharf durch die Nacht, verflochten mit Magie und Angst. Sein Wolf drängte gegen seine Kontrolle, verlangte, schneller zu laufen, aber Merrick bewegte sich bereits in brutalem Tempo. Äste kratzten über seine Schultern, sein Herz hämmerte gegen das Echo ihrer Panik durch die Verbindung. Merrick (Gedankenverbindung): Sie ist nah. Ich kann es spüren — Nordkamm, gleich hinter der Lichtung. Lyon: Ihre Magie ist instabil. Seid bereit für einen Rückschlag. Pagan’s Knurren hallte durch die Verbindung, kurz und rau. Es ist mir egal, ob es mich verbrennt. Die Luft verschob sich erneut — eine unnatürliche Stille legte sich über die Bäume. Die Art von Stille, die kurz vor einem Sturm kommt. Merrick verlangsamte, als er durch die Baumlinie brach, das Mondlicht ergoss sich über die Lichtung, und er erstarrte. Charise war dort. Auf den Knien. Nackte Haut gestreift mit Schmutz und Tränen, Haare verfilzt, Körper zitternd. Ihre Arme waren um ihre Mitte geschlungen, als hielte sie sich selbst zusammen. Die Erde unter ihr schimmerte schwach mit restlichem Licht — Fäden silberner Magie pulsierten durch den Boden, verblassten in langsamen Wellen. Ihre Augen leuchteten noch schwach, aber die Farbe verblasste — Silber wich zurück zu Grün, während ihr Atem stockte. Lyon und Pagan erschienen Sekunden später, still, aber angespannt, das Gewicht des Anblicks traf alle drei gleichzeitig. Sie verwandelten sich, und für einen langen Moment bewegte sich niemand. Merricks Kehle zog sich zusammen, jeder Instinkt schrie danach, nach ihr zu greifen — aber die nachwirkende Ladung ihrer Magie prickelte wie Statik auf seiner Haut. Der Boden summte noch vor Energie. Wenn sie jetzt auf sie zustürmten, könnte es einen weiteren Ausbruch auslösen. Lyons Hand streifte seinen Arm — ruhig, erdend. „Warte“, murmelte er. „Sie kommt herunter.“ Merrick presste den Kiefer zusammen, sein Wolf schritt unter der Oberfläche auf und ab. „Sie zerbricht, Lyon.“ „Ich weiß.“ Durch die Verbindung war der Sturm der Emotionen Chaos — Angst, Schuld, Schmerz, Scham. Es war, als stünde man zu nah an einer offenen Wunde. Pagans Brust hob und senkte sich schwer neben ihnen, sein sonst undurchdringliches Gesicht flackerte vor Wut, die nicht gegen sie gerichtet war. „Sie hat das viel zu lange in sich hineingefressen“, sagte er leise. „Kein Wunder, dass sie ausgerastet ist.“ Merrick antwortete nicht. Sein Blick war fest auf Charise gerichtet. Die trotzige Kämpferin, die ihnen bei jeder Gelegenheit die Stirn geboten hatte, war verschwunden. Das hier war etwas ganz anderes — etwas Rohes und Menschliches. Er konnte spüren, wie ihre Magie abebbte, ihr Puls unregelmäßig, aber sich stabilisierend. Und darunter der Faden ihrer Verbindung — dünn, aber lebendig, angespannt, als wollte er sie zurück zu ihnen ziehen. Lyon neigte den Kopf, die Augen leicht verengt. „Sie verletzt sich selbst dadurch. Was auch immer sie gesehen hat — es war nicht nur eine Erinnerung.“ Merricks Blick verdunkelte sich. „Es war er. Darius.“ Pagans Ausdruck verhärtete sich. „Ich will seinen verdammten Kopf.“
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