Kapitel 73

1200 Words
Das Geräusch, mit dem ihre Tür verriegelt wurde, traf härter als jeder zugeknallte Streit es gekonnt hätte. Sie saßen noch lange am Tisch, nachdem sie gegangen war – die Luft d**k vom Gewicht all dessen, was unausgesprochen blieb. Ihr Duft hing noch schwach in der Luft, durchzogen von Unruhe und der scharfen Kante der Frustration. Merrick war der Erste, der sich bewegte, atmete durch die Nase aus, den Blick auf den Flur gerichtet. „Das ist nicht so gelaufen, wie ich gedacht hatte.“ Pagan schnaubte leise und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ach wirklich?“ Merricks Kiefer spannte sich an. Er hatte das Zittern in ihrer Stimme nicht überhört, die Art, wie sie ihnen am Ende nicht in die Augen sehen konnte. „Wir haben zu sehr gedrängt.“ Lyon blickte auf ihren unberührten Teller, die Gabel noch am Rand liegend. „Nein“, sagte er leise. „Wir haben sie in die Ecke gedrängt.“ Die Stille dehnte sich erneut zwischen ihnen. Merrick spürte es in seiner Brust – den hohlen Raum, den sie hinterlassen hatte, als sie wegging. „Sie ist hier, was, ein paar Wochen?“, fuhr Lyon fort. „Lange genug, um sich eingesperrt zu fühlen, nicht lange genug, um sich zugehörig zu fühlen.“ „Sie ist nicht eingesperrt“, fuhr Pagan ihn an. Aber selbst er klang nicht überzeugt. Merrick lehnte sich nach vorn, die Ellbogen auf dem Tisch abgestützt. „Pagan, sie hat den Großteil ihres Lebens an Orten verbracht, die sie dafür gebrochen haben, was sie ist. Und jetzt haben wir sie von Wachen umgeben, auf einem Anwesen eingeschlossen und behandeln sie, als könnte sie zerbrechen, wenn sie falsch atmet.“ Pagan rieb sich mit einer Hand übers Gesicht und seufzte. „Wir versuchen, sie am Leben zu halten.“ „So sieht sie es nicht“, sagte Lyon. „Sie sieht Kontrolle. Grenzen. Dieselbe Art, die sie immer hatte.“ Merricks Kehle zog sich zusammen. Er konnte ihre Stimme von vorhin noch hören – leise, aber schneidend: Warum bin ich hier, wenn ihr mich einfach wegsperren wollt? „Sie denkt, wir schämen uns für sie“, sagte er schließlich, die Worte schmeckten bitter. Lyon nickte einmal. „Dass sie nur wegen der Verbindung hier ist – nicht weil wir sie wollen.“ „Sie denkt, wir haben sie nicht gewählt.“ Merricks Stimme war jetzt leiser. „Dass es erzwungen war.“ Dieser Gedanke verdrehte etwas in allen dreien. Pagan schaute weg und starrte zum Fenster. „Zur Hölle, vielleicht hat sie recht“, murmelte er. „Wir haben einen verdammt schlechten Job gemacht, ihr das Gegenteil zu zeigen.“ Merrick warf ihm einen Blick zu, aber darin lag kein Zorn – nur Bedauern. „Wir wussten nicht wie. Sie ist… sie ist nicht wie irgendjemand, den wir je beschützen mussten.“ Lyons Hand ballte sich zur Faust. „Sie hat panische Angst davor, gewollt zu werden. Und wir beweisen ihr immer wieder, dass sie recht hat, Angst zu haben.“ Für einen langen Moment sprach niemand. Das einzige Geräusch war das schwache Heulen des Windes draußen, das leise Klirren eines Glases, als Merrick es beiseitestellte. Dann, ohne Vorwarnung, veränderte sich die Luft. Zuerst war es schwach – ein Wellen durch die Verbindung –, dann scharf, roh. Panik. Schmerz. Merricks Kopf ruckte hoch. „Spürt ihr das?“ Lyon stand bereits, die Augen leuchteten schwach golden. „Sie – irgendetwas stimmt nicht.“ Pagans Stuhl kippte um, als er ihn zurückstieß. Sie zögerten nicht. Merrick führte sie an, der Zug ihrer Emotionen wie ein Draht, der sich um seine Lunge spannte. Angst, Erstickung, etwas, das in ihr aufbrach. Pagans Stimme. „Charise? Mach die Tür auf.“ Seine Hand drehte den Knauf, aber der Riegel war fest verschlossen. Nichts. „Charise“, rief Lyon, seine Stimme leise, aber dringlich. Die Verbindung pulsierte erneut – ein Aufblitzen ihrer Magie, die in Panik hochschoss. Pagan wartete nicht. „Weg da.“ Er stemmte die Schulter dagegen und rammte gegen das Holz. Einmal. Zweimal. Der Rahmen splitterte, und das Schloss gab mit einem scharfen Knacken nach. Das Zimmer war leer. Die Balkontür stand offen, die Vorhänge peitschten im kalten Wind. Ein Haufen zerrissener Kleidung lag verstreut auf dem Boden – schwache Spuren von silbernem Licht hingen noch am Stoff. „Sie hat sich verwandelt“, hauchte Lyon und trat vor. „Vor Kurzem.“ Merricks Blick huschte zum Wald jenseits des Balkons, der Duft von Pinie und Schnee vermischt mit der verblassenden Spur ihrer Magie. Sein Puls stolperte. „Sie ist in Panik geraten“, sagte er leise. „Und sie ist gerannt.“ Pagan knurrte leise und scannte die Baumlinie. „Wir müssen sie finden, bevor sie zu weit kommt.“ Lyons Augen wurden einen Moment unfokussiert, seine Brust hob sich scharf. „Sie hat Angst. Irgendetwas hat sie ausgelöst. Sie kann nicht atmen.“ Merrick trat auf den Balkon, das Mondlicht färbte seine Augen silbern. „Dann los. Jetzt.“ Ohne ein weiteres Wort verwandelten sich die drei – Kleidung riss, Knochen schnappten in Bewegung, dunkles Fell und Muskeln nahmen Form an. Drei Wölfe sprangen in die Nacht, folgten dem schwachen, zitternden Faden ihres Dufts – die Verbindung zwischen ihnen brannte wie ein unter Strom stehender Draht und zog sie zum verängstigten Herzen ihrer Gefährtin. Äste peitschten an ihren Flanken entlang, als sie rannte, ihre Pfoten schlugen im wilden Rhythmus auf kalte Erde – schnell, schneller, bis die Luft selbst durch ihre Brust zu reißen schien. Der Wald verschwamm. Die Verbindung brannte hinter ihren Rippen, ein Puls aus Klang und Magie, der sie nicht loslassen wollte. Renn. Atme. Einfach atmen. Aber je weiter sie rannte, desto schwerer wurde es – das Echo ihres Namens durch die Verbindung, Merricks tiefes Knurren der Sorge, Lyons stetiger Zug der Ruhe, Pagans Frustration wie statisches Rauschen. All das drängte näher. Ihr Geist schrie nein. Sie drückte härter, Pfoten donnerten über Moos und Wurzeln, Lungen brannten, die Welt verengte sich auf Mondlicht und Schatten – bis die Stimme ihres Wolfs durchbrach, klar und unnachgiebig. „Genug.“ Charise stolperte, Krallen verfingen sich an einem Stein. Ihr Körper zitterte, die Brust hob und senkte sich schwer. Genug? „Du kannst davor nicht wegrennen.“ Der Ton ihres Wolfs war nicht grausam – er war schwer von etwas anderem. Trauer. Verständnis. Charise wurde langsamer, ihr Schritt stockte. Ihre Pfoten sanken in feuchte Erde. Die kalte Luft brannte in ihrer Kehle. „Ich kann nicht –“ ihre Gedanken stotterten. Ich kann nicht atmen. Ich kann nicht bleiben. „Du rennst nicht vor ihnen weg. Du rennst vor dem weg, was in dir ist.“ Die Worte trafen härter als der Wind. Ihre Brust zog sich zusammen. Die Nacht drückte sich um sie – der Wald zu still, zu reglos. Die Magie in ihren Adern begann erneut zu summen, elektrisch und erstickend. Und dann verwandelte sie sich zurück. Die Verwandlung kam in einem Schwall – Fell zu Haut, Krallen zu Fingern, ihr Atem zersplitterte, als sie auf die Knie in den Dreck fiel. Ihr Körper zitterte von der Verwandlung, die kalte Luft biss in die schweißfeuchte Haut.
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