Kapitel 72

1253 Words
Merricks Gesichtsausdruck verschloss sich. Pagan schaute weg. Lyon atmete aus – lang und langsam, die Augen für einen halben Moment geschlossen, als versuchte er, zurückzuhalten, was er sagen wollte. Charise spürte die Schuld einen Herzschlag später. Der Tadel ihres Wolfs kam sofort. Du verletzt sie. „Ich weiß“, flüsterte sie, zu leise, als dass jemand anderes es hören konnte. Ihre Kehle brannte. „Götter, ich weiß.“ „Verdammt.“ Sie fluchte, warf ihre Serviette auf den Teller, stützte die Ellbogen auf den Tisch und ließ den Kopf in ihre Hände sinken, bevor sie tief einatmete. Sie fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, schüttelte den Kopf und stand abrupt auf. „Das hätte ich nicht sagen sollen.“ Merrick begann aufzustehen, doch sie hob eine Hand und hielt ihn auf. „Nicht. Ich… Nicht jetzt.“ „Charise“, rief Lyon leise. Sie schluckte schwer und vermied es, ihnen in die Augen zu sehen. Keiner von ihnen bewegte sich, als sie sich abwandte. Das Geräusch ihrer Schritte verhallte den Korridor hinunter – leise, ungleichmäßig. Dann kam das leise Klicken ihrer Tür, die sich schloss, gefolgt von dem schwachen, endgültigen Geräusch des Schlosses, das einrastete. Durch die Verbindung blieb die Anspannung bestehen – Schuld, Frustration, Sehnsucht –, alles ineinander verschlungen. Aber darunter gab es immer noch einen stetigen Faden, schwach, aber ungebrochen. Merrick spürte es zuerst. Dann Pagan, dann Lyon. Selbst hinter ihrer verschlossenen Tür war sie noch da. Und das musste für den Moment reichen. Die Tür klickte hinter ihr mit harter Endgültigkeit zu. Sie drehte den Schlüssel, bevor sie es sich ausreden konnte, die Brust hob und senkte sich schwer, die Kehle brannte. Die Stille, die folgte, war zu still – zu bewusst. Die Verbindung pulsierte schwach am Rande ihres Geistes, ein Herzschlag, der nicht ihrer war. Drei von ihnen. Immer da. Immer greifend. „Brillant“, murmelte sie und drückte die Handflächen in ihre Augen. „Perfekt gehandhabt, Charise.“ Die Stimme ihres Wolfs kam, tief und mit Enttäuschung gefärbt. Du hast sie verletzt. „Ich weiß.“ Sie sog scharf die Luft ein und lief auf und ab. „Ich weiß, okay? Ich habe nur…“ Ihre Finger gruben sich in ihre Haare. „Ich weiß nicht, wie ich sein soll, was sie brauchen. Ich weiß kaum, wie ich existieren soll, ohne etwas zu zerbrechen.“ Du sorgst dich um sie, sagte ihr Wolf leise. Du wärst nicht wütend, wenn du es nicht tätest. Charises Brust zog sich zusammen. „Das ist das Problem“, flüsterte sie. „Ich sorge mich. Und jedes Mal, wenn ich sorge, verliere ich jemanden. Oder sie gehen. Oder ich ruiniere es.“ Sie stieß ein bitteres Lachen aus, das in der Mitte brach. „Sie verdienen etwas Besseres als das. Etwas Besseres als mich.“ Ihr Wolf schnaubte, der Laut fast zärtlich. Sie haben dich gewählt. „Haben sie das?“, fuhr sie ihn an und drehte sich zum Fenster, wo Mondlicht in dünnen Bändern hereinfiel. „Oder hat die Verbindung für sie gewählt?“ – Sie gestikulierte zu ihrer Brust. Ihr Spiegelbild im Fenster schaute zurück – wilde Augen, Silberfäden durch das Grün, zerzaustes Haar, Wangen gerötet, weil sie zu viel in sich hineingehalten hatte. Eine Fremde. Ein Fluch. Der Gedanke landete hart in ihrem Bauch. Für einen Moment stand sie still und atmete zu schnell. Die Luft im Zimmer wurde dicker, das schwache Summen ihrer Magie stieg auf wie statische Elektrizität. „Warum ich?“, flüsterte sie. „Warum zur Hölle hat sie ausgerechnet mich für sie ausgewählt?“ Ihr Wolf regte sich unruhig. Du gerätst schon wieder in eine Spirale. „Ich bin wütend“, stieß sie hervor. „Auf sie. Auf mich. Auf sie.“ Ihre Hände zitterten. „Auf alles. Ich habe das nicht verlangt. Ich habe nicht verlangt, alles zu fühlen und trotzdem panische Angst zu haben, danach zu greifen.“ Und doch willst du es. Ihre Kehle zog sich zusammen. „Ich kann nicht.“ Du kannst. „Ich kann nicht“, schrie sie, und der Laut zerriss die Stille. Magie erzitterte in der Luft und verzerrte die Kerzenflammen auf ihrer Kommode. Sie presste eine zitternde Hand gegen ihr Brustbein, ihr Puls raste unkontrolliert. „Ich verdiene sie nicht“, flüsterte sie. „Ich verdiene nichts davon.“ Ihr Wolf verstummte. Das einzige Geräusch war der schnelle, flache Rhythmus ihres Atems. Darius. Sein Name schlug wie eine Klinge in ihren Geist und zog alten Zorn mit sich. „Er hat das getan“, zischte sie. „Er ist der Grund, warum ich nicht vertrauen kann. Der Grund, warum ich nicht weiß, was echt ist.“ Ihre Stimme brach. „Er hat mich glauben lassen, Fürsorge bedeutet Kontrolle. Dass Liebe eine Waffe ist.“ Die Luft veränderte sich – jetzt dicker, schwerer. Der schwache Sog der Erinnerung regte sich hinter ihren Augen. Seine Stimme, schwach und spöttisch, sickerte von jenem Tag vor dem Hinterhalt durch. Kontrolle ist notwendig, wenn jemand nicht weiß, was das Beste für ihn ist… Nichts davon würde passieren, wenn du sie nicht hierhergerufen hättest. Ihr Herz stolperte. Die Szene flackerte in ihrem Geist auf: der Telefonanruf, sein ruhiger Ton, die Unruhe, die sie ignoriert hatte. Dann – Schnee. Die Erinnerung an das Lachen ihres Vaters hallte über dem Knirschen des Frosts wider. Der Geruch von Blut. Die Abtrünnigen. Der Schrei ihres Vaters. Ihr Körper wurde starr, die Erinnerung zog sie hinab. Darius hat sie hereingelassen. Ihre Knie schlugen auf den Boden, als die Wahrheit sie traf. „Er…“ Ihr Atem stockte, ihre Brust zog sich zusammen. „Er hat ihn getötet.“ Die Worte kamen als Keuchen heraus, erstickt und roh. „Er hat meinen Vater getötet.“ Ihre Magie brandete unkontrolliert auf. Die Luft knackte und ließ die Fensterscheiben klirren. Ihr Wolf versuchte, sie zu beruhigen, aber die Panik stieg bereits zu hoch. Charise, atme. Sie konnte nicht. Die Verbindung flammte in Panik auf – Merricks scharfe Konzentration, Pagans Wut, Lyons Ruhe, die an den Rändern brach. Sie konnte spüren, wie sie sich zu ihrer Tür bewegten. „Nein“, flüsterte sie und krabbelte rückwärts. Sie konnte sie nicht so sehen. Konnte nicht zulassen, dass sie das Chaos berührten, das sie nur noch an Fäden zusammenhielt. Die Klinke ratterte. Pagans Stimme. „Charise? Mach die Tür auf.“ Ihr Puls dröhnte in ihren Ohren. Die Wände fühlten sich zu nah an. Die Magie ist zu laut. „Charise.“ Lyons Klopfen war fest, aber vorsichtig. Ihre Sicht verschwamm an den Rändern, die Luft zu dünn. Sie stolperte zum Balkon, verzweifelt nach Luft. Die Verbindung zog stärker, versuchte sie zu verankern. Sie stieß dagegen und rang nach Atem. Das Schloss klickte. Sie riss die Tür auf, kalte Luft strömte herein. Mondlicht traf auf ihre Haut. Die Verwandlung riss in einem Schimmer aus silbernem Licht durch sie hindurch – Knochen formten sich neu, Muskeln dehnten sich, Fell brach entlang ihrer Arme hervor. Die Welt wurde schärfer. Hinter ihr drehte sich die Türklinke erneut, das Geräusch von Holz, das unter Pagans Schulter splitterte. Sie wartete nicht. Ein Schritt. Zwei. Dann sprang sie. Die Nacht verschluckte sie ganz. Silbernes Fell zog als Streifen durch die Dunkelheit, als sie auf dem Boden aufkam und rannte, die kalte Luft schnitt durch ihre Panik. Das Anwesen verschwand hinter ihr, während der Wald vor ihr aufragte – Äste bogen sich, Schatten zogen sie hinein. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft konnte die Verbindung nicht mithalten.
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