Die Wärme des Wolfs pulsierte gegen ihre Gedanken. Das ist anders. Sie haben keine Angst vor dem, was du bist. Sie haben sich bereits für dich entschieden.
Sie blieb stehen. Die Worte trafen hart und zogen etwas in ihrer Brust straff. Für mich entschieden?
Ihr Puls stolperte. „Oder hat die Verbindung für sie entschieden?“, flüsterte sie, ihr Blick huschte zum sonnenbeschienenen Boden. „Wenn es die Verbindung nicht gegeben hätte – wenn ich einfach nur ich gewesen wäre – würden sie dann immer noch…“ Ihre Kehle zog sich zusammen. „…würde ich dann immer noch hier stehen?“
Für einen Moment war ihr Wolf still. Dann kam ein sanfteres, fast trauriges Flüstern. Spielt das eine Rolle, Kleine? Sie wählen dich jetzt. Immer wieder. Jedes Mal, wenn du hier aufwachst. Jedes Mal, wenn sie nach dir greifen, statt sich abzuwenden.
Charise drückte eine Hand auf ihre Brust und atmete zittrig aus. „Vielleicht“, gab sie zu. „Aber ich weiß nicht, wie ich daran glauben soll.“
Die Präsenz des Wolfs blieb – stetig, geduldig, weigerte sich zurückzuweichen. Dann glaub noch nicht. Fühl einfach. Lass dich zurückgreifen. Du musst nicht alles auf einmal entscheiden.
Sie atmete langsam ein und ließ diesen Gedanken sich setzen. Der Duft von Zedernholz und Rauch strich schwach durch die Luft – Merricks nachklingende Spur im Konferenzraum, an dem sie gerade vorbeigegangen war –, und entlockte ihr trotz allem ein schwaches Lächeln. Vielleicht war es das, was ihr Wolf meinte. Fühlen. Nicht jede kleine Verbindung aus Angst bekämpfen, dass sie sie vergiften würde.
Ihre Gedanken drifteten zu Mareck, dem Beta, und wie leicht er gelächelt hatte, als sie an diesem Morgen in den Besprechungsraum gestolpert war und sich für die Unterbrechung entschuldigt hatte. Er hatte sie nicht wie eine Fremde oder eine Bedrohung behandelt. Einfach wie eine Person, die hierhergehörte – vielleicht sogar wie jemanden, der eine Rolle spielte. Seine lockeren Worte hallten jetzt in ihr nach: Sie sind anders in deiner Nähe. Weicher. Weniger unmöglich.
Die Stimme ihres Wolfs schnurrte leise als Antwort auf die Erinnerung. Siehst du? Du bist nicht der Fluch, für den du dich hältst. Du bist die Ruhe nach ihrem Sturm.
Charises Finger strichen über den Rand des Türrahmens, als sie vorbeiging, das alte Holz warm unter ihrer Haut. „Vielleicht…“ ihre Gedanken drifteten unsicher… unentschlossen…
Das Abendessen war kalt geworden, bevor es jemand bemerkte.
Der Tisch erstreckte sich lang und schwer zwischen ihnen, Kerzenlicht sammelte sich in ruhigem Gold entlang des Holzes. Charise saß nahe am Ende, ihr Teller halb angerührt, ihre Gabel zog müßige Linien durch das Essen, das sie nicht gekostet hatte. Gegenüber von ihr füllte Lyons Stimme die stille Luft – ruhig, gemessen –, aber sie hörte ihn eigentlich nicht richtig.
Sie konnte sie durch die Verbindung spüren.
Die Art, wie Merricks stetige Geduld einen Unterton von Frustration trug. Der sanfte Druck von Pagans Sorge, der wie Hitze unter ihren Rippen flackerte. Lyons ruhige Wachsamkeit, eine Flut gerade außer Reichweite.
Und trotzdem konnte sie nicht zurückgreifen. Nicht heute Abend.
Der Tag war lang und eintönig gewesen – zu still, zu strukturiert. Sie hatte den Großteil davon damit verbracht, durch die Flure zu wandern, ihr Geist kreiste um dieselbe Frage, bis sie Löcher in ihre Ruhe nagte.
Wofür war sie hier?
Um zu heilen? Um zu dienen? Um einfach unter ihrer Aufsicht zu existieren?
Ihr Wolf regte sich schwach und versuchte, die Spirale zu durchbrechen.
Tu das nicht schon wieder, Charise.
Sie presste den Kiefer zusammen.
Pagan blickte von seinem Drink auf, die Bewegung zog die Aufmerksamkeit der anderen auf sich. „Du warst heute Abend sehr still.“
Charise blickte nicht auf. „Nur müde.“
Merricks Stimme folgte, tief und bedächtig. „Müde oder vermeidest du etwas?“
Ihre Gabel hielt mitten in der Bewegung inne. „Zergliedert ihr immer die Gespräche beim Abendessen?“
Lyon lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Arme locker verschränkt. „Nicht immer. Nur wenn die Verbindung summt, als wollte sie uns warnen.“
Das entlockte ihr ein schwaches Schnauben – humorlos und erschöpft. „Die Verbindung muss euch nichts sagen. Mir geht’s gut.“
Durch die Verbindung zwischen ihnen kam das Flackern von Unglauben – scharf, fast synchron. Sie verdrehte die Augen und schob den Teller weg. „Wirklich tröstlich, dass ihr alle dasselbe Talent für Überreaktion habt.“
Merricks Braue hob sich, die ruhige Autorität in seinem Ton war sanft, aber unerschütterlich. „Verzeih uns, wenn wir das im Moment nicht so sehen.“
Etwas in ihrer Brust zog sich schmerzhaft zusammen. „Warum nicht?“
Sein Blick traf ihren gleichmäßig. „Weil wir dich in der kurzen Zeit, die wir dich kennen, bereits einmal fast verloren haben. Dieses Gefühl verblasst nicht über Nacht.“
Die Worte trafen härter, als sie zugeben wollte. Sie blickte nach unten, ihre Finger krallten sich gegen den Tisch. Die Stille dehnte sich – d**k und erstickend –, bevor sie schließlich ausatmete und die Beherrschung in ihrer Stimme zu brechen begann.
„Warum habt ihr mich hierhergebracht?“
Drei Augenpaare richteten sich auf sie.
„Wenn ich heilen, trainieren oder das sein soll, was die Göttin angeblich von mir will, gut. Aber behaltet mich nicht—“ sie gestikulierte scharf, die Frustration sickerte heraus — „haltet mich nicht eingesperrt wie etwas Zerbrechliches oder Gefährliches. Mein ganzes Leben war ein Käfig. Jede Regel, jede Berührung überwacht. Ich kann nicht – ich werde nicht wieder so leben.“
Lyon lehnte sich nach vorn, die Stimme leise, aber stetig. „Du bist hier keine Gefangene.“
„Warum fühle ich mich dann so?“ Ihre Stimme zitterte jetzt – nicht vor Wut, sondern vor dem scharfen Schmerz darunter. „Ihr sprecht von Sicherheit wie von einer Art Gnade. Aber ich habe einen Käfig verlassen, nur um einen anderen zu finden—“ ihr Blick hob sich, traf Merricks, roh und suchend — „schämt ihr euch, dass ich hier bin? Dass ich irgendein verkorkster Hybrid bin, den die Verbindung euch wegen einer Prophezeiung aufgezwungen hat, die keiner von uns versteht?“
Die Stille fiel so schwer, dass sie sich wie Schwerkraft anfühlte.
Merricks Kiefer spannte sich an, aber er sah nicht weg. Pagans Hand zuckte, als wollte er nach ihr greifen, wagte es aber nicht. Lyons Augen wurden zuerst weich – nicht aus Mitleid, sondern aus Schmerz.
„Charise“, sagte Merrick schließlich, die Stimme tief und rau. „Du bist kein Fehler.“
„Warum fühlt es sich dann an, als würde ich mich dafür entschuldigen, dass ich existiere?“
Die Stimme ihres Wolfs erhob sich scharf in ihrem Geist und schnitt durch den Lärm.
Genug, Charise. Sie sind nicht deine Feinde.
Aber es war zu spät – die Worte sprudelten bereits heraus, scharfkantig und schwer. „Ihr sagt, ihr wollt mich beschützen, aber es ist immer auf eure Weise. Eure Grenzen. Eure Mauern. Sagt mir, was das für eine Freiheit ist.“
„Freiheit“, sagte Pagan leise, „bedeutet nicht unbewacht.“
Sie lachte – brüchig, an den Rändern zerbrochen. „Dann habe ich mich vielleicht geirrt. Vielleicht bin ich gar nicht dazu bestimmt, frei zu sein.“
Die Worte trafen den Tisch wie Steine.