Kapitel 70

1205 Words
Charise neigte den Kopf, ein spielerisches Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Oh, das würde mir nicht im Traum einfallen… Aber du solltest deine Wache vielleicht mit jemand anderem teilen. Ich habe gehört, Merrick ist sehr geduldig.“ Merricks ruhige Stimme drang vom Fenster herüber, ein leises Lachen unter seinen Worten. „Geduldig genug. Das wirst du brauchen, wenn du sie weiterhin so lange wach hältst.“ Lyons Lippen zuckten, als er sich leicht nach vorn lehnte und eine lose Haarsträhne von ihrer Schulter strich. „Ich bürge für sie. Sie ist auf die beste Weise erschöpfend.“ Seine Hand schwebte erneut nahe ihrer, ohne sie zu berühren, doch die Verbindung summte vor Zustimmung und Beruhigung und wärmte ihre Haut wie ein sanfter Strom. Charise ließ sich zurück in die Kissen sinken und spürte das Gewicht von ihnen um sich herum – drei Alphas anwesend, aufmerksam, mit ihr verbunden, die sie sich sowohl wertgeschätzt als auch beschützt fühlen ließen, ohne zu drängen oder sie einzuengen. Ihr Wolf seufzte, versank in der Wärme, und sie atmete mit ihm aus, die Anspannung gab endlich nach. Pagan verlagerte sich neben ihr, vorsichtig, seine Hand strich über ihr Kreuz, als wollte er prüfen, ob sie noch da war. Lyons sanfter Puls von Magie summte leise durch die Verbindung, ein tröstender Faden, während Merricks Präsenz, ruhig und befehlend selbst am Rand des Zimmers, sich wie ein stilles Versprechen um sie legte. Die Erschöpfung holte sie schließlich ein, aber nicht, bevor sie die Fäden spürte – den subtilen Puls aller drei um sie herum, die beschützenden Anker ihrer Präsenz, die Verbindung, die leise vor Zustimmung und Wärme summte. Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte Charise sich, vollständig abzudriften, ließ das Summen der Tri-Alpha-Verbindung sie wiegen, während sie in den Schlaf glitt, sicher, verbunden und ohne Angst. Charise bewegte sich mit einer ruhigen Selbstsicherheit durch das Anwesen, die sie erst in den letzten Wochen zu spüren begonnen hatte. Die Abläufe des Haushalts waren ihr vertraut geworden, vorhersehbar, ohne erdrückend zu wirken. Sonnenlicht fiel in warmen Schrägen über die polierten Böden, Staubkörnchen tanzten träge im morgendlichen Schein. Sie richtete ihre Bluse und ihren Rock, genoss die Freiheit, sich zu bewegen, ohne zweimal darüber nachzudenken. Als sie an der Haupthalle vorbeikam, erregte ein vertrauter Duft ihre Aufmerksamkeit: Merrick. Sein Duft hing schwach im Konferenzraum voraus. Ein kleines Lächeln zog an ihren Lippen. Selbst nach Wochen war es ein kleiner Nervenkitzel, ihn in einer so häuslichen, menschlichen Spur zu ertappen – ein Beweis, dass diese mächtigen Alphas Stücke von sich in der Welt zurücklassen konnten. Sie trat auf die Tür zu und bemerkte, dass sie nicht allein war. Ein Mann erhob sich von einem Stuhl nahe dem Tisch, seine Haltung ruhig, aber befehlend. Seine Augen hoben sich zu ihren, und sie richtete sich instinktiv auf. „Oh. Ich… Es tut mir leid, ich wollte nicht stören“, sagte sie und trat leicht zurück. „Keine Ursache, sich zu entschuldigen“, sagte er mit einem kleinen Lächeln, seine Stimme warm und gleichmäßig. „Ich bin Mareck. Der Beta des Alphas, obwohl ich… eher einfach ihr engster Freund bin. Du musst Charise sein.“ Charise blinzelte ihn an, leicht überrumpelt von seinem lockeren Ton. Sie bot ein höfliches Lächeln und spürte die Wärme seiner Präsenz. „Ja. Schön, dich kennenzulernen, Mareck. Ich… Es tut mir leid, dass wir uns nicht früher getroffen haben.“ Er winkte ab. „Kein Problem. Ich hatte vor, vorbeizuschauen, aber… nun ja, die Alphas halten die Leute meistens an einem sehr strengen Zeitplan.“ Seine Augen huschten zur geschlossenen Tür des Konferenzraums, und Charises Puls beschleunigte sich leicht, sich der subtilen Autorität in seinem Blick bewusst, die mit Freundlichkeit gemildert war. „Das ist mir aufgefallen“, sagte sie leichthin und ließ ein Lachen entweichen. „Sie führen das Rudel tatsächlich mit absoluter Präzision.“ Marecks Grinsen wurde breiter, die Anspannung in seiner Haltung löste sich. „Und hier bist du. Ruhig. Bewegst dich hindurch, als würdest du hierhergehören. Sie sind normalerweise so… verkrampft, vor allem Merrick und Pagan. Sogar Lyon war bis ins letzte Detail beherrscht. Aber seit du da bist, gibt es… eine Veränderung. Sie haben sich entspannt. Weniger starr. Ich würde sagen, du hast sie aus der Fassung gebracht, aber auf gute Weise.“ Charise hob eine Braue, spürte, wie ihre Wangen leicht warm wurden. „Soll das ein Kompliment sein?“ Er lachte leise. „Absolut. Die meisten Leute könnten das nicht. Du hast eine seltene Art von… Präsenz. Das lässt sie sich entspannen. Auch wenn es nur ein bisschen ist.“ „Danke“, sagte Charise leise, fühlte sich überrascht und erfreut zugleich. Sie verlagerte ihr Gewicht und musterte den Mann vor ihr – ruhig, zugänglich, doch eindeutig jemand, der an Befehlsgewalt und Respekt gewöhnt war. „Es ist schön, endlich jemanden zu treffen, der nicht… Autorität von mir einfordert.“ „Das ist der Vorteil, wenn man sie lange kennt“, erwiderte Mareck, immer noch lächelnd. „Sie vertrauen mir. Und jetzt denke ich… ich kann sehen, warum sie auch dir vertrauen.“ Charise nickte und ließ die Worte sacken. Sie konnte das schwache Ziehen der Verbindung von den Alphas spüren, die sich anderswo im Haus aufhielten, subtil, aber unbestreitbar – Pagans Unruhe, Lyons ruhiges Summen, Merricks vorsichtige Wachsamkeit. Selbst hier war Marecks Präsenz ein erdender Kontrast, jemand, der das Trio von außerhalb der Intensität der inneren Abläufe des Rudels betrachten konnte. „Nun, ich will dich nicht aufhalten“, sagte Charise nach einem Moment und bot ein abschließendes höfliches Nicken. „Freut mich, dass du es getan hast“, sagte Mareck und neigte den Kopf. „Und Charise? Mach dir keine Sorgen. Die Alphas mögen dieses Anwesen wie eine Festung führen, aber du hast deine eigene… Präsenz hier. Das zählt.“ Charise lächelte, spürte eine subtile Erleichterung in ihrer Brust. Sie drehte sich um und ging den Korridor entlang, sich des leisen Summens der Verbindung bewusst, ihr Wolf regte sich in stiller Anerkennung. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht völlig allein dabei, dieses komplizierte Netz zu navigieren. Das Morgenlicht erstreckte sich in weichen goldenen Bändern über die Halle, fing sich auf poliertem Holz und dem schwachen Schimmer alter Schutzzauber, die in die Wände eingraviert waren. Charise bewegte sich leise durch das Anwesen, der Rhythmus des Ortes war ihr inzwischen halbvertraut. Das leise Murmeln der Bediensteten, das gelegentliche Echo einer sich schließenden Tür – sie lernte seine Geräusche, seinen Takt. Wochen waren vergangen, seit sie zum ersten Mal die Schwelle überschritten hatte, unsicher und gereizt, und doch atmete sie hier jetzt leichter. Die Luft fühlte sich nicht mehr wie ein Käfig an. Nur… unbekanntes Terrain, auf dem sie noch lernte, wie man steht. Ihr Wolf regte sich unter der Oberfläche – ein tiefes Summen in ihrer Brust, ruhig und lockend. Du willst sie, Charise. Du greifst bereits nach ihnen, auch wenn du so tust, als würdest du es nicht. Es ist in Ordnung, das zu wollen. Charises Lippen teilten sich zu einem leisen, widersprüchlichen Lachen. „Sie zu wollen ist nicht das Problem“, murmelte sie leise vor sich hin. „Es ist das, was danach kommt, das die Dinge immer ruiniert.“
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