Kapitel 78

1202 Words
Ihr Wolf stupste sie erneut an, geduldig und beharrlich. Spür es. Lass dich selbst es spüren. Du bist nicht allein. Charise schüttelte den Kopf. „Ich… ich weiß nicht, ob ich bereit bin.“ Ihre Stimme brach, die Worte waren kaum hörbar über dem leisen Tropfen des Wasserhahns. Ich kann ihnen das nicht zeigen… noch nicht. Sie lehnte sich nach vorn, drückte ihre Handflächen flach gegen die Arbeitsplatte, ihre Stirn ruhte auf ihren Händen. Ihr Haar, feucht von einer schnellen Spülung zuvor, klebte in ihrem Nacken. Ihre Brust hob sich unter dem Gewicht unausgesprochener Worte, von Scham und Schuld, die sie nicht loslassen konnte. Schließlich trat sie unter das heiße Wasser. Der erste Schwall Wärme auf ihren Schultern ließ sie leise nach Luft schnappen. Sie ließ es über ihr Haar laufen, über ihre Arme, und spürte, wie die Hitze in ihre Haut eindrang. Jeder Tropfen erdete sie, jeder Puls des heißen Wassers beruhigte das leise Summen der Bindung an ihren Rändern, obwohl sie sie immer noch spürte — Merrick, Lyon, Pagan —, wie sie Raum hielten, anboten, was sie noch nicht annehmen konnte. Ihr Wolf murmelte, fast lockend: Es ist okay. Du darfst sie wollen. Du darfst das nehmen, Stück für Stück. Sie werden warten. Charises Hände ballten sich an ihren Seiten, ihre Nägel drückten sich in ihre Handflächen. „Ich bin nicht… bereit, dass irgendjemand mich so sieht. Nicht… all das.“ Sie ließ das Wasser lange auf ihre Schultern prasseln, ließ sich die Anspannung in ihrem Körper spüren, den Schmerz in ihrer Brust, das Zittern in ihren Händen. Ohne sich zu bewegen, ohne zu denken, einfach die Hitze des Wassers und das schwache Summen der Bindung durch sich hindurchfließen lassen, eine stille Erinnerung daran, dass sie nicht mehr so allein war wie ihr ganzes Leben lang. Vor dem Badezimmer warteten die Alphas. Pagans Wolf knurrte tief, frustriert, bereit, die Tür einzureißen, nur um sie zu halten. Lyon schwebte in der Nähe, seine Hand schimmerte schwach mit zurückgehaltener Magie, wollte beruhigen, wollte sie erreichen, wo sie es nicht zuließ. Merrick stand still, die Kontrolle straff in jeder Linie seines Körpers, seine Brust schwer vor Sorge und Zurückhaltung. Sie warteten, weil sie wussten, dass sie Raum brauchte — auch wenn es ihnen wehtat, ihn zu geben. Charise blieb unter dem Wasser, ließ sich in dem Dampf existieren, ließ die Beharrlichkeit ihres Wolfs durch sich hindurchfließen. Sie war noch nicht bereit, nach ihnen zu greifen, noch nicht bereit, die Fürsorge anzunehmen, die sie so freizügig anboten, aber sie konnte sich selbst atmen lassen. Und das, entschied sie, war für den Moment genug. ** Der Konferenzraum war still, das späte Morgenlicht fiel schräg über das polierte Holz und fing die Kante der silbernen Kerzenleuchter ein, die unangezündet geblieben waren. Merrick lehnte sich gegen das Kopfende des Tisches, die Arme verschränkt, die Augen verengt — nicht auf etwas Greifbares, sondern auf das Gewicht, das von dem Zimmer, das sie zurückgelassen hatten, auf ihnen lastete. Lyon saß ein paar Stühle weiter, die Hände gefaltet, sein Geist lief durch tausend Möglichkeiten, ein sanftes Summen zurückgehaltener Magie lag in der Luft. Pagan stand nahe den Fenstern, die Schultern angespannt, der Blick auf die Gärten fixiert, als könnte das offene Grün seine Frustration verschlucken. „Sie hat sich wieder abgeschottet“, murmelte Pagan, mehr zu sich selbst als zu den anderen, mit angespanntem Kiefer. „Badezimmer. Tür. Kalt wie Stein. Und —“ Er presste die Worte heraus. „Und wir dürfen nicht rein.“ Merricks Augen huschten zu ihm. „Sie verarbeitet es. Wir können sie nicht zwingen.“ Seine Stimme war ruhig, aber der Unterton der Sorge schlich sich ein. „Wir müssen die Grenze finden zwischen… Schutz und Druck.“ Lyon atmete langsam aus und ließ seine Finger über die Maserung des Tisches gleiten. „Es geht nicht nur um Schutz. Sie… sie versucht, ihren Platz zu finden. Ihren eigenen Halt. Alles, was wir ihr hingeworfen haben — Fürsorge, die Bindung —, das ist alles neu.“ Sein Ton war gemessen, aber der Unterton von Zuneigung und Sorge war spürbar. „Und wir spüren es — wie viel sie zurückhält.“ Pagan schnaubte scharf. „Zurückhalten ist eine Untertreibung. Sie hat sich praktisch eingemauert. Und das Schlimmste? Ich kann sie nicht einmal mit meinem Wolf erreichen, ohne dass sie sich sträubt.“ Merricks Kiefer spannte sich an. „Sie ist es gewohnt, allein zu überleben, Pagan. Sie weiß nicht, wie es ist, so gesehen zu werden… wie jetzt. Nicht kämpfen zu müssen, nur um zu existieren.“ Die Anspannung im Raum hing so d**k, dass man daran ersticken konnte, jeder Alpha gefangen in seiner eigenen privaten Qual — Bewunderung, Frustration, Beschützerinstinkt, Liebe. Und dann schwang die Tür mit einem lauten Klopfen auf, das die zerbrechliche Stille zerschmetterte. „Ah“, sagte Mareck, trat ein mit einem lässigen Grinsen, die Hände in den Taschen. „Sieht aus, als hätte das Lunaris-Trio den Höhepunkt des Schmoll-Modus erreicht. Dachte, ich unterbreche mal.“ Pagan knurrte tief in seiner Kehle und trat instinktiv näher an den Eindringling heran, während Merrick und Lyons Augen sich schärften. „Mareck“, sagte Merrick flach, „wir sind nicht —“ „Ihr seid angespannt“, unterbrach Mareck und hob eine Hand, als wollte er sie segnen. „Ich kann es riechen. Bei euch allen dreien. Halb frustriert, halb vernarrt, komplett überbeschützend.“ Er grinste Pagan an. „Entspannt euch. Man sieht es euch an.“ Lyon zog eine Augenbraue hoch. „Und du hast das schon mal erlebt?“ Mareck zuckte mit den Schultern, immer noch lächelnd. „So ähnlich. Ihr seid nicht die Ersten, die sich schwer in jemanden verliebt haben, der noch nicht weiß, wie er es annehmen soll.“ Er deutete mit einer subtilen Geste auf Merrick und Pagan. „Vertraut mir, beruhigt euch. Ihr erstickt sie mit eurer Sorge, statt sie zu beschützen.“ Pagan bellte ein Lachen. „Und was weißt du schon davon? Du hast deine Gefährtin noch nicht einmal gefunden.“ Mareck hob die Hände in gespielter Kapitulation. „Habe ich nicht, habe aber nicht gesagt, dass ich eine nicht analysieren kann. Sensibler Typ, erinnerst du dich? Versuch’s mal irgendwann, Pagan. Könnte dir guttun.“ Merricks Lippen zuckten — fast ein Lächeln. Lyon ließ ein leises Lachen hören und schüttelte den Kopf. Sogar Pagans Knurren hatte einen Hauch von Belustigung darunter. Marecks Timing, seine lässige Selbstsicherheit, die Leichtigkeit, die er mitbrachte — es war wie ein Druckventil für ihre engen Brustkörbe. „Ihr seid hier, weil ihr euch sorgt“, fuhr Mareck fort und ging weiter in den Raum hinein. „Aber Sorge bedeutet nicht Schweben. Bedeutet nicht Mikromanagement. Charise ist klug. Sie ist sich bewusst. Sie braucht Raum, um sich anzulehnen, aber nicht Druck, noch nicht. Balance, Gentlemen. Balance.“ Lyon atmete aus und ließ seine Finger sich entlang des Tisches entspannen. „Balance…“, wiederholte er. „Wir müssen sie den ersten Schritt machen lassen, aber wir können trotzdem präsent sein.“ Merrick fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, die Anspannung ließ etwas nach. „Präsent sein, ohne überwältigend zu sein. Das kann ich… hinkriegen. Wahrscheinlich.“ Pagan murmelte unter seinem Atem: „Wahrscheinlich?“
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD