Kapitel 53

1517 Words
Lyon kniete sich neben Charise, vorsichtig und bedacht. „Ich habe dich“, murmelte er mit leiser Stimme. Er zog sein eigenes Hemd aus und legte sich neben sie, ähnlich wie zuvor Pagan. Haut an Haut. Er ließ sie sich an ihn lehnen. Sie seufzte leise, wach genug, um es bewusst zu tun, während die Anspannung des Tages Stück für Stück von ihr abfiel. Ihre Finger fanden instinktiv seinen Arm. Eine schwache, aber deutliche Anerkennung von Vertrauen. „Du bist in Sicherheit“, flüsterte er leise und ließ sie die Beständigkeit seines Herzschlags sowie das ruhige Summen seiner Anwesenheit durch das Band spüren. Charise atmete aus. Die Spannung wich aus ihren Schultern, während sie sich leicht gegen ihn lehnte. „... Ihr zwei seid lächerlich“, murmelte sie schwach. Ihre Stimme war von ihrem trockenen Humor geprägt. „Absolut lächerlich.“ Lyon lachte leise und drückte einen sanften Kuss auf ihre Schläfe. „Und du wirst uns nicht mehr los. So funktioniert das.“ Unten im Konferenzraum des Anwesens breitete Merrick Karten über den Tisch aus. Monitore leuchteten auf und zeigten Grenzen, Patrouillen und Geheimdienstinformationen aus den umliegenden Territorien. Leutnants und Betas standen bereit. Ihre Haltung war angespannt und diszipliniert. „Wir müssen den Gerüchten zuvorkommen“, sagte Merrick mit fester, kontrollierter Stimme. „Der Verrat von Wintercrest hat Folgen. Der Rat wird den Klatsch hören, bevor wir unseren Bericht einreichen können. Jeder Fehler könnte die umliegenden Rudel ermutigen.“ Pagan trat leise ein. Seine Stiefel klackten auf dem polierten Boden. Seine Präsenz beherrschte den Raum. Goldgrüne Augen glitten über die Anwesenden. Jede Linie seiner Haltung war angespannt. „Der Hinterhalt war geplant“, sagte er unverblümt. „Der Alpha von Wintercrest hat uns absichtlich in die Irre geführt. Seine Handlungen haben nicht nur Charise gefährdet, sondern auch unsere Grenzen. Das darf nicht unbeantwortet bleiben.“ Merrick nickte und ließ Pagan sprechen. Er gab der Perspektive seines Bruders auf den Hinterhalt Raum und Gewicht innerhalb ihrer Strategie. „Die Verteidigungsstellungen werden verdoppelt. Die Patrouillen verstärkt. Nichts bewegt sich ohne meine Genehmigung hinein oder hinaus. Hat das jeder verstanden?“ Die Fragen kamen sofort. Risiken für benachbarte Gebiete. Mögliche Reaktionen des Rates. Die Stabilität innerhalb von Wintercrest. Merricks Antworten waren scharf, kontrolliert und autoritär. Pagan ergänzte seine Beobachtungen vom Einsatzort, verdeutlichte die Unmittelbarkeit der Bedrohung und bekräftigte die bereits eingeleiteten Schutzmaßnahmen. Außerhalb des Konferenzraums funktionierte das Anwesen wie ein Uhrwerk. Lyons Magie hatte die Verwundeten gestärkt. Die Männer und Mitarbeiter folgten Merricks Anweisungen nahtlos. Jede Bewegung. Jeder Befehl. Jede kleine Geste. Alles unterstrich die perfekte Koordination der Alphas. Und irgendwo inmitten all dessen ruhte Charise. Behütet. Geschützt. Ihre Anwesenheit war ein stiller Anker, der sich durch alle von ihnen zog. Das Zimmer war still. Mondlicht fiel durch die hohen Fenster und warf lange, blasse Streifen über das Bett. Lyon lag neben Charise. Ihr Kopf ruhte knapp über seinem Herzen. Ein kleines, zerbrechliches Gewicht. Er konnte das sanfte Heben und Senken ihres Atems spüren. Die Decken waren über sie beide gezogen. Doch die Wärme ihrer Haut und das feine Zittern ihres Pulses drangen hindurch. Sie erdeten ihn auf eine Weise, wie es nichts anderes konnte. Behutsam legte er einen Arm um sie. Er hielt sie nah bei sich. Achtsam gegenüber ihrem Freiraum und doch bewusst, wie klein und hartnäckig unabhängig sie immer noch war. Ihre verbliebene Magie summte schwach. Ein feiner Faden im Band. Sie regte sich am Rand seiner Wahrnehmung. Lyon strich ihr eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein Daumen verweilte an ihrer Schläfe. Sie bewegte sich leicht an ihn heran und seufzte leise. Eine stille Bestätigung, dass sie ihn ebenfalls spürte. Ihr Wolf murmelte unter der Oberfläche. Unruhig. Aber nicht alarmiert. Er ließ ihn seinen eigenen Wolf berühren. Er ließ ihre Stärke und Widerstandskraft sich an ihn lehnen. „Du warst schon immer entschlossen“, flüsterte er. Seine Stimme war so leise, dass sie beinahe in der Stille verloren ging. „Selbst dann, wenn dein Körper dir sagt, du sollst aufhören.“ Ein kleines Zittern durchlief sie. Ein flüchtiger Hauch von Anspannung und Sturheit strich über seine Sinne. Er legte seine Hand leicht auf ihre Schulter. Spürte den Puls unter ihrer Haut. Das schwache Echo des Sturms, den sie selbst in ihrer Erschöpfung in sich trug. Dann geschah es. Das Band flammte ohne Vorwarnung auf. Lyon hatte sich zu tief darauf konzentriert. Und plötzlich spürte er, wie ihre unbewussten Ängste ihn berührten wie Feuer. Eine Vision explodierte in seinem Geist. Ein brennendes Feld. Chaos und Rauch. Sein Körper, der unter unsichtbaren Schlägen zu Boden ging. Schmerz durchfuhr ihn, als läge er selbst dort. Verletzt. Verwundet. Ringend nach Luft. „Lyon ...“ Ihre Stimme war schwach. Traumhaft. Durch das Band getragen. Ein Zittern aus Panik und instinktivem Beschützerdrang vibrierte gegen ihn. Er schnappte nach Luft und spannte sich leicht an, um der Vision standzuhalten. Dabei spürte er, wie sie sich auf ihm bewegte. Ihre Lippen öffneten sich zu einem leisen, undeutlichen Murmeln. Worte, die er nicht ganz verstehen konnte. Angst zog sich durch ihren Schlaf. Beide fuhren im selben Augenblick hoch. Charises Augen rissen auf. Silbergrün. Mit grauen Sprenkeln. Panik und Schuld spiegelten sich darin. „Es tut mir leid“, flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Ich wollte nicht ...“ Lyon zog sie näher an die Rundung seiner Brust. Sein Arm schloss sich etwas fester um sie. Er strich ihr erneut die feuchten Haare aus dem Gesicht. „Es ist in Ordnung, mein Licht“, sagte er sanft. Bewusst ruhig. „Alles ist gut.“ Ihr Körper entspannte sich an ihn gelehnt. Das Zittern ließ nach. Die Röte aus Verlegenheit und die verbliebene Angst wurden schwächer. Sie bewegte sich leicht, und er spürte, wie ihr Herzschlag sich dem seinen anpasste. Das Band pulsierte schwach unter seiner Haut. Eine sanfte, rhythmische Bestätigung von Vertrauen. Von Sicherheit. Von Verbundenheit. Lyon ließ seine Finger leicht über ihre Schulter gleiten. Er spürte, wie das Zittern nachließ. Spürte die Wärme ihrer Haut. Das schwache Summen ihrer Magie. Sie seufzte erneut leise. Und er fühlte es in seiner Brust. Ein Echo aus Erleichterung und vorsichtigem Vertrauen, das sich zwischen ihnen spannte. „Schhh“, murmelte er in ihr Haar. Seine Stimme war tief genug, um ihr Ohr zu streifen. „Du bist in Sicherheit.“ Zum ersten Mal seit Tagen atmete sie vollständig aus. Sie erlaubte sich, sich gegen ihn sinken zu lassen. Auch Lyons eigene Anspannung ließ nach. Die Überreste des Schlachtfeldes. Der Hinterhalt. Die erschöpfende Reise. Alles löste sich auf, während er sie festhielt. Still ließ er das Band zur Ruhe kommen. Bewusst über die tieferen Verbindungen, die sich zwischen ihnen bildeten. Psychisch. Emotional. Eine Verbindung, die gerade erst begann, sich zwischen allen drei Alphas und ihr auszudehnen. Sie miteinander zu verweben auf eine Weise, die noch keiner von ihnen vollständig verstand. Und in dieser stillen, geteilten Wärme erlaubte Lyon sich einfach zu sein. Sie zu halten. Ihre Anwesenheit zu spüren. Die Fäden von Vertrauen und Schutz zwischen ihnen pulsieren zu lassen. Haut an Haut. Herzschlag an Herzschlag. Seele an Seele. Der Flur war still. Nur das leise Zischen des Feuers in den kunstvollen Wandhalterungen war zu hören. Merricks Haltung war starr. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er blickte auf die Straßen der Stadt hinunter. Die schneebedeckten Dächer von Black Hallow erstreckten sich bis in die Ferne. Pagan lehnte neben ihm am Geländer. Sein Kiefer war angespannt. Seine goldgrünen Augen blitzten immer wieder auf und reflektierten das Feuerlicht. Und das leise Summen seines kaum gebändigten Zorns. „Du hast gehört, was sie gesagt haben“, murmelte Pagan schließlich. Seine Stimme war tief und vom Wolf in ihm durchzogen. „Wintercrest ... Alpha Darius ist wütend. Aber der Rat ... sie werden murren, vielleicht diskutieren, vielleicht ein paar Nachrichten schicken, aber mehr als Worte wird es nicht geben. Glaubst du, Darius wird handeln?“ Merricks Blick löste sich nicht von der Stadt. „Er sitzt in der Falle. Und wenn man einen Alpha in die Enge treibt, der sein Gesicht verloren hat ... ja, er wird wütend sein. Aber er muss die Kosten abwägen. Direkt gegen die Lunaris-Rudel vorzugehen? Das kann er nicht. Nicht, ohne mehr zu verlieren, als er zu riskieren bereit ist.“ Pagans Finger spannten sich am Geländer an. Seine Krallen drohten hervorzutreten. „Er wird uns testen. Er wird Bauern schicken. Kleine Angriffe. Nur um zu sehen, wie wir reagieren.“ Ein Knurren vibrierte tief in seiner Brust. Eine instinktive Warnung an Merrick. An jeden, der sie hören könnte. „Ich kann es bereits riechen. Seine Frustration ... sie ist reif. Und mein Wolf—“ Er zögerte. Seine Stimme sank zu einem rauen Flüstern. „—mein Wolf will Blut.“ Merricks Lippen zuckten. Fast zu einem trockenen Grinsen. Doch seine Augen blieben stahlhart. „Pagan, das kannst du nicht tun. Nicht wegen solcher Kleinigkeiten. Darius ist ... bedeutungslos, solange wir ihn nicht zu etwas Größerem machen. Wir bestimmen die Geschichte. Wir beschützen die Unseren, ja, aber das Rudel – Charise – ist das, was im Moment zählt. Alles andere ist zweitrangig.“
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