Kapitel 57

893 Words
Es gab ihm Halt – die Präzision, die Disziplin. Bis sich etwas im Hinterkopf veränderte. Ein Ziehen. Sanft, warm, unverkennbar. Er erstarrte mitten im Schritt. Sie. Sein Wolf hob sofort den Kopf, die Ohren stellten sich auf, die Rute zuckte interessiert. Das Gefühl streifte ihn wie ein warmer Atemzug – inzwischen vertraut, aber immer noch genug, um ihn völlig abzulenken. Er musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wo sie war. Die Bindung zog ihn zur oberen Terrasse – leicht, neckend, neugierig. Trotz allem schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht. „Fahrt mit den Formationsübungen fort“, befahl er mit tiefer, weit tragender Stimme. Die Krieger gehorchten ohne Zögern. Er rollte einmal die Schultern, löste die Spannung darin und drehte sich dann um. Da war sie. Oben auf den Stufen stehend, einen Apfel in der Hand, während das Sonnenlicht durch ihr Haar glitt wie geschmolzenes Gold. Es war noch feucht und kringelte sich leicht an den Spitzen, einige Strähnen klebten an ihrem Hals. Die Lederjacke schmiegte sich an ihre Figur, das schwarze Shirt darunter zeichnete die Kurve ihrer Taille nach. Und ihre Jeans – bei den Göttern – saßen, als wären sie einzig dazu geschaffen worden, seine Geduld auf die Probe zu stellen. Sein Wolf brummte zustimmend. Unsere sieht gut darin aus. „Halt den Mund“, murmelte Pagan unter seinem Atem, während sich sein Kiefer anspannte und er auf sie zuging. Sie beobachtete ihn – den Kopf leicht schräg gelegt, dieses kleine Grinsen auf den Lippen, als wüsste sie ganz genau, was sie tat. Ihre Augen, dieses seltsame Grau-Grün, fingen das Morgenlicht ein und schimmerten stärker smaragdgrün, funkelnd mit etwas zwischen Herausforderung und Schalk. Als er die untersten Stufen erreichte, hatten seine Krieger immerhin den gesunden Menschenverstand, Abstand zu halten. „Nun“, sagte sie, als er näherkam, ihre Stimme ruhig und neckend. „Du führst hier ein straffes Regiment, Alpha.“ Er blieb gerade nah genug stehen, dass die Wärme zwischen ihnen unübersehbar war. „Du solltest dich ausruhen, kleiner Sturm.“ „Ich hatte genug vom Ausruhen.“ „Du solltest noch nicht wieder auf den Beinen sein.“ „Eigentlich stehe ich auf beiden.“ Sie hob den angebissenen Apfel leicht an und tat nachdenklich. „Scheint, als würden sie ganz gut funktionieren.“ Sein Mundwinkel zuckte. „Findest du das lustig?“ „Irgendwie schon. Du bellst Befehle wie ein Feldwebel.“ „Ich bin ein Feldwebel.“ „Stimmt“, sagte sie und unterdrückte ein Grinsen. „Dann ergibt das alles Sinn.“ Er machte einen langsamen Schritt auf sie zu; sie wich nicht zurück. „Du testest mich gern, oder?“ Ihr Kinn hob sich ein wenig. „Du machst es einem so leicht.“ Pagan lachte leise in sich hinein – tief und rau. Dann, bevor sie reagieren konnte, schloss er die Distanz zwischen ihnen und stützte einen Arm gegen die Steinwand direkt neben ihrem Kopf. Sein Schatten fiel über sie, und die Luft zwischen ihnen wurde dicht und elektrisch. Ihr Puls stockte. Er konnte ihn hören. Riechen. Der Duft ihrer Haut – saubere Seife, Kiefernholz und etwas, das einzigartig ihr gehörte – zog durch seine Brust und sank tief in ihn hinein. Seine andere Hand hob sich und strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Seine Finger verweilten an ihrem Kiefer und glitten dann die Linie ihres Halses hinunter. Die Berührung war klein, aber bewusst genug, um ihren Atem stocken zu lassen. Sein Blick blieb an den blassen Linien entlang ihres Schlüsselbeins hängen, an den schwachen Narben, die unter dem Kragen ihres Shirts verschwanden. Ältere Narben zogen sich über ihren Unterarm, silbrig und unregelmäßig. Der Wolf in ihm knurrte – tief, beschützend, urtümlich. Ihre Augen huschten nach unten, bemerkten, wohin er sah, und sie spannte sich an. „Die sind alt“, sagte sie schnell. „Nicht—“ „Wer?“ „Das spielt keine Rolle.“ „Für mich schon“, sagte er. Die Worte waren leise und gefährlich. Sein Kiefer spannte sich an, während seine Stimme etwas weicher wurde. „Wenn dich jemals wieder jemand anfasst, muss er sich mit mir auseinandersetzen.“ Da traf ihr Blick seinen – scharf, wachsam, aber nicht kalt. „Ich kann auf mich selbst aufpassen.“ „Das weiß ich“, murmelte er. Sein Daumen strich langsam und bewusst über die Innenseite ihres Handgelenks. „Aber das musst du nicht mehr.“ Etwas in ihrem Ausdruck geriet ins Wanken. Die Mauer, die sie immer zwischen ihnen aufrechterhielt, bekam einen kleinen Riss. Er sah die Frau unter der Rüstung – wild, stur und so verdammt müde davon, allein zu kämpfen. Ihr Atem kam langsam. Kontrolliert. Dann regte sich ihre Wölfin – er spürte es – ein sanftes Summen von Wärme, das sich durch die Bindung gegen seine Brust drückte. Sie trat näher, die Bewegung instinktiv, ihre Hand streifte seinen Arm, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Ihre Lippen berührten seine Wange – leicht, flüchtig, zögernd – doch der Funke, der zwischen ihnen übersprang, traf ihn wie ein Blitz. Pagans Atem stockte. Sein Wolf wurde still. Sie zog sich als Erste zurück, die Augen weit geöffnet, während sich ein Hauch von Verlegenheit auf ihre Wangen legte. „Das war nicht—“ Er lächelte schwach, ein Mundwinkel hob sich. „Du musst es nicht erklären, kleiner Sturm.“
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