Kapitel 59

854 Words
„Meine Mama sagt, du hast uns gerettet“, sagte die Kleine nach einem Moment. „Sie hat gesagt, du bist die Silberne Lady. Diejenige, die die Bösen vertrieben hat.“ Charises Hand hielt mitten in der Bewegung inne, und der Wachsmalstift zog einen blauen Streifen über den Schwanz des Wolfes. Ihre Brust zog sich zusammen. „Die Silberne Lady, hm?“, murmelte sie mit leiser Stimme, die an den Rändern leicht zitterte. „Klingt dramatisch.“ Das Mädchen kicherte erneut und lehnte sich ohne Zögern an Charises Seite – und etwas tief in Charises Brust brach auf, klein und ungewohnt. Warm. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht wie etwas, vor dem man Angst haben musste. Sie fühlte sich einfach nur ... gesehen. Am anderen Ende des Raumes hob Lyon den Kopf – er spürte die Veränderung, noch bevor seine Augen sie fanden. Und für einen Moment schien die ganze Krankenstation stillzustehen. Der Puls der Magie floss durch Lyons Hände, gleichmäßig und kühl – Mondlicht, das in Haut, Knochen und Muskeln gezogen wurde. Seine Konzentration ließ selten nach, wenn er arbeitete; sie durfte es nicht. Ein einziger Moment der Ablenkung, und der Zauber würde sich auflösen, Schmerzen würden aufflammen, Wunden würden wieder aufbrechen. Doch dieses Mal ... zog etwas an ihm. Sanftes Lachen. Klein und hell – nichts, was er oft innerhalb der Mauern der Krankenstation hörte. Er blickte auf. Auf der anderen Seite des Raumes, hinter den Feldbetten, saß Charise im Schneidersitz neben einem jungen Welpen. Einige Wachsmalstifte lagen verstreut auf dem Boden, ihre Jacke war halb von einer Schulter gerutscht, und Sonnenlicht fing sich in ihrem noch feuchten Haar. Das kleine Mädchen plapperte fröhlich vor sich hin und malte etwas aus, das aussah wie ein Wolf mit Sternen im Fell. Und Charise lächelte. Nicht dieses vorsichtige, scharfkantige Grinsen – das hier war etwas Ungeschütztes, beinahe Schüchternes. Ihre Augen wurden weich, ihre Lippen hoben sich leicht, und ihr ganzes Gesicht veränderte sich dadurch. Lyons Brust zog sich zusammen. Die Frau, die vor wenigen Tagen blutüberströmt, gebrochen und schweigsam angekommen war, saß nun lachend mit einem Kind auf dem Boden seiner Krankenstation – und der Anblick traf ihn mit einer Wucht, die er nicht erwartet hatte. Sein Wolf regte sich sofort und drängte gegen seine Selbstbeherrschung. Unsere, flüsterte er, nicht mit Dominanz, sondern mit Ehrfurcht. Langsam atmete er aus, erdete sich und vollendete die letzte Heilungsversiegelung bei dem Krieger vor ihm. Das Leuchten verblasste von seinen Handflächen, die Wunde schloss sich, und er murmelte etwas Beruhigendes, bevor er sich erhob. Als er den Raum durchquerte, bemerkte Charise ihn zunächst nicht. Sie war zu sehr damit beschäftigt, sich zu dem Welpen hinüberzubeugen, ihre Stimme leise und neckend. „Ich glaube nicht, dass Wölfe normalerweise lila Schwänze haben“, sagte sie. Das Mädchen grinste zu ihr hoch. „Dieser hier schon. Sie ist magisch.“ Charise lachte leise. „Dann nehme ich alles zurück.“ Lyon lächelte – er konnte nicht anders – und ließ sich neben ihnen nieder. Das Geräusch seiner Stiefel war auf dem polierten Holzboden kaum zu hören. Sein Knie berührte leicht den Rand des Blattes, und seine Stimme war ein leises Murmeln dicht an ihrem Ohr. „Was haben wir denn hier?“, fragte er. Charise blickte auf, ihre Augen funkelten schelmisch. „Ich ... male ... und trainiere meine Fantasie.“ Er stieß ein leises Lachen aus. „Mein Licht, du bist unmöglich.“ Ihre Augenbraue hob sich, und dieser neckende Funke war immer noch da. Die Augen des Welpen wanderten zwischen ihnen hin und her, bevor sie begeistert aufkeuchte. „Du magst sie!“, verkündete sie mit der unverblümten Ehrlichkeit einer Sechsjährigen. Charise erstarrte mitten im Atemzug, gefangen zwischen Belustigung und Verlegenheit. Lyon hingegen machte nicht einmal den Versuch, es abzustreiten. Er neigte den Kopf leicht zum Mädchen, während seine Augen auf Charise blieben und seine Stimme weicher wurde. „Sehr sogar“, sagte er schlicht. Etwas Elektrisches durchlief in diesem Moment die Bindung – nicht Hitze wie bei Pagan, nicht Autorität wie bei Merrick –, sondern eine stille, tiefe Resonanz. Die Art von Resonanz, die unter der Haut summt und sich im Herzen niederlässt. Charises Wolf trat hervor und streifte ihn wie ein neugieriges Flüstern. Und sein Wolf, stets gefasst, lehnte sich einfach dagegen. Der Welpe kicherte erneut und hielt ihr fertiges Bild hoch. „Ich werde es meiner Mama zeigen!“ Sie rannte zu den anderen Heilern hinüber und ließ die beiden allein zurück. Stille blieb zurück – nicht unangenehm, sondern warm. Lyon betrachtete ihr Profil, die leichte Röte auf ihren Wangen, die Art, wie ihre Wimpern Schatten auf ihre Haut warfen. Er streckte die Hand aus und strich ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Finger streiften ihren Wangenknochen und verweilten einen Herzschlag länger, als sie sollten. „Du heilst schneller als erwartet“, murmelte er, seine Stimme inzwischen von mehr als nur Sorge aufgeraut. Ihre Lippen hoben sich leicht. „Muss wohl an der Gesellschaft liegen.“ Er lächelte, und kleine Fältchen bildeten sich in den Augenwinkeln. „Oder an deiner Sturheit.“
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