Neben ihm brannte der zweite Wolf rotbraun und golden, noch größer als der schwarze. Sein Fell fing das Mondlicht wie Flammen ein, und die Luft um ihn herum schimmerte vor Hitze trotz der Kälte. Sein Blick war scharf, abschätzend, wie ein Raubtier, das entscheidet, ob es zuschlagen oder verschonen soll.
Und der Dritte —
Silberweißes Fell, das schwach unter dem Mond leuchtete, irisierende Lichtadern pulsierten über seine Gestalt, als hätten die Sterne selbst unter seiner Haut Wurzeln geschlagen. Seine Augen — blau-weiß und durchdringend — trafen auf ihre.
Etwas brach in der Luft zwischen ihnen auf.
Es klang nicht. Es war kein Geruch.
Es war ein Sog — tief, magnetisch, falsch und richtig zugleich. Magie wand sich durch ihre Adern, reagierte, bevor sie sie stoppen konnte. Ihr Wolf bäumte sich in ihr auf, heulte eine Erkenntnis, die sie nicht verstand. Die Verbindung pulsierte, elektrisch und uralt, ihr Puls synchronisierte sich für einen unmöglichen Herzschlag mit seinem.
Charise stolperte einen Schritt zurück, die Brust eng, ihre Haut prickelte vom Nachhall ihrer Magie. Die drei Wölfe standen reglos, still und wachsam, ihre Aufmerksamkeit vollständig auf sie und den blutenden Späher zu ihren Füßen gerichtet.
Ihre Kehle fühlte sich trocken an. Instinktiv bleckte sie die Zähne und zischte leise: „Oh, f**k me.“
Ihr Blick huschte zwischen ihnen hin und her, kalkulierend.
Keine Abtrünnigen würden so still stehen. Kein gewöhnliches Rudel konnte eine so dichte Aura von Macht ausstrahlen. Wer auch immer sie waren — was auch immer sie waren —, sie waren nicht die Art von Wölfen, gegen die sie kämpfen konnte.
Der Sog zwischen ihr und dem silberweißen Wolf vertiefte sich, ihr Wolf drängte nach vorn, sehnte sich danach zu antworten. Bleib, flüsterten ihre Instinkte. Bleib und finde heraus, warum.
Aber Charise zwang es nieder. Mit zusammengebissenen Zähnen schob sie die Sehnsucht ihres Wolfs beiseite. Sie konnte sich das nicht leisten. Nicht jetzt. Nicht mit dem Späher, der noch lebend neben ihr lag, und drei Alphas — oder etwas verdammt Nahem — die ihr den einzigen Ausweg versperrten.
Ein Stöhnen entwich dem Mann an ihrer Seite, leise und schwach. Das Geräusch riss ihre Aufmerksamkeit zurück.
Sie drehte sich zu ihm um, und als sie wieder zurückblickte — nur für einen Augenblick — waren die Augen des silberweißen Wolfs noch immer auf ihre fixiert.
Charises Puls setzte aus. Dann rannte sie los.
Schnee wirbelte hinter ihr auf, als sie barfuß in die Dunkelheit sprintete, die Kälte biss tief in ihre Haut. Sie blickte nicht zurück, wagte es nicht. Sollten sie sich um ihren Späher kümmern. Sollten sie die Magie infrage stellen, die ihn gerettet hatte.
Alles, was sie interessierte, war zu verschwinden, bevor sie beschlossen, dass sie eine Bedrohung war.
Aber selbst als sie in den Schatten des Waldes verschwand, konnte sie es noch spüren — das schwache Echo dieser Verbindung, die Art, wie ihr Herz im Takt mit seinem gestolpert war.
Und das war der Teil, der ihr am meisten Angst machte.
**
Das Hämmern begann noch vor der Dämmerung.
Charise schreckte aus dem Schlaf hoch beim Geräusch einer Faust, die gegen ihre Hüttentür schlug — drei scharfe, ungeduldige Schläge, die den Rahmen zum Rattern brachten. Ihr Kopf pochte. Jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte, als wäre sie die ganze Nacht gegen Stein statt gegen ein Bett geworfen worden.
Einen Moment lang lag sie still, in Decken verheddert, und starrte an die Decke. Ihr Wolf war bereits wach — unruhig, gereizt, murmelte im Hinterkopf wie ein alter Freund mit einem Groll.
Du hättest nicht wegrennen sollen.
Charise stöhnte leise und bedeckte ihr Gesicht mit einer Hand. Ja, danke für die Erinnerung.
Bilder der vergangenen Nacht flackerten ungebeten auf: Aufblitzen von weißem Fell, Augen wie Licht durch Eis, die rohe Kraft dieses Sogs, der sich um ihre Brust gewickelt und nicht mehr losgelassen hatte. Der silberne Wolf. Dann die ruhige Macht des schwarzen. Der brennende Blick des rotgoldenen. Die Erinnerung ließ ihren Magen sich zusammenziehen.
Das Hämmern kam erneut, diesmal schärfer.
„Charise.“
Ihr Wolf schnaubte. Tobias.
Sie zog sich mühsam hoch, stöhnte, als die Bewegung Schmerz durch ihre Rippen und Oberschenkel jagte — Überreste des Kampfes und der Magie, die sie fast völlig ausgelaugt hatte. Die Hütte fühlte sich kälter als sonst an, das schwache Morgenlicht sickerte durch die Vorhänge.
Als sie sich vom Bett abstieß, merkte sie, dass sie immer noch nackt war. Typisch. Sie hatte letzte Nacht keine Energie mehr gehabt, um Kleidung zu suchen, bevor sie zusammengebrochen war. Ihre Haare waren ein Wirrwarr — Locken verfilzt, getrocknetes Blut an einem Unterarm, Schmutzstreifen über ihren Beinen.
„Schon gut, schon gut, behalt dein Fell an“, murmelte sie, taumelte zum kleinen Kleiderschrank an der Wand.
Sie griff nach dem Ersten, was sie erreichen konnte — ein übergroßes schwarzes T-Shirt aus einem Stapel halb gefalteter Wäsche — und zog es sich über den Kopf. Es reichte ihr bis zur Mitte der Oberschenkel, weich und dünn getragen. Sie machte sich nicht die Mühe mit einer Hose. Wenn Tobias sie so früh anschnauzen wollte, konnte er es tun, während er ihre mangelnde Begeisterung für Schicklichkeit würdigte.
Das Hämmern kam erneut. „Charise, mach verdammt noch mal die Tür auf.“
„Ja, ja.“ Sie drehte den Riegel und zog die Tür auf.
Tobias stand dort, groß und breitschultrig, sein blondes Haar windzerzaust und sein Kiefer so fest zusammengepresst, dass er Zähne knacken konnte. Sein Wolf brodelte direkt unter der Oberfläche — Gereiztheit strahlte von ihm ab wie Hitze.
„Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?“, schnappte er, bevor sie auch nur sprechen konnte. „Du hast die Gedankenverbindung letzte Nacht geschlossen — der Alpha versucht schon den ganzen Morgen, dich zu erreichen.“
Charise blinzelte ihn unbeeindruckt an. „Du hämmerst vor dem Frühstück gegen meine Tür, um mir zu sagen, dass ich Darius’ kleinen Gedankenruf nicht beantwortet habe? Götter, Tobias, krieg dich mal wieder ein.“
Seine Augen verengten sich. „Du findest das lustig? Nach letzter Nacht solltest du besser aufpassen, was du sagst. Er ist wütend.“
„Wütend?“ Sie lehnte eine Schulter gegen den Türrahmen, täuschte Gleichgültigkeit vor, während sich ihr Magen zusammenzog. „Worüber ist er überhaupt wütend?“
Tobias stieß ein scharfes, humorloses Lachen aus. „Stell dich nicht dumm. Alle reden darüber. Abtrünnige in der Nähe des Grats, eine Patrouille beinahe ausgelöscht, und dann —“ Er gestikulierte vage, seine Stimme senkte sich. „— hat jemand da draußen Magie benutzt. Die Art, die die Luft stundenlang summen lässt. Willst du mir wirklich erzählen, dass du das nicht warst?“
Charises Miene flackerte nicht, doch der Puls in ihrer Kehle beschleunigte sich. „Ich wusste nicht, dass du jetzt Nachtpatrouillen-Tratsch betreibst.“
„Musste ich nicht. Die Hälfte der Späher erzählt, dass drei riesige Wölfe direkt danach im Wald gesehen wurden. Was auch immer da passiert ist — Darius will Antworten. Und wenn er herausfindet, dass du involviert warst…“ Er zögerte. „Du weißt, wie er ist.